In gerade einmal 12 Tagen wird das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Nordamerika angepfiffen und damit ein emotionaler Ausnahmezustand losgetreten. Konflikte werden dabei friedlich am grünen Rasen ausgetragen, glorreiche Siege bejubelt, schmerzliche Niederlagen akzeptiert. Die schönste Nebensache der Welt lässt für viele Wochen die Welt näher zusammenrücken. Die Menschen hüben wie drüben bangen mit ihren Mannschaften und sehnen sich nach jenem Erfolg, der die Brust stolz anschwellen lässt. Gewiss, jede Niederlage lässt Köpfe hängen, aber die Hoffnung, sie stirbt zuletzt. Das ganz Besondere an diesen Turnieren ist die Stimmung, das Knistern, der Thrill, die einen als Zuschauer förmlich mitreißen. Zugegeben, was gab und gibt es nicht für Schlafwagenfußball, vor allem, wenn beide Mannschaften vor Angst keinen geraden Pass spielen können und niemand Verantwortung übernehmen möchte. Grässlicher Grottenkick, der nicht einer spielerischen Unzulänglichkeit geschuldet ist, sondern einem nervlichen Versagen. Die Fußballer wollen gewinnen, indem sie nicht verlieren. Das mag vor allem auf spielschwache Teams zutreffen, die als Außenseiter antreten und auf ein David-gegen-Goliath-Märchen hoffen. Erinnern wir uns, als zur WM 2022 der Underdog Saudi Arabien gegen den haushohen Favoriten Argentinien ein sensationelles 1:2 holte. Die Fußball-Welt stand Kopf. Wie war das möglich? Schlussendlich sollte diese Niederlage für die Albiceleste jener notwendige Weckruf sein, der sie in die fußballerische Spur brachte und uns eines der spektakulärsten WM-Finali aller Zeiten schenken sollte. Argentinien Weltmeister. Frankreich Vizeweltmeister. Bon. Ende gut, alles gut.
Gestern fand das Finale der Champions League statt, die früher einfach nur als Cup der Landesmeister bezeichnet wurde. Damals spielten tatsächlich nur die Liga-Meister um den Titel. Aber aus finanziellen (und natürlich spielerischen) Gründen erwog der Verband der UEFA, dass alle namhaften und populären Fußballteams in einem prestigeträchtigen (und damit sehr lukrativen) Turnier nicht fehlen durften. Und weil die Gruppenphasen oftmals nur gähnend langweilige Matches generierten, wechselte man zu einer Ligaphase, wo schon mal im Vorfeld die Hochkaräter gegeneinander antreten müssen. Sehr zum Gaudium der Zuschauer. Das Finale ist somit Höhepunkt und Abschluss des europäischen Liga-Wettbewerbs.
PSG : Arsenal 1:1 4:3 n. E.
Der Sieger des letzten Jahres, das offensivstarke Wunderteam Paris St. Germain, kurz PSG, traf auf das defensivstarke Alptraumteam Arsenal. Jeder Fußballfan, der sich nicht zu den Londoner Gunners hingezogen fühlte, sandte ein Stoßgebet zum Himmel. Noch immer ist das spektakuläre Halbfinalspiel zwischen PSG : Bayern München in Kopf und Herz jedes Zuschauers. Dieser offensive Schlagabtausch, der 5:4 endete, gehört wohl zum Besten, was der Fußball zu bieten hat. Im Gegensatz dazu geriet das gestrige Finalspiel zu einer ernsthaften Zumutung. Weil Kai Havertz für Arsenal überraschend den Ball im Tor unterbrachte. Da waren noch keine 6 Minuten auf der Uhr vergangen. Eine Katastrophe. Jeder Zuschauer wusste, was das für die restliche Spielzeit zu bedeuten hat: Parking the Bus. Diese britische Redewendung besagt nichts anderes als „Beton anrühren“ oder „mauern“ oder „sich hinten reinstellen“. Italienische Teams waren einstmals berühmt-berüchtigt für ihr Defensivbollwerk, das unter dem Namen Catenaccio jeden Gegner einschüchterte. Jahrzehnte später, bei der EM 2004, zeigte Trainer Otto Rehhagel, dass man das Catenaccio erfolgreich modernisieren konnte: Er holte mit Außenseiter Griechenland den Europameistertitel. Schön zum Anschauen war das freilich nicht. Ja, und nun, 22 Jahre später, übersetzt Arsenal-Trainer Arteta das Catenaccio ins Englische. Was daraus folgt, ist ein unspielerisches „Beton anrühren“, und man wundert sich, dass die Spieler so viel Zement schleppen können. Die Offensivbemühungen Arsenals reduzierten sich auf ein Minimum. Die Statistik zeigt für das gesamte Match eine eindeutige Schieflage. Der Ballbesitz von 25 % sowie 7 Torschüsse in Richtung des Tores der Franzosen stehen 75 % und 21 gegenüber. Aber Statistiken erklären nicht alles.
Als in der 65. Minute Weltfußballer Dembélé den Elfmeter zum Ausgleich verwandelte, atmete die Fußballwelt hörbar auf. Als es nach 120 Minuten zum Elfmeterschießen ging, war es nicht Jubel, vielmehr Erleichterung, als Arsenals Gabriel den Ball in die Erdumlaufbahn schoss und damit PSG den Sieg schenkte.
Natürlich kann man die Abwehrleistung Arsenals loben, haben sie eines der offensivstärksten Teams der Gegenwart (neben Barcelona und Bayern München) neutralisiert – auf Kosten der eigenen Offensivbemühung. Die Taktik Arsenals konnte man vor Anpfiff bereits durch die Aufstellung erahnen: vier Innenverteidiger auf einer Linie, zwei Defensivspieler im Mittelfeld und die Außenstürmer, die normalerweise für Druck in der gegnerischen Hälfte sorgen, werden zu Außenverteidigern degradiert. Im Fachjargon heißt es: im Lowblock stehen. Eine Taktik der Underdogs und der Hosenscheißer, die nicht „ins offene Messer“ laufen, d. h. ihre Verteidigung entblößen wollen. Über weite Strecken stellte Arsenal alle Passwege zu – Manndeckung über das ganze Spielfeld. Zugegeben, das ist eine starke Leistung, hat aber mit einem Fußballspiel wenig zu tun. Die Defensivmannschaft agiert nicht, sie reagiert. Der Fokus liegt demnach nicht auf dem Spiel mit dem Ball (und damit die Möglichkeit Tore zu schießen), sondern auf die Zerstörung des gegnerischen Ballspiels. Und weil das sogenannte Umschaltspiel in gewisser Weise die Gefahr in sich birgt, aus der defensiven Ordnung zu fallen, hat Arsenal gleich gar nicht den Versuch unternommen, in die Offensive zu gehen. Recht beschämend für den Meister der englischen Premier League.
Natürlich war der Druck auf Arsenal so immens, dass Arteta lieber mit einer abstoßenden Rehhagel-Catenaccio-Variante die Chance auf einen Sieg wahren wollte, als sich mit PSG in der Offensive zu messen und dabei den (sehr wahrscheinlich) Kürzeren zu ziehen. Liebend gerne hätte ich mir deshalb gewünscht, PSG wäre in der 6. Minute mit 1:0 in Führung gegangen. Dann hätte Arsenal früher oder später alles nach vorne werfen und somit ins offene Messer laufen müssen. Ja, das hätte übel ausgehen können für die Engländer. Andererseits, gegen Ende der regulären Spielzeit wirkten viele der PSG-Spieler müde und Arsenal getraute sich sogar offensive Nadelstiche zu setzen. Aber ein Konterspiel der Franzosen und die Granate an den Pfosten durch Khvicha Kvaratskhelia dürften Arteta und seine Spieler daran erinnert haben, dass Verteidigung der beste Angriff ist.
PSG-Trainer Luis Enrique ist an dieser Stelle in die Kritik zu nehmen, weil er nicht daran dachte, an der Taktikausrichtung seiner Mannschaft etwas zu ändern. Gut, niemand weiß, was da in den Köpfen der Spieler vor sich ging. Sie glaubten vielleicht, ein Match auf Augenhöhe bestreiten zu müssen, nur um am Rasen zu erfahren, dass Arsenal gar nicht erst die Absicht hatte, mitzuspielen. Das kann auch den besten Spielern den Nerv ziehen. Analog der Boxlegende Muhammad Ali, der es meisterhaft verstand, mit seiner Beinarbeit um den Gegner zu tänzeln und jedem Schlagabtausch auszuweichen. Und wenn der entnervte Gegner seine Deckung vernachlässigte, dann war die Zeit für Muhammad Ali gekommen. Der Rest ist Box-Geschichte.
Gut, gut. Die Vereinsligen sind ausgespielt, der österreichische Trainer Oliver Glasner hat mit Crystal Palace den Pokal der Conference League geholt und sich damit in South London unsterblich gemacht, PSG hat dem Offensivfußball zum Sieg verholfen und die Weltmeisterschaft, die zum ersten Mal 48 Mannschaften antreten lässt, wird viele Rekorde brechen. Die euphorische Vorfreude lässt noch auf sich warten. Aber sie wird kommen. So wie jedes Mal, alle vier Jahre. Und ich werde davon erzählen. Gestern. Heute. Morgen.
WM 2022: Gedanken zum Finalspiel Argentinien : Frankreich
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