der Comic eines Lebens: Riad Sattoufs „Der Araber von morgen“ #empfehlung

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Gerade klappte ich den sechsten und letzten Band der Comic-Reihe „Der Araber von morgen“ des syrisch-französischen Autors Riad Sattouf zu. Erstaunlich, welchen Sog diese Serie entwickelte. So fängt alles sehr harmlos, beinahe harmonisch an, wenn der Autor seine Kindheit in wenigen Strichen authentisch zeichnet und dabei seine Kommentare augenzwinkernd hinzufügt. Sattouf hat viel zu erzählen, wächst er in Frankreich auf, geht in Syrien und dem Libanon zur Schule und kehrt später wieder mit seiner Familie in sein Geburtsland zurück. Die Schichten, die er offenlegt, erzählen von einem Leben mit vielen dunklen Schattierungen. Er spart die Realität nicht aus – im Gegenteil, er zeigt sie mit brachialer Schonungslosigkeit: Kindesentführung, Gewalt auf der Straße, Ablehnung, Zurückweisung, Verzweiflung, Alter, Tod. Trotzdem schafft es Sattouf, seinen Comic nicht ins Depressive abgleiten zu lassen. Der Zeichenstil, der mit wenigen Strichen und Farben auskommt, trägt zu einer Leichtigkeit bei, die manche seiner Themen niemals haben können. Gleichzeitig weiß der Leser, dass er mit Sattouf einen erfolgreichen Autor vor sich hat, der es nach viel Weh und Mühe nach oben schaffte und seinen Herzenswunsch erfüllen konnte. Die Reihe beginnt mit seiner Geburt im Jahr 1978 und endet 2011, da ist Sattouf 33 Jahre alt – zu diesem Zeitpunkt hat er sich bereits von vielen Fesseln der Vergangenheit befreien können.

Dass wir es auch mit einem politischen Comic zu tun haben, soll nicht unerwähnt bleiben. Nicht zufällig fällt der Erfolg der Publikation Der Araber von morgen in die Aufbruchstimmung der arabischen Welt und dem syrischen Bürgerkrieg. Die Einflussnahme westlicher Mächte auf diesen „Frühling“ wird oft kleingeredet, ist aber von zentraler Bedeutung. Eine ähnliche Lebensgeschichte in Bildern ist die Comic-Erzählung Persepolis von Marjane Satrapi, die bereits im Jahr 2000 erschien. Empfehlenswert sind sie beide und doch gilt es im Hinterkopf zu behalten, dass es immer zwei Seiten einer Medaille gibt. Gestern. Heute. Morgen.

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