Die neue Ausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien (kurz HGM) „Gewalt – Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“ ersetzt „Republik und Diktatur“, die vor wenigen Jahren so viel Staub aufgewirbelt hat, dass das Museum im Besitz des Ministeriums für Landesverteidigung kurzerhand die Notbremse zog: Die Führungsriege, die auf Kritik nicht wie gewünscht reagierte, wurde ausgetauscht, ein neuer frischer Wind sollte das in Verruf geratene Museum zurück auf Linie bringen. Als ich dort im Sommer 2023 bis Herbst 2024 als ältester Praktikant in der Geschichte des Hauses meine Runden machte, war die Kluft zwischen alt und neu zu spüren. Nichtsdestotrotz wurde langsam, aber zielsicher auf die neue Ausstellung hingearbeitet und gleichzeitig jede Störung, die negatives Aufsehen hätte verursachen können, vermieden. Mit 11. Juni wurde endlich die neue Dauerausstellung, die die Jahre 1918 bis 1955 kuratorisch behandelt, feierlich eröffnet. Am nächsten Tag war ich dann vor Ort und freute mich, wieder in den altehrwürdigen Hallen wandeln zu dürfen. Noch immer ist es ein erhebendes Gefühl, auf den herrschaftlichen Museumsbau im venezianischen Stil zuzugehen. Und die Artilleriehallen zu beider Seiten gegenüber des Haupteingangs gelegen, haben es mir schon immer angetan. All die ausgestellten Kanonen, manche bald 300 Jahre alt, lassen den Besucher fasziniert zurück. Hier wird Geschichte fühlbar gemacht.
Über die Dauerausstellung gibt es nicht viel zu schreiben. Sie fügt sich nahtlos in den gegenwärtigen Zeitgeist ein. So ähnelt die Ausstellung in der Vergangenheitsauffassung jener im Haus der Geschichte, und ich bemerke die Redundanz. Die Zeitspanne 1919 bis 1945 ist für Historiker wie Kuratoren mit vielen Fallstricken versehen. Verständlich demnach, erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und sich in den breiten Bahnen des Geforderten zu bewegen. Über den Tellerrand zu blicken wagte man nicht. Dabei hätte das HGM als staatliche wissenschaftliche Einrichtung die einmalige Chance, die Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und Fakten, so unangenehm sie auch sein mögen, mit Kontext dem Publikum vorzustellen und sie nicht einfach zu ignorieren. Ansonsten wird eine jüngere Generation niemals verstehen können, warum geschah, was geschah. Die erwachsenen Kinder würden eine schwarze Uniform oder eine rote Fahne sehen und sagen: „Da sind die Bösen! Das weiß ich genau!“, ohne die Komplexität und die Hintergründe, das heißt die Machtmechanismen, kennengelernt zu haben. Morgen ist es vielleicht eine weiße Uniform und eine grüne Fahne, die ein ganzes Land ins Unglück stürzt.
Apropos. Ich lese gerade das Buch von Wibke Bruhns Meines Vaters Land (Econ Verlag) und bin wirklich überrascht, dass solch eine Biographie überhaupt veröffentlicht werden durfte. Weil sie Widersprüche und Unklarheiten gerade in jenem Leser weckt, der von der erwähnten Komplexität der Geschichte nicht die leiseste Ahnung hat.
So erzählt die ehemalige Fernsehmoderatorin Wibke Bruhns (1938-2019) über Liebe und Leid in ihrer deutsch-dänischen Kaufmannsfamilie zwischen 1900 und 1945. Ihr Vater ein Wehrmachtsoffizier, der bereits im 1. Weltkrieg diente und dabei als junger Mann über ein tödliches Ereignis niemals hinwegkommen sollte, ist zwischen Ehre und Gewissen spürbar hin- und hergerissen. Leider wurden seine Tagebuchaufzeichnungen der letzten Jahre von der Gestapo konfisziert. Vielleicht gibt es sie irgendwo da draußen, in einem der vielen Archive in Moskau oder in den USA, abgelegt in einem Karton. Übrig bleiben somit die erhalten gebliebenen Briefe an Frau und Kinder als auch die persönlichen Aufzeichnungen der Familie. Wibke Bruhns rätselt auf jeder Seite, wie es sein konnte, dass ihr Vater, ihre Mutter, ja, ihre ganze Familie in den Bann gezogen werden konnte. Es gibt keine einfache Erklärung, weil jedes Leben im Jetzt gelebt wird. Entscheidungen müssen oftmals aus dem Bauch heraus getroffen werden. Eine innere und äußere Komplexität greifen ineinander und machen ein Verständnis für die nachfolgenden Generationen praktisch unmöglich. Weil die Frage nach einem „Warum?“ niemals ernstlich gestellt wurde und wird.



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