Zugegeben, ich hätte es beinahe vergessen, das Ende des 2. Weltkriegs in Europa, am 8. Mai 1945. Da sitze ich nun, bei einem herrlich sonnigen Maitag, und skizziere diesen Blogbeitrag im Kopf. Meine Eltern, Gott hab sie selig, mussten den Krieg als Kinder erleben und hat sie Zeit ihres Lebens geprägt. Die Großeltern – auf beiden Seiten – hatten mit dem Krieg selbst nichts am Hut. Zu armeselig die einen, zu alt die anderen. So blieb es den älteren Brüdern meiner Mutter vorbehalten, ihrer von oben verordneten Pflicht nachzukommen und als Soldaten an die Front zu gehen. Der eine kam nicht mehr zurück, der andere in französische Kriegsgefangenschaft, wo er in einer Mine arbeiten musste. Der ältere Halbbruder meines Vaters – ein Tscheche aus der Stadt Brünn, die zu seiner Geburt noch im Kaiserreich Österreich-Ungarn lag – wurde ebenfalls von den Franzosen gefangen genommen und blieb nach der Freilassung im Elsaß. Er konnte nicht mehr in seine Heimat und zu Frau und Kind zurück. Die von den Sowjets eingesetzten Beamten in Prag verweigerten dem „deutschen Soldaten“ die Bürgerschaft. Die Bundesrepublik Deutschland hatte auch nichts für den „Tschechen“ übrig. So blieb er in Frankreich und baute sich dort eine neue Existenz auf. Nur hie und da fuhr er mit seiner Frau im Auto von Strasburg nach Brünn – und machte bei uns zu Hause in Wien Zwischenstation. Olga, seine Frau, verstand kein Deutsch und rauchte schwere Zigaretten ungeniert im Wohnzimmer. Das Deutsch, das mein Onkel sprach, war angenehm zu hören, weil es französisch weich gefärbt war. Damals wurde ich aufgeklärt, dass man die vielen französischen Provinzen an der Autonummertafel ablesen würde können. Mir gefiel das. Zu wissen, woher das Auto kommt. Damals konnte man von den österreichischen Nummerntafeln nur das Bundesland erfahren.
Jodl hat die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. In Reims. Der Rundfunk überträgt die Siegesfeiern und den Jubel, der draußen herrscht. […] Die Sieger, die uns auf die Anklagebank verweisen, müssen sich neben uns setzen. Es ist noch Platz.
Erich Kästner in Mayrhofen, 8. Mai 1945
Noch immer gibt es ältere Menschen, hüben wie drüben, die das Kriegsende erleben durften. 81 Jahre ist das jetzt her. Die sogenannte Aufarbeitung wurde in den 1970er Jahren angestoßen mit der Forderung, „Verdrängtes“ in den Vordergrund zu rücken. Viel ist über das Vergangene geschrieben worden. Zahlreiche Gespräche und Diskussionen wurden geführt. Die Einseitigkeit der Darlegung verhinderte eine konstruktive Auseinandersetzung und führte zu einer naiv-kindlichen Schwarzweißmalerei, die vorgibt, alles zu wissen, aber tatsächlich nur Oberfläche bleibt.
Nach all der tollwütigen Zerstörung von Mensch und Material in zwei Weltkriegen hätte man glauben können, dass von nun an Kriege nur noch ins Museum gehören. Aber die Realpolitik bekümmert sich kein bisschen um all die blutigen Konflikte der Vergangenheit. Was zählt, ist Gegenwart und damit Zukunft. Der Ausruf „Nie wieder!“ ist deshalb nur eine Geste, niemals Programm. Wer einen Blick zurückwirft, erkennt, wie einfach ein Konflikt sogar von einer demokratisch gewählten Obrigkeit vom Zaun gebrochen werden kann, der wiederum von der breiten Bevölkerung als fait accompli hingenommen werden muss.
Die Logik der Spieltheorie zeigt klar und deutlich, dass ein weiterer weltweiter globaler Konflikt recht wahrscheinlich ist – geht es um nichts Geringeres als um die Neuordnung des bestehenden Herrschaftssystems, kurz der rules based order. Das bedeutet freilich nicht, dass uns Raketen um die Ohren fliegen. Vielmehr wird ein latenter Kriegszustand im Inneren herbeigeführt, der einer Obrigkeit uneingeschränkte Machtbefugnisse einräumt. Schlag nach bei Orwell. Wir haben in den sogenannten Pandemiejahren erlebt, wie einfach ein Bedrohungsszenario umzusetzen ist, vor allem, wenn sich die ganze Welt diesem ausliefert.
Die Sonne scheint. Der Himmel erstrahlt im hellen Frühlingsblau. Und ich skizziere diesen Blogbeitrag im Kopf.

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