Der Hefe-Würfel im Kühlregal des Supermarkts fiel mir ins Auge. Seltsam, dachte ich. Weil ich mich in letzter Zeit recht intensiv mit Mikroorganismen und Fermentierungsprozessen auseinandergesetzt habe. Wobei ich an dieser Stelle hinzufügen muss, dass es dabei nicht um die zugrundeliegenden chemisch-biologischen Prozesse ging, sondern vielmehr um die historischen Gegebenheiten einer turbulenten medizinischen Auseinandersetzung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, die bis heute negativ einwirkt.
Béchamp, Pasteur und Bernard
Alles beginnt bei zwei französischen Wissenschaftlern, nämlich Antoine Béchamp (1816–1908) und Louis Pasteur (1822–1895), die sich mit gegensätzlichen Theorien in den Haaren lagen. Während Pasteur davon ausging, dass (sichtbare genauso wie unsichtbare) Keime für Krankheiten verantwortlich gemacht werden müssen, hielt Béchamp dagegen, dass es auf das innere Milieu im Organismus ankäme. Unterstützung fand seine Sichtweise bei Claude Bernard (1813–1878), dem Vater der modernen Physiologie, der er unter anderem das Konzept des ‚Milieu Intérieur‘ entwickelte – das innere Milieu als selbstregulierendes System, das wir heute als Grundlage der Homöostase verstehen. Bernard war Mitglied der Académie française, der Académie des sciences, kurz einer der gefeiertsten Wissenschaftler Frankreichs zu seiner Zeit. Aber erst nach seinem Tod zeigten sich in seinen überlieferten Aufzeichnungen die Gegensätze zu Pasteurs Theorie. Das berühmte Zitat „Le microbe n’est rien, le terrain est tout.“ (Der Keim ist nichts, das Terrain ist alles) wird Bernard zugeschrieben. Eine andere Version behauptet, Pasteur habe diesen Ausspruch noch auf seinem Sterbebett gemacht. Faites vos jeux, Mesdames et Messieurs.
Sanitary Movement
Jedenfalls waren diese Akteure der Wissenschaft mein Ausgangspunkt für die Frage, was uns Menschen wirklich krank macht. Zusätzlich habe ich noch die Sanitary Movement herangezogen, also eine Hygiene-Bewegung im großen Stil, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in den Industriestädten zu entwickeln begann und (aus heutiger Sicht gesehen) gesundheitsschädliche Umwelteinflüsse zu verhindern suchte. Das British Medical Journal wählte 2007 die Sanitary Revolution zur größten medizinischen Errungenschaft seit 1840, ist sie hauptverantwortlich für die Entschärfung der Killer-Krankheiten und damit für die massive Reduktion der Sterberaten bei Tuberkulose, Masern, Keuchhusten, Scharlach, Typhus, Cholera, Pocken, usw.

Terrain-Philosophie: Normalzustand Gesundheit
Begreift man also Krankheit als Selbstregulierung des Organismus, der versucht, den Normalzustand, den wir Gesundheit nennen, wiederherzustellen, dann beginnen wir, unseren Körper besser zu verstehen – und können ihm geben, was er wirklich braucht: Zeit, Ruhe und ein von physiologisch-sozialen Toxinen befreites Milieu.
In späteren Beiträgen werde ich näher auf die Terrain-Philosophie eingehen und aufzeigen, dass sich die moderne Schulmedizin dank Pasteur in eine Sackgasse manövriert hat. So geht es der Wissenschaft primär um die Entdeckung und Neutralisierung „krankmachender“ Keime und lässt dabei das innere wie äußere Milieu außer Acht. Die Schulmedizin selbst erachtet eine Symptombehandlung als Heilungsprozess. Jede berechtigte Kritik am gegenwärtigen Paradigma wird als „unwissenschaftlich“ abgetan und ignoriert. Die freie Denktradition eines Bernard ist längst aus Hör- und Vortragssälen verschwunden und somit ist keine ernsthafte Zukunftsentwicklung möglich. Im Gegenteil, eine Schulmedizin, die von der Richtigkeit ihres „Erfolgs“ überzeugt ist, wird unbewusst bewusst viel Leid in die Welt bringen:
„Wenn eine Wissenschaft auf der Art und Weise basiert, wie das Leben wirklich funktioniert, wäre diese Wissenschaft gut für die medizinische Praxis. Aber wenn Sie Ihre Wissenschaft auf falsche Informationen stützen, dann könnte diese Wissenschaft für die medizinische Praxis schädlich sein. Es ist heute eine anerkannte Tatsache, dass die konventionelle allopathische Medizin, die primäre Medizin, die wir in der westlichen Zivilisation verwenden, eine der Haupttodesursachen in den Vereinigten Staaten ist. Im Journal of the American Medical Association schrieb Dr. Barbara Starfield (Professorin an der Johns Hopkins University) einen Artikel, der aufdeckte, dass die Ausübung der Medizin nach konservativen Schätzungen die dritthäufigste Todesursache in den Vereinigten Staaten ist. Es gibt jedoch eine neuere Studie von Gary Null (siehe Death by Medicine). Er stellte fest, dass es nicht die dritthäufigste Todesursache, sondern die erste häufigste Todesursache ist, wobei jedes Jahr über eine Dreiviertelmillion Menschen an medizinischen Behandlungen sterben. Wenn die Medizin wirklich wüsste, was sie tut, wäre sie nicht so tödlich.“ — Zellbiologe Bruce Lipton
Mit dem Hefe-Würfel werde ich einen Germteig machen und Krapfen in echtem Schmalz backen (ich will jetzt mal hoffen, dass Sie längst auf Pflanzenöle verzichten). Ist es nicht faszinierend, wenn lebende Organismen an die Arbeit gehen? Dummerweise habe ich keine Rohmilch im Kühlschrank. Könnte natürlich eine pasteurisierte, somit sterile Milch kaufen. Schon eigenartig, wenn man bedenkt, dass die Milch deshalb abgekocht werden musste, weil seinerzeit die industriellen Abfüllungsvorgänge sowie Lager- und Transportbedingungen eine durchgehende Hygiene unmöglich machten. Als die Großstädte des 19. Jahrhunderts explodierten – London wuchs innerhalb eines Jahrhunderts von einer auf über sechs Millionen Einwohner – konnte die lokale Versorgung mit frischer Rohmilch nicht mehr gewährleistet werden. Weite Transportwege, mangelhafte Kühlung und der unternehmerische Anreiz, schlecht riechende mit frischer Milch zu vermischen, taten ihr Übriges. Die Pasteurisierung war die industrielle Antwort auf ein industriell geschaffenes Problem – sie beseitigte nicht die Ursache, sondern machte das Symptom unsichtbar. Und nebenbei verlängerte sie die Haltbarkeit – was den Profit steigerte. Weston Price, von dem wir noch hören werden, hätte hinzugefügt: Die Pasteurisierung zerstört dabei die fettlöslichen Vitamine und Enzyme, die das innere Milieu des Konsumenten stärken würden.
Man stelle sich vor, es kommen eines Tages schlechte Eier in Umlauf, die Konsumenten krank machen. Da taucht ein zweiter Pasteur auf und forciert die Idee, die Eier nur noch hartgekocht an die Supermärkte auszuliefern. Jeder vernünftige Mensch würde sich an den Kopf greifen. Aber schürt man politisch-medial die Angst und treibt sie in ungeahnte Höhen („Ihr geliebtes Kind könnte schwer erkranken!“) und haben die Unternehmen einen finanziellen Anreiz, dann wird auch das Unvernünftige zur Normalität erhoben.

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