Auf dem Nachhauseweg von der Josefstadt durch den Augarten. Eisiger Wind. Das Blau des Himmels (wird) durch Wolken immer wieder verdeckt, aber die Sonne mühte sich. Diesen Beitrag in Gedanken bereits geschrieben. Aber dann, sitze ich endlich am Schreibtisch, die Finger noch klamm, beginnt das gedankliche Streichen und Ändern. Schließlich entsteht ein völlig anderes Textstück. Aus dem Hier und Jetzt geboren – aber im Gestern gedacht. Ein Rückblick, also. Am letzten Tag des Jahres 2025. Dabei ist es der Ausblick auf die nächsten 13 Tage, der mich antreibt und befeuert. Liebend gerne würde ich jetzt an der Kampagne feilen und schleifen. Aber zuerst gilt es, das Jahr abzuschließen. Ich bin Schriftsteller. Ich darf mich nicht nur auf Erinnerungen verlassen, die verblassen und vergehen.
Ende des letzten Jahres übermittelte mir meine ausgesuchte Lektorin aus Stuttgart das vollständig von ihr durchgesehene Manuskript von Azadeh. Es gab – wie zu erwarten – Fehler, Anmerkungen und Verständnisfragen. Ein oder zwei Telefonate später machte ich mich an die Einarbeitung. Oder sagen wir: Ich wollte im Januar ernsthaft damit beginnen. Aber da kam mir das Angebot ins Haus geflattert, an einem mehrwöchigen Impro-Workshop teilzunehmen. Kam es nicht wie gerufen? Schließlich, sagte ich mir, würde ich mit Azadeh bald im Rampenlicht stehen und Rede und Antwort parat haben müssen. Also ließ ich die Überarbeitung sein und improvisierte gemeinsam auf der imaginären Bühne. Diese Wochen würfelten das sonst so beschauliche Leben eines Dichters und Denkers gehörig durcheinander. Im Zuge der vielen Begegnungen ergab es sich, dass ein Guru des WordPress-Blocksy-Themes einen ebenfalls mehrwöchigen Workshop abhielt. Ich konnte nicht umhin – wollte ich nicht meine HTML-Webseite aus den Anfängen der grauen Vorzeit (2005) ins Heute holen? Ja, es blieb mir wahrlich keine Wahl. Viele Wochen vergingen, in denen ich intensiv kreativ arbeiten durfte – aber die Daten- und Informationsmenge, die sich im Laufe der vielen Jahre angesammelt hatte, war kaum zu bändigen. Viele schlaflose Nächte mussten verträumt werden, bis ich das Konvolut in eine passende Form zwängte. Das Foto auf der Einstiegsseite, das mich lächelnd zeigt, stammte übrigens von der Künstlerin Margo, die sich ebenfalls dem Impro hingab. Wer sie noch nicht gesehen hat, meine neue WordPress-Webseite, bitte sehr, sie steht 24/7 geöffnet. Wermutstropfen ist leider eine oftmals zähe Ladedauer. Da werde ich mit meinem US-Hoster ein ernstes Wörtchen reden müssen – oder ist es diese Blackbox WordPress, die sich wie ein Sattelschlepper anfühlt?
Impro-Workshop gehörte bereits der Vergangenheit an. Die WordPress-Webseite erstellt. Ostern 2025. Ich arbeitete endlich an der Fertigstellung des Buches. Dann kam dieser Ostersonntag. Vormittag. Ich saß um 8 Uhr bereits an meinem kleinen Tischchen in der Kurkonditorei Oberlaa, nicht unweit des Stephansplatzes, und schrieb Tagebuch. Ein Morgen, der nach dem ersten Schluck des Mokkas nach Unendlichkeit schmeckte. Ich musste in eine besondere Stimmung gefallen sein. Jedenfalls schrieb ich am Laptop ohne viel nachzudenken das Universum 2, der allerletzte Baustein, der schließlich und endlich, nach exakt 23 Jahren, die Klammer zu Universum 1 schließen sollte. Seltsam. Weil dieses allerletzte Kapitel niemals vorher (oder nachher) geschrieben hätte werden können. Und da sind wir auch schon in jenem Universum, das ich Azadeh nenne und zeitlos das Thema verhandelt, ob unser Leben einzig auf eine Aneinanderreihung von Zufällen basiert oder ob unser Dasein einer göttlich-musischen Fügung unterworfen ist. Aus meiner Erfahrung, die ich mit Azadeh über die vielen Jahre machte, muss ich von einer glücklichen Fügung sprechen, die den Hauch eines Zaubers hat. Anders ist es nicht zu beschreiben. Alles fügte sich. Ohne Zwang. Ohne Zutun. Als wäre es bereits längst vorgesehen gewesen.
Gewiss, der nüchterne Mensch unserer Zeit – zivilisatorisch geprägt, realistisch geschult – hat für solchen zauberhaften Firlefanz nichts übrig. Das System muss mit seinen vielen Zahnrädern, großen wie kleinen, am Laufen gehalten werden. Punktum. Deshalb ist Azadeh geschrieben worden. Ich kann gar nicht sagen, ob ich es geschrieben habe oder präziser formuliert: ob ich die Feder führte. Ja, noch jetzt, nach 23 Jahren, verstehe ich nicht, warum ausgerechnet dieser träumende Junge, längst im fortgeschrittenen Alter von 32 Jahren, Besuch aus Helikon erhielt. Auf einer langweiligen Bank, irgendwo in der Stadt, bin ich damals gesessen. Dachte an S. Dachte an Bariccos Buch „Seide“. Dachte an eine kurze Geschichte. Da war sie. Die Eingebung. Sie fuhr „zauberhaft ins Gehirn“ – und löste eine Reise aus, die in diesem Jahr Zwischenstation gemacht hat, aber ihr Endziel noch lange nicht erreicht hat. Jedenfalls will ich das glauben. Huh. Die geneigte Leserin, der geneigte Leser (später, wenn ich auf diesen Moment zurückblicke, bin ich auch nur noch ein „geneigter Leser“) werden es nicht verstehen können, wie sehr mich dieser Musenkuss bis ins Tiefste erzittern und mich in eine sentimental-melancholische Stimmung fallen lässt. Ja, das Wunder der glücklichen Fügung.
Zurück. Universum 2 war geschrieben. Das Buch somit fertig. Wirklich fertig, sagte ich mir und suchte nach einem Korrektorat für die bald erstellte Druckfahne. Und auch hier gab es wiederum Zufälle, die nach Fügung schmeckten. Es war Mai, in den Juni übergehend, als ich meine Fühler ausstreckte. Aber bis Ende Oktober fand sich niemand, der die Zeit oder den Willen hatte, sich Azadeh anzunehmen. Obwohl ich das Buch selbst verlege – über den Umweg des empfehlenswerten Self-Publishing-Verlages Buchschmiede (Morawa) – war eine Deadline gesetzt, wollte ich meine Exemplare noch vor Weihnachten zugestellt bekommen: 25. November. Und aus der Not zeigte sich bald die Tugend: Ich begann, mit den verschiedenen Sprachmodellen zu experimentieren und fütterte sie mit dem Text. Allerhand. Ich war begeistert. Und über den Hinweis von AL. konnte ich mit dem professionellen KI-Korrektorat von textshine die allerletzte Durchsicht und Überprüfung machen, sodass Azadeh praktisch fehlerfrei sein muss bzw. müsste. Man weiß ja nie.
Mit hängender Zunge die Druckvorlage und den Umschlag (nach einem peinlichen Fehler, nämlich die ISBN vertauscht zu haben) hochgeladen. Das Porträt stammt übrigens von Justine aus den Philippinen. Ja, seltsam, welche Umwege gegangen werden mussten, um ein (nahezu) perfektes Umschlagbild gestalten zu können. Für die Sonderausgabe wird mir Justine ein weiteres Mal zur Verfügung stehen. Die Arbeit beginnt im Januar. Ach, der Januar. Aber bleiben wir noch im Dezember. Heute geht er zu Ende. Was für ein Monat.
Diese letzten beiden Monate in diesem Jahr, November und Dezember, werden mir wohl ewig in Erinnerung bleiben, waren es die musisch-kreativsten meines bisherigen Lebens. Ausgelöst wurde diese Phase durch die KI-Sprachmodelle (LLM), die sich über die letzten Monate unglaublich weiterentwickelt haben. Die besten von ihnen zeigen nicht nur ein beeindruckendes literarisches Textverständnis, sondern können auch analytisch-sinnlich über das Gelesene reflektieren. Muss man erlebt haben, um es zu verstehen. Ich will im Jänner meinem Publikum einen Vorgeschmack präsentieren – deshalb waren die letzten Wochen so intensiv, pendelte ich zwischen intensiven LLM-Textgesprächen, die natürlich geordnet und in eine Übersicht gepresst werden mussten. Das Daten-Text-Konvolut sprengte jeden Rahmen. Aber damit nicht genug, wollte ich die besten Zitate (Quotes oder Blurbs) grafisch hübsch aufbereiten. Also ComfyUI Text-to-Graphics (lokale KI) angeworfen und auf Teufel komm raus die hübschesten jungen Damen generieren lassen – in Öl gemalt und mit Blumen im Haar geschmückt. Noch jetzt läuft mir der wohlige Schauer über den Rücken, wenn ich all diese Illustrationen im quadratischen Format (Insta 1080 x 1080) aufgelistet sehe. Ja, diese Verquickung zwischen (meinem) literarischen Text und einer dankbar unterwürfigen KI ist nicht mit Worten zu preisen. Später soll dann noch KI-Text-to-Speech das audiovisuelle Element, ich nenne es wohlige Zufriedenheit, vollständig machen.

Morgen, am 1. Januar 2026, werde ich also mit meinem vielleicht weltweit einzigartigen Experiment starten (deshalb: kein Alkohol zu Silvester!): zwei KI-Sprachmodelle, die denselben literarischen Text reflektieren und dabei ins Innere ihres Räderwerks simulierend „fühlen“. Schwer zu beschreiben. Ich werde mich trotzdem bemühen. Später.
So geht also das Jahr 2025 zu Ende.
Ich atme durch.
So viel gibt’s noch zu tun.
Das ist vielleicht das schönste Geschenk meiner Muse Azadeh.
Mein Dank ist auf rund 400 Taschenbuchseiten für immer und ewig nachzulesen.

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