Alle Spiele des 1. Spieltags der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Der Aspekt meiner Berichterstattung liegt dabei auf der Unterhaltung des Spiels. Fällt man als neutraler Zuschauer müde von der Couch, ist es mir wurscht, wer gewinnt oder verliert. Packend und emotional soll ein weltmeisterschaftliches Match sein. Zugegeben, weil gar so viel auf dem Spiel steht, die Angst in den Köpfen deshalb oft dominiert, will ich nicht über die Spieler schlecht urteilen oder den Stab über sie brechen. Trotzdem, ich will Dramatik spüren.
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Der 1. Spieltag mit seinen 24 Begegnungen ist eine erste Standortbestimmung. Hier zeigt sich zum ersten Mal, ob die gemachten Einschätzungen über die teilnehmenden Teams tatsächlich zutreffen. Im ersten Match wird noch nichts entschieden, die Spannung steigt erst mit dem 2. und vor allem 3. Spieltag. Dabei dürfen wir den Turnierbaum nicht außer Acht lassen. Stolpert ein Favorit, wird er nicht Gruppenerster, dann hat das enorme Auswirkungen, weil die stärksten Mannschaften viel zu früh aufeinandertreffen. Übrigens, wenn alles nach Plan läuft, dann kann es kein Finale FRA : SPA geben. Und die Deutschen würden bereits im Achtelfinale auf die Franzosen treffen. Mon Dieu.
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Die herausragenden Matches des 1. Spieltags
Stimmungsvoll: USA vs Paraguay 4:1 Das Eröffnungsspiel des Gastgebers. Unglaublicher Hype. Die Stimmung im Stadion am Brodeln. Und dazu noch startet die US-Elf wie eine Dampfwalze und überrollt die selbstbewussten Südamerikaner. Die Intensität des Spiels zum Greifen. Hervorragende Werbung für den Fußball.
Intensiv: Elfenbeinküste : Ecuador 1:0 Hier trafen zwei Mannschaften aufeinander, die sich einfach nicht zurücknehmen wollten und mit größtem Einsatz einem Tor nachjagten. Ecuador unglücklich mit zwei Lattenkrachern und Elfenbeinküste sehr glücklich mit dem Siegestreffer Minuten vor dem Schlusspfiff. Wie mag Deutschland mit diesen beiden kampfstarken Kontrahenten umgehen?
Unterhaltsam: England : Kroatien 4:2 England ist wie Phoenix aus der Southgate-Asche emporgestiegen und zeigt unter dem neuen Trainer Tuchel, was im englischen Team für ein Potenzial lauert. Die Kroaten versuchten dagegenzuhalten und glichen in der ersten Halbzeit jeden Rückstand postwendend mit schön herausgespielten Toren aus. In der zweiten Halbzeit war für die Kroaten Land unter angesagt, weil die Engländer den Turbo zündeten. The Three Lions können einem Angst machen. Oder ist es am Ende nur ein One-Hit-Wonder-Phänomen?
Brechstange: Saudi-Arabien : Uruguay 1:1 Die zweite Halbzeit war ein Sturmlauf der Südamerikaner, die einem Tor hinterliefen. Der schiere Wille, dieses unbedingte Wollen, den Ausgleich zu machen, erzeugte eine knisternde Atmosphäre, die sich auf den Zuschauer übertrug. Das Auspacken der Brechstange, mit allen Emotionen, ist sowieso ein dramatischer Höhepunkt bei Turnieren.
Demütigung: Australien : Türkei 2:0 Die stolzen Türken, von sich so sehr überzeugt, dass sie die Aussies vor Anpfiff nicht sonderlich ernst nahmen. Und so kommt, wie es kommen muss. Die Australier ziehen den Türken mit ihrem Lowblock den letzten Nerv und kontern sie effektiv aus. Durch die Niederlage wird das „Finalspiel“ Türkei vs. Paraguay vermutlich zu einer Metzelei ausarten.
Offensivfeuerwerk: Senegal : Frankreich 1:3 Eine Medaille hat zwei Seiten und ein Fußballspiel zwei Hälften. Die erste Hälfte ein Reinfall für die Franzosen, denen nicht viel gelingen will. Aber in der zweiten Hälfte macht es Klick und sie zeigen, warum Mbappé & Olisé so gefürchtet sind.
Ein Lionel Messi in Ehren: Argentinien : Algerien 3:0 Der Hattrick von Messi katapultiert ihn in den fußballerischen Olymp. Jetzt fehlt nur noch ein Tor, dann hat er mehr Tore bei Weltmeisterschaften geschossen als jeder andere vor ihm. Freilich, Mbappé wird da noch ein Wörtchen mitzureden haben. Messi is the GOAT.
Enttäuschung: Spanien : Cape Verde 0:0 und Portugal : DR Kongo 1:1 Die Top-Favoriten des Turniers spielen wie ein zusammengewürfelter Haufen trotziger Kinder. Eine klägliche Vorstellung. Kudos für die Gegnerschaft aus Cape Verde und DR Kongo. Deren absolute Einsatzbereitschaft genauso wie die perfekte Umsetzung der taktischen Vorgaben verdient großes Lob. Also, Applaus bitteschön.
Gedanken zu allen Spielen des 1. Spieltags.
Gruppe A
Mexiko : Südafrika 2:0 Das Eröffnungsspiel in dieser Zusammensetzung fand bereits bei der WM 2010 statt. Seltsamer Zufall. Der Sieg in der Sparte Nationalhymne geht klar an Südafrika. Sehr schwungvoll. Rhythmisch. Melodisch. Gefällt mir. Freilich, wenn 80.000 Hälse den mexikanischen Sprechgesang schreien, dann ist das schon alle Ehren wert. Die ersten Minuten des Spiels, nun ja, merkte man die Nervosität der Gastgeber daran, dass die Hinterleute den Ball von einer Seite zur anderen zuschoben. Die Afrikaner machten den Raum eng – was wohl zu erwarten war. Langsam tauten die Mexikaner auf, erinnerten sich wieder daran, dass sie die spielstärkere Mannschaft sind und suchten ernsthafter den Weg nach vorne. Nach 9 Minuten patzte der Südafrikaner Sithole und der Fehler führte zum 1:0. Hui. Beinahe wäre das Dach des Stadions abgeflogen. Aber bis auf vereinzelte Offensivaktionen der Mexikaner gab es nicht viel zu bewundern. Die Südafrikaner bemühten sich redlich, aber da wollte vieles nicht zusammengehen. Die neue Regel, sich für Einwürfe nur 5 Sekunden Zeit lassen zu dürfen, macht das Spiel tatsächlich flotter. Die zweite Halbzeit überraschte gleich mal mit einer roten Karte wegen Torraub, und Südafrika lag nicht nur ein Tor zurück, sie mussten auch noch Unglücksraben Sithole vorgeben. Schließlich köpfte Urgestein Jiminez die Entscheidung. Minuten vor Schluss wurde es dann sehr skurril. Wegen Tätlichkeit, die zwar nicht zärtlich, aber auch nicht sonderlich schlimm aussah, musste Zwane von Südafrika vorzeitig unter die Dusche. Nicht genug damit, in der Nachspielzeit wurde auch noch Montes von Mexiko wegen Torraubs vom Platz gestellt. Allerhand. Spektakulär war das alles freilich nicht. Mexiko ohne Inspiration und Ideen wird sich steigern müssen – die anderen Gruppengegner werden es dem Gastgeber nicht mehr so einfach machen. Denk ich mal. Und Südafrika? Würden sie einen Punkt holen, wäre das eine Sensation. Ich hör mir jetzt ihre Nationalhymne an. Die ist wirklich gut.
Südkorea : Tschechien 2:1 Ich wollte mir das Nacht-Match am helllichten Tag in seiner Gesamtheit angucken. Aber die ersten 12 Minuten waren mehr als genug Schlafwagenfußball, deshalb kurzerhand zur 20-minütigen Zusammenfassung gewechselt. Als der Tscheche Krejci in der 59. Minute ins Tor köpft, wurde mir flau im Magen. Weil die Mannschaft unseres Nachbarlandes das personifizierte Rehhagel-Griechenland darstellt. Räume dicht machen, eng stehen, gegnerisches Spiel stören, alles verteidigen, was aufs Tor rollt und dann, ja, dann auf Einwürfe, Eckbälle oder Freistöße hoffen und auf die Torgefährlichkeit der kopfballstarken Spieler setzen. Die Südkoreaner, wie zu erwarten, versuchten sich im schnellen Kurzpassspiel. Funktionierte hier und da sogar ziemlich gut und führte zu mancher Torchance. Gottlob hat die Elf aus Ostasien dann doch noch den Spieß umgedreht und zwei Tore gemacht. Überhaupt der Ausgleichstreffer ein technisches Gustostückerl von Hwang: Pass in die Tiefe perfekt angenommen, Schuss angetäuscht, Haken in die Gegenrichtung und den Ball ins lange Eck gelupft. Respekt. Das nächste Spiel gegen die Hausherren aus Mexiko könnte ein Kurzpassspiel-Schlagabtausch werden. Und die Tschechen müssen gegen Südafrika endlich mal das Heft in die Hand nehmen, wollen sie ihre Chance auf ein Weiterkommen wahren. Könnte ein Grottenkick der Superlative werden, aber die Dramatik, die sollte stimmen.
Gruppe B
Kanada : Bosnien 1:1 Bei den Nationalhymnen gewinnt klar Kanada. Wenn das ganze Stadion aus vollem Halse mitsingt, merkt man sogar vor dem Monitor die Emotionen. Kein Wunder, wenn die Kanadier, in einem hübschen Rot gekleidet, wie die Feuerwehr loslegen. Aber die Passgenauigkeit lässt zu wünschen übrig, deshalb versanden viele Offensivaktionen. Die Bosnier, wir kennen sie ja gut aus der WM-Quali, sind anfänglich natürlich befangen, aber sie kommen besser ins Spiel, werden selbstbewusster. So kommt eines zum anderen. Eckball in der 21. Minute. Kopfballtor. 1:0 für die Bosnier. What a bummer, seufzen über 40.000 Kanadier. Aber die Spieler lassen sich durch das Gegentor nicht aus der Ruhe bringen und spielen beherzt weiter. Ihr Spiel erinnert an diese klassische Schülerliga-Mentalität, in der es gilt, den Ball nach vorne zu bringen, egal wie. Da wird gestochert, geflankt, gepasst, gelupft, gezerrt, sprich, alles ist erlaubt, so lange der Ball Richtung gegnerisches Tor rollt. Die größte Chance in der 1. Halbzeit fällt übrigens Jonathan David vor die Füße, jener Stürmer, der sein Geld auf der Ersatzbank von Juventus Turin verdient. Die Bosnier stellen sich auf die kanadische Schülerliga-Mentalität ein und agieren ähnlich: der Ball wird oftmals einfach nur weggedroschen. Hie und da gibt es Läufe in die Tiefe. Aber niemals mit letztem Willen. Wozu auch. Man führt mit einem Tor. In der zweiten Halbzeit drücken die Kanadier, aber es fehlt die Durchschlagskraft. Kudos zu Routinier Kolasinac, der einmal ein sicheres Tor verhinderte und dabei den Ball an die eigene Latte knallte und ein anderes Mal stand er goldrichtig auf der Torlinie und konnte den Ball wegköpfen. Als ich bereits dachte, dass wird nichts mehr, schießt der eingewechselte Southampton-Stürmer Larin mit einer beeindruckenden Drehung das Tor und den Ausgleich. Yeah. Ich gestehe, ich habe innerlich gejubelt. Von da an waren die Kanadier obenauf, waren dem Siegestreffer näher, auch deshalb, weil den Bosniern langsam die Luft ausging. Den Kanadiern muss man einfach die Daumen drücken. Würden sie nur zwei oder drei Topspieler mehr in ihren Reihen haben, sie hätten alle Chancen. Und ich hoffe, dass sich ihre offensivfreudige Spielweise durchsetzt. Gewiss, der Gegner darf kein gut organisierter und selbstbewusster Spielverderber sein.
Katar : Schweiz 1:1 Erstens kommt es anders und zweitens … Für die haushohen Favoriten aus der Schweiz hätte es ein Trainingsspiel werden sollen. War es auch. Über 90 Minuten lang gab es praktisch nur eine wirklich gute Torchance für die Außenseiter aus Katar. Da waren wenige Minuten gespielt, als sich die beiden Schweizer Innenverteidiger uneins sind und Edmilson Junior mit dem Ball alleine auf Torhüter Kobel ziehen lassen. Da hätte es eigentlich 1:0 für die arabische Elf stehen müssen, aber die „Torschlusspanik“ von Junior verhinderte den Führungstreffer. Kläglich verzettelt. Von da an wird nur noch Einbahnfußball gespielt. Die Kataris lassen ihren Gegenspielern viel zu viel Platz. Ihr Pressing ist halbherzig. Ihre spielerische Qualität mangelhaft. Man hatte eigentlich nie den Eindruck, sie könnten den Schweizern wirklich gefährlich werden. Die Eidgenossen spielen sich eine gute Torchance nach der anderen heraus. Aber es braucht einen Elfmeter, um endlich in Führung zu gehen. Embolo verwandelt staubtrocken. Eine gute Chance haben die Kataris dann doch noch in der 1. Halbzeit, aber Kobel pariert. Die zweite Halbzeit ändert nichts am Spielverlauf. Die Schweizer kombinieren sich in den Strafraum, aber scheitern entweder am Torhüter oder am Unvermögen. Schließlich kommt, was niemand für möglich gehalten hat. In der Nachspielzeit gehen die Kataris plötzlich in den Angriff, die Schweizer verteidigen nicht mehr konsequent – in der Affenhitze vielleicht verständlich – die Flanke in den Strafraum köpft Innenverteidiger (!) Boualem Khoukhi mustergültig scharf ins Tor. Mir blieb der Mund offen. Ausgleich! Abpfiff. Wie ist das möglich? Die Schweizer hatten ein xG von über 3 (erwartete Tore) und konnten kein Tor aus dem Spiel heraus machen. Sehr bedenklich. Die Kataris baden in Selbstbewusstsein und Glorie. Gruppe B entwickelt sich zu einem Nervenkrimi.
Gruppe C
Haiti : Schottland 0:1 Die nächtliche Begegnung ließ ich im dösenden Zustand vorüberziehen. Wer dachte, dass der krasse Außenseiter Haiti, Nummer 83 der FIFA-Weltrangliste, kleinbeigegeben und sich ängstlich verkriechen würde, der täuschte sich. Und wie. Haitis Physis ist beeindruckend. Da konnte man schon ein wenig Angst bekommen. Allein ihr Torhüter Johny Placide dürfte im Nebenjob Schwergewichtsboxer sein, und Frantzdy Pierrot wirkt wie ein stämmiger Martial-Arts-Bodyguard. Unglaublich, wie sie dem Ausgleich hinterherkämpften. Die Schotten, die ein wenig glücklich durch einen abgefälschten Schuss von McGinn in Führung gingen, konnten das Spiel niemals beruhigen oder unter Kontrolle bringen. Haiti wollte einfach nicht zurückstecken. Die letzte Viertelstunde packten sie die Brechstange aus, und den Schotten stand der Angstschweiß auf der Stirn. Aber im Gegensatz zu Außenseiter Katar sollte es den Mannen aus Haiti nicht vergönnt sein, den Ausgleich zu erzielen. In Schottland ist gerade Ausnahmezustand, und es wird gefeiert, was der Magen hergibt. Aber werden sie den Aufstieg schaffen?
Brasilien : Marokko 1:1 Hier haben wir ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen einer Mannschaftsleistung und individueller Klasse. Die Marokkaner spielen die Brasilianer in den ersten 20 Minuten schwindlig. Man könnte meinen, nicht die Selecao stünde am Platz, sondern Paraguay oder Südafrika. Der Führungstreffer der Brasilianer eine kleine Zauberei. Brahim Diaz schickt Stürmer Saibari auf die Reise – der Steilpass perfekt getimt, zwischen den beiden brasilianischen Abwehrspielern hindurch – und Saibari überlupft den herauseilenden Torhüter Alisson. Wundersam. Schon musste man befürchten, dass die Brasilianer untergehen. Aber da kommt dann die individuelle Klasse zum Vorschein. Vinicius Jr. nimmt sich ein Herz, zieht von links in den Strafraum, lässt einen Verteidiger ins Leere grätschen, legt sich den Ball auf seinen starken rechten Fuß und – Zackprack – knallt den Ball in die lange Ecke. Ausgleich. Die Marokkaner, kurzzeitig geschockt, hatten sie das Spiel bis dahin im Griff. Von da an agieren die Brasilianer selbstbewusster, die Marokkaner verhaltener. Aber das brasilianische Mittelfeld kommt einfach nicht in die Gänge. Die Marokkaner in jeder Situation spielfreudiger, sie sind bereit, einen Meter mehr zu laufen, wenn es darauf ankommt. Sie wirken spritziger, agiler. Im Gegensatz dazu wirkt der brasilianische Spielaufbau altbacken, bedächtig. Aber in der 2. Halbzeit übernehmen die Brasilianer das Kommando, die Marokkaner ziehen sich zurück und lauern auf Fehler. Aber immer wieder zeigen die Nordafrikaner, dass sie Technik im Blut haben und Chuzpe mit der Muttermilch aufgesogen haben. Noch Sekunden vor dem Schlusspfiff lässt ein Marokkaner im eigenen Strafraum einen Brasilianer mit einer Antäuschung ins Leere fahren. Sieht cool aus. Aber das kann schon mal ins Auge gehen. Deshalb gibt es solch eine verspielte Abgeklärtheit im europäischen Fußball nicht. In der 2. Hälfte merkte man, dass beide Mannschaften mit dem Unentschieden gut leben konnten und einen Gang zurückschalteten. Marokko wirkt stark und zeigt sich selbstbewusst. Kudos. Die Südamerikaner hingegen, sie haben sich noch nicht gefunden. Tolle Einzelspieler in der Offensive, aber das Mittelfeld ist eine Baustelle und die Flügelverteidiger unsichtbar. Ein Schlagabtausch war das Match nicht. Aber man ahnt, welche Qualität in beiden Mannschaften steckt.
Gruppe D
USA : Paraguay 4:1 Anpfiff um 3 Uhr früh! Natürlich stellte ich mir den Wecker. Und wurde nicht enttäuscht. Das Stadion in Los Angeles ein Schmuckkästchen. Die Stimmung elektrisierend. Aber Paraguay ließ sich davon nicht beeindrucken, wenigstens in den ersten sechs Minuten. Während die Bosnier oder die Südafrikaner nervös, ängstlich und zurückhaltend agierten, badeten die Südamerikaner in Selbstbewusstsein. Man hatte das Gefühl, dass sie die Herausforderung annehmen wollten. Aber der erste gefährliche Angriff der Amerikaner führte zum Tor. Unglücksrabe Bobadilla (what a name!) wehrte einen Querpass ab und spitzelte den Ball ins eigene Tor. War zuvor noch das Spiel auf Messers Schneide, merkte man das beginnende spielerische Übergewicht der Amerikaner. In manchen Szenen gedachte man an brasilianischen Zauberfußball. Pulisic und Dest gefielen mir mit schnellen Vorstößen auf den Seiten. Da wurde kombiniert, dass es eine Freude war. Aber es sollte eine halbe Stunde dauern, bis die Festspiele von Folarin Balogun eröffnet wurden. Kudos. Der Stürmer von AS Monaco dürfte mit diesem Spiel seinen Marktwert von € 24 Millionen verdoppelt oder verdreifacht haben. Alleine das Tor zum 3:0 zeigte eine Abgeklärtheit, die man selten bei einer WM sieht. In der zweiten Halbzeit, ohne den hervorragenden Pulisic, bleiben die Amerikaner spielbestimmend, diktieren das Tempo, zeigen immer wieder gefährliche Vorstöße. Was dabei auffällt: die Offensivspieler sind nicht nur speedy, sondern zeigen technische Qualitäten. Während man im europäischen Klubfußball lange Zeit den Ballbesitzrumgeschiebekick für das Höchste des Fußballs hielt, degenierte der Fußballer zu einem Statisten, der Ball annehmen und weiterleiten musste. Wehe, er wollte in die Trickkiste greifen. Im letzten Jahr hat sich bereits eine Wandlung abgezeichnet, da wie dort werden nun speedy Flügelspieler gesucht, die technisch brillieren sollen. Es steht zu hoffen, dass die Ära des schnöden Ballbesitzfußballs zu Ende geht. Zurück zur zweiten Halbzeit. In der 73. Minute sind die Amerikaner unkonzentriert und fangen sich den Anschlusstreffer ein. Bleiben aber gefasst und spielen weiter ihr Tempo-Spiel. Dass die US-Mannschaft von Trainer Pochettino topmotiviert ist, zeigt sich daran, dass man beim Stand von 3:1 noch in der letzten Minute der Nachspielzeit einen Angriff fährt. Der seltsam unterschätzte Giovanni Reyna haut den Ball mit dem Außenrist ins lange Eck. Da bleibt einem der Mund offen. Dass die Amerikaner an diesem Tag überperformt haben, zeigt sich am xG-Wert von 1,35 (erwartete Tore). Paraguay wurde von den USA kurzerhand überrollt. Aber Respekt den Südamerikanern, die sich zu keiner Zeit hängen ließen. Man versteht, warum sie in der WM-Quali Argentinien, Brasilien und Uruguay schlagen konnten. Conclusio? Mit den Amerikanern ist zu rechnen.
Australien : Türkei 2:0 Die erste Halbzeit hatte es in sich. Weil Flügelmann Irankunda von Watford pfeilschnell ist und technisch überzeugen kann. Sein Tor muss man gesehen haben. Im Sprint nimmt er den Ball mit, spielt ihn durch zwei türkische Verteidiger durch, kommt so vor das Tor und schiebt den Ball in die kurze Ecke, am herauslaufenden Torhüter vorbei. Wow. Der Junge ist gerade einmal 20 Jahre und düpiert die so stolze türkische Hintermannschaft. In der Defensivabteilung lassen die Socceroos, wie zu erwarten, nichts anbrennen und verteidigen auf Teufel komm raus. Die Türken, die sehr unsanft vom hohen Ross heruntergefallen sind, probieren es mit allen Tricks, aber die Australier lassen sich nicht beeindrucken. Kudos. Was für eine Abwehrleistung. In der zweiten Halbzeit das gleiche Bild. Die Türken rund um den australischen Strafraum versammelt, aber nirgendwo eine Lücke zu finden. Und der überraschend aufgestellte australische Torhüter Patrick Beach, gerade einmal 22 Jahre jung, hält alles, was auf das Tor kommt, und strahlt jene Sicherheit aus, die jede Hintermannschaft braucht. Und in der 75. Minute schießt Metcalf auch noch das 2:0 für die Australier. Man fasst es nicht. Die Türken sind angezählt. Nichts will ihnen gelingen. Damit hat die WM ihre erste Sensation und mit Australien eine Mannschaft, die jedem Gegner den Nerv ziehen kann, vorausgesetzt, sie geraten nicht in Rückstand und müssen das Spiel machen. Im nächsten Spiel geht es gegen die Überflieger der USA – und da wird es für die Socceroos nichts zu holen geben. Einen brutalen Schlagabtausch wird es im Spiel Türkei gegen Paraguay geben. Könnte recht hässlich werden. Darauf freue ich mich besonders.
Gruppe E
Elfenbeinküste : Ecuador 1:0 Amad Diallo von Man United crasht die Party in der 90. Minute mit dem Siegestreffer für die Elfenbeinküste. What a bummer! Die Ränge des mächtigen Stadions waren in einem Meer von gelben T-Shirts gefüllt – ein Heimspiel für Ecuador. Die Stimmung während des Spiels hervorragend. Südamerikaner wissen zu feiern. Das Match in der ersten Halbzeit ist ein Schlagabtausch. Keiner der beiden Mannschaften will sich zurücknehmen. Das erfreut den Fußballfan. An Lattenkracher herrscht kein Mangel. Beeindruckend, was Ecuador auf den Platz bringt. Aber in der zweiten Halbzeit übernehmen die Afrikaner das Kommando – und wirken manchmal wie die französische B-Nationalmannschaft. Ich habe für beide Mannschaften einen soft spot, deshalb würde ich mir wünschen, dass jeder von ihnen aufsteigt. Ein Unentschieden wäre somit das richtige Endergebnis gewesen. Aber nein, Ivorer Wilfried (!) Singo nimmt in der 90. Minute die Beine in die Hand und läuft auf der rechten Seite im Sprint nach vorne, niemand von Ecuador, der ihn einholen oder stellen könnte. Sein Querpass perfekt auf Diallo, der nur noch den Fuß hinhalten muss. Hätte der Treffer nicht früher fallen können? Dann hätten wir eine fulminante Aufholjagd der Südamerikaner gesehen. Enttäuschend. Die Afrikaner der Elfenbeinküste scheinen am besten Weg zu sein, Großes zu vollbringen. Im letzten Vorbereitungsspiel haben sie sogar die stolze französische Nationalmannschaft geschlagen. Allerhand. Man stelle sich vor, es käme in der K.o.-Runde nochmals zu dieser Begegnung. Französisch-Afrika wäre im Ausnahmezustand. Ecuador fehlt am Ende die Durchschlagskraft. Die besten Defensivkünstler haben sie in ihren Reihen, aber für die Offensive, da fehlt es an allen Ecken. Aber die Einstellung, die stimmt. Party abgesagt. Vorerst.
Deutschland : Curaçao 7:1 Alles lief nach Plan. Nmecha (yep, er ist Deutscher) knallte nach 6 Minuten den Ball ins Netz zur 1:0-Führung. Die DFB-Elf spielt rund um den gegnerischen Strafraum, erarbeitet sich Chance um Chance. Aber, man möchte es gar nicht erst glauben, ein gut vorgetragener Angriff des kleinen Karibiklandes führt zum Ausgleich nach 20 Minuten. Wahrlich, man traute seinen Augen nicht. Die Nagelsmann-Elf peinlich betreten. Aber mit einem Kopfballtor nach Eckball wird die Ordnung wiederhergestellt. Und ein dummes Foul im Strafraum führt zum Elfmeter, den Kai Havertz ohne Anstrengung knapp vor der Halbzeit zum 3:1 verwandelt. Die Spieler von Curaçao – viele spielen in Englands zweiter Liga oder in den Niederlanden – verstehen es, mit dem Ball umzugehen und ihre gegnerischen Spieler dann und wann ins Leere laufen zu lassen. Auch hier ist wieder der Unterschied augenscheinlich: die Europäer spielen den immergleichen Stiefel, versuchen mit Kurzpassspiel Löcher in die gegnerische Abwehr zu reißen; im Gegensatz dazu versuchen die Nicht-Europäer wie Marokko oder Curaçao, auch Lösungen mittels Ballzauberei zu finden. Der Fußballfan ist angetan. Die zweite Halbzeit dann too much für den Außenseiter, der oftmals die defensive Ordnung verliert und Ball und Spiel hinterherläuft. Die Deutschen schießen ein Tor nach dem anderen – es mutet wie in einem Testspiel an. Curaçao ist auf Platz 84 der FIFA-Weltrangliste, und vergleicht man die Elf mit Haiti, die auf Platz 83 liegen und gestern Favorit Schottland arg bedrängt und nur knapp verloren hat, dann sind bei den Underdogs der WM gravierende Unterschiede festzumachen. Das Herz haben die Insulaner jedenfalls am rechten Fleck, aber das defensive Geduldsspiel liegt ihnen – im Gegensatz zu den Australiern – überhaupt nicht. Die Deutschen haben sich warmgeschossen. Aber von nun an gibt es keine Testspiele mehr.
Gruppe F
Niederlande : Japan 2:2 Die erste Halbzeit zum Vergessen. Beide Mannschaften agierten zögerlich und ließen nur wenig Torchancen zu. Die zweite Halbzeit hatte schon mehr zu bieten, weil van Dijk in der 50. Minute einen Kopfball präzise ins Eck setzt. Sträflich alleingelassen. Mit dem niederländischen Führungstreffer müssen die Japaner aktiver nach vorne spielen. Sieben Minuten später machen sie den Ausgleich. Also werden die Niederländer wieder aktiver und werden belohnt: Summerville schießt den Führungstreffer zum 2:1 scharf, flach ins lange Eck. Der Kerl bereitet den Japanern die größten Probleme am rechten Flügel. Aber da Trainer Koeman den Sieg in trockene Tücher packen will, tauscht er die Offensive aus und bringt defensivstarke Spieler aufs Feld. Die Japaner nehmen dadurch wieder das Heft in die Hand, versuchen mit ihrem schnellen Kurzpassspiel vors Tor zu kommen. Ironischerweise ist es ein japanischer Kopfballtreffer, der Minuten vor dem Schlusspiff für den Ausgleich sorgt. Was sagt man dazu? Die Japaner haben mich überrascht. Weil sie lange Zeit zu passiv agierten und den Niederländern das Spiel überließen. Das Umschaltspiel klappte nur selten und hin und wieder wurde sogar der Ball aus der Gefahrenzone einfach mal weggedroschen. Die Niederländer waren spielbestimmend und hätten womöglich nicht einen Gang zurückschalten dürfen nach dem 2:1. Das Unentschieden schmeichelt den Japanern – dabei hätte ich sie in der Gruppe vor den Niederländern gesehen. Der erste Anzug – mit Gakpo und Summerville auf den Seiten – wird jeder Mannschaft Probleme bereiten, vorausgesetzt, die beiden sind in Spiellaune.
Schweden : Tunesien 5:1 Die Geschenke-Fabrik Tunesien machte es den Schweden recht leicht. Geht man nach der Statistik, dann hätten die Skandinavier gerade einmal 1,32 Tore machen dürfen (xG). So beeindruckend das Endergebnis demnach aussieht, die nächsten Gegner sind ein anderes Kaliber und werden keine Geschenke verteilen. Schweden ist eine klassische Turniermannschaft, die mit durchschnittlichen Spielern, wenigen Ausnahmetalenten und zwei Superstars aufwartet. Während beispielsweise die zu favorisierenden Niederländer keinen Stoßstürmer von Weltklasse in ihren Reihen haben, haben die Schweden Isak (Liverpool) und Gyökeres (Arsenal) und die Norweger Haaland (Man City) und Sorloth (Atlético Madrid). Wird die WM gar zum skandinavischen Sommermärchen? Das nächste Spiel der Schweden gegen die Niederländer wird zeigen, wie gut sie wirklich sind. Von den Tunesiern dürfen wir nichts mehr erwarten, außer Koffer packen und sich freundlich verabschieden. Zugegeben, ihr nächster Gegner, die Japaner, sie sind noch nicht im Turnier angekommen, aber die Söhne Nippons verstehen es trotzdem, Resultate zu bringen.
Gruppe G
Iran : Neuseeland 2:2 Die 20-minütige Zusammenfassung zeigte ein munteres Spielchen. Die Neuseeländer mit ihrem Stürmerstar Chris Wood von Nottingham Forest zeigten sich selbstbewusst, während die Iraner viel zu vorsichtig agierten. Unverständlich, wie sie so weit von ihren Gegenspielern wegstehen konnten. So kamen sie nie in die Zweikämpfe. Das Resultat war der Führungstreffer der Neuseeländer, der allerherrlichst auf den Zuschauer wirkte, ich meine, wer kann sich schon bei einer WM im gegnerischen Strafraum den Ball aufgabeln und auf den stärkeren Fuß legen? Die Iraner sind sicherlich die spielstärkere Mannschaft, aber die Neuseeländer hielten mit Physis und Abgeklärtheit dagegen. Das Unentschieden geht für mich in Ordnung. Vorbei die Zeiten, als man Underdog Neuseeland belächelt hat. Freilich, gegen die Favoriten der Gruppe wird es für sie nichts zu holen geben. Andererseits, die größte Stärke der Kiwis ist die kaltschnäuzige Respektlosigkeit gegenüber ihren haushoch zu favorisierenden Gegnern. Und Iran? Mit all den schrecklichen Umständen, mit denen das Team zu kämpfen hat, ist es eigentlich ein Wunder, dass sie überhaupt bei der WM dabei sein können. Viel werden sie nicht ausrichten, aber ich denke, sie werden sich würdevoll verabschieden.
Belgien : Ägypten 1:1 Huh. Die Ägypter mit Superstar Mohamed Salah und Omar Marmoush starten wie die Feuerwehr ins Spiel. Die Intensität ist atemberaubend. Da wird jeder Zentimeter Rasen umgepflügt, jeder Gegenspieler sofort attackiert. Speedy-Superstar Doku wird zumeist von zwei ägyptischen Abwehrspielern gedoppelt und aus dem Spiel genommen. Selten kann er seine Technik gewinnbringend einsetzen – erst als er untypisch für ihn, in die Mitte wechselt, bringt er neuen Schwung in die festgefahrene Ausrichtung der Belgier. Das Umschaltspiel der Ägypter ist erstklassig. Weil Salah und Marmoush wunderbar harmonieren – und wenn Marmoush den Turbo zündet, holt ihn keiner ein. Überhaupt gefiel mir die direkte Spielweise von Außenseiter Ägypten und der Führungstreffer von Ashour in der 19. Minute – ein knallharter Weitschuss – war mehr als verdient. Die Belgier agierten wie gewohnt konservativ – vertrauten auf De Bruyne, Doku und ihre kleineren Stars, aber es sollte über eine Stunde dauern – dazu brauchte es auch noch Einwechselspieler Lukaku – um doch noch zum Ausgleich zu kommen. Für Stürmer-Urgestein Lukaku, der die Lachnummer bei der WM 2022 war, musste es eine Genugtuung gewesen sein, mit dem ersten Ballkontakt den am Ende verdienten Ausgleich zu schießen. Wobei es nicht sein Fuß war, der den Ball berührte, sondern der eines Ägypters, aber er war in gewisser Weise der Auslöser für das Eigentor. Also Kudos für ihn. Die goldene Generation der Belgier ist längst passé, aber man ahnt, was die Truppe mit ihrem kontrollierten Ballbesitzspiel, ihrem sicheren Rückhalt Courtois, dem wieselflinken Doku und Spielmacher De Bruyne, trotz seiner 34 Jahre, leisten kann. Und sollte Lukaku einen zweiten Frühling erleben, wer weiß, wohin die Reise der Belgier noch geht. Aber die Intensität ist in der Mannschaft längst nicht mehr vorhanden. Ägypten hat den Belgiern die Schneid abgekauft und ihr träges Mittelfeld bloßgelegt. Aber das kräftearme Spiel der Belgier zeichnet sie als Turniermannschaft aus. Wenn ihren Gegnern die Luft ausgeht und die Konzentration nachlässt, dann ist die Stunde von De Bruyne & Co gekommen.
Gruppe H
Saudi Arabien : Uruguay 1:1 Zugegeben, dank eines Müdigkeitsanfalls verschlief ich die erste Halbzeit, die laut Experten sowieso nichts Großartiges zu bieten hatte. Die zweite Halbzeit hingegen, die hatte es in sich. Weil Favorit Uruguay mit 1:0 zurücklag, musste etwas geschehen. Sie packten kurzerhand die Brechstange aus und zeigten den anderen Mannschaften, wie man einen Rückstand wettmachen kann. Sie steigerten die Intensität, gingen aggressiv in die Zweikämpfe und legten dabei eine Willenskraft auf den Rasen, der seinesgleichen sucht. Da wurde eine Flanke nach der anderen in den Strafraum geflankt, aus jeder guten Position das Tor ins Visier genommen. Die Spieler von Saudi-Arabien mühten sich, nicht die defensive Ordnung zu verlieren. Schlussendlich mussten sie den gerechten Ausgleich hinnehmen. Aber aufopferungsvoll gekämpft, die Saudis. Respekt. Gruppenfavorit Uruguay mit Superstar Valverde von Real Madrid ist nicht Fisch nicht Fleisch. Begnadete Unterschiedsspieler haben sie nicht mehr in der Mannschaft. Wer erinnert sich nicht an Forlan, Cavani oder „Beißer“ Suarez? By the way, noch immer verzeihe ich den Urus das WM-2010-Viertelfinalspiel gegen Ghana, als Suarez einen Torschuss in der letzten Minute der Nachspielzeit mit der Hand abwehrte. Er verhinderte dadurch den Siegestreffer der damals groß aufspielenden Afrikaner und den Elfmeter, ach, den knallte Gyan an die Latte. Dadurch ging es ins Elfmeterschießen. Ja, und da versagten dann endgültig die Nerven der Afrikaner. Ich war damals sehr wütend auf die Urus, weil es sich Ghana mehr als verdient hätte, ins Halbfinale einzuziehen. Deshalb habe ich auch heute nichts dagegen, wenn die Urus eine aufs Dach kriegen. So ist das.
Spanien : Cape Verde 0:0 Wer hätte das gedacht? Niemand. Wirklich niemand. Diese kleine Inselgruppe im Atlantik, westlich von Afrika gelegen, mit gerade einmal einer halben Million Einwohner, dreht dem haushohen Favoriten Europameister Spanien die lange Nase und erkämpft sich ein verdientes Unentschieden. Wow! Diese Defensivleistung ist eine Meisterleistung. Wobei. Hand aufs Herz, die Spanier wirkten ideenlos und wirkten oft wie eine Karikatur ihres sonst so gewohnt hochstehenden Ballbesitzfußballs. Man muss den Mannen von Cape Verde die Hochachtung aussprechen. Wären sie bei ihrem Umschaltspiel nicht so nervös gewesen, meine Herren, es hätte für Spanien knüppeldick kommen können. Und dann war da noch der Eckball in der Nachspielzeit für Cape Verde und der Kopfball von Diney Borges, der zu direkt ausfiel. Ansonsten würde die Fußballwelt noch mehr Kopf stehen. Ist das überhaupt möglich? Die erste Halbzeit ließ einen verwundert zurück. In den blauroten Dressen spielte Europameister Spanien, einer der Favoriten für das Turnier, aber auf den Zuschauer wirkten sie eher wie eine der vielen durchschnittlichen Mitläufer bei Weltmeisterschaften. Wie ist das möglich? Ganz einfach. Weil die beiden Ausnahmespieler Nico Williams und Lamine Yamal verletzungsbedingt noch nicht einsatzbereit sind. Deren Stärke liegt nicht nur in Antritt und Speed, sondern auch in ihrer Technik, die es ermöglicht, ein oder zwei Gegenspieler am Flügel alt aussehen zu lassen. Dadurch ergeben sich Räume und Torchancen. Ohne diese „Dosenöffner“ bräuchte es perfektes Ballspiel – aber davon sind die Spanier noch weit entfernt. Zugegeben, zwei große Chancen im Spiel gab es. Aber einmal rettete die Latte, das andere Mal Torhüter Vozhina, der mit seinen 40 Jahren wie ein Philosophieprofessor aussieht. Großes Lob für den Underdog aus der Karibik. Cape Verde spielt selbstbewusst und freudig munter, weiß die defensive Ordnung zu halten und strahlt in ihrem Umschaltspiel Gefahr aus. Durch die hohe Abwehrlinie gehen die Spanier natürlich immer das Risiko ein, mit hohen Bällen überrannt zu werden. Hier zeigt sich, dass ein gut organisierter Lowblock, d. h. zwei gut abgestimmte Verteidigungsreihen vor dem Strafraum, auch den spielstärksten Mannschaften Probleme bereiten kann. Australien beherrschte diese Defensivkunst perfekt und zog den Türken den letzten Nerv. Zwanzig Minuten vor dem Ende wird Lamine Yamal für Gavi eingewechselt, später auch noch Nico Williams für Rodri. Aber der Karren ist längst verfahren. Die Abstimmung bei den Spaniern passt hinten wie vorne nicht. Warum Trainer de la Fuenta Rodri nicht früher ausgewechselt hat, ist mir schleierhaft, konnte er für das Offensivspiel nichts beitragen und als defensiver Mittelfeldspieler war er vor allem für die Absicherung des Rückraums zuständig. Das hätte ein Zubimendi besser gemacht. Oder ein Grimaldo, der einen feinen Fuß hat und speziell bei Standardsituationen sehr effektiv ist. Wie dem auch sei, das Ergebnis ist eine Sensation. Ich freu mich für die ehemalige portugiesische Kolonie. Dort wird heute Abend gefeiert als gäb’s kein Morgen. Wunderbar. So macht eine Weltmeisterschaft richtig Spaß.
Gruppe I
Frankreich : Senegal 3:1 Nach 45 Minuten ist man sehr verwundert. Senegals Jackson knallt den Ball an die Stange, von dort prallt der Ball an die Füße von Torhüter Maignan und geht dann, dank des Dralls, in einem spitzen Winkel neben das Tor ins Out. Physikalisch ist das ein Wunderding, dass der Ball nicht ins Tor abgelenkt wird. Und knapp vor dem Abpfiff haut Senegalese Ismaïla Sarr von Oliver Glasners ehemaligem Team Crystal Palace den Ball übers Tor. Man fasst es nicht. Und die Franzosen? Trainer Deschamps, der sonst so konservative Taktiker, stellt vier Topstürmer auf und hofft auf das Beste. Ein Rätsel. Ohne Spielmacher im Rückraum funktioniert das Offensivspiel nicht. Und trotzdem, jeder weiß es, sind hier Unterschiedsspieler am Werk. Ein falscher Querpass der Afrikaner oder eine kleine Unachtsamkeit und schon starten Mbappé, Doué, Olisé und Démbélé durch. Die zweite Halbzeit drehte freilich alles auf den Kopf. Was mag der Grund gewesen sein? Die Experten glauben, dass Trainer Deschamps seinen eingebildeten Spielern in seiner Pausenansprache den Kopf gewaschen hätte. Ich denke vielmehr, dass Senegal offensiver werden wollte und so nicht mehr alle Räume absichern konnte. In diesen freien Räumen bewegten sich die pfeilschnellen französischen Offensivspieler wie Fische im Meer. Die logische Konsequenz war der Führungstreffer durch Mbappé, der im Sprint – was für ein Antritt – den Ball am Torhüter vorbeischob. Da waren 66 Minuten gespielt. Den Afrikanern blieb nichts anderes übrig, als offensiver zu agieren. Wiederum entstanden Räume. Wiederum wurde ihnen die Rechnung eiskalt präsentiert – diesmal vom jungen Barcola, der ebenfalls im Sprinttempo in den Strafraum und dort den Torhüter überlupfte. In der Nachspielzeit durfte Senegal jubeln, weil das 18-jährige Wunderkind Ibrahim Mbaye ein sehenswertes Dribbling mit einem Gewaltschuss abschloss. Respekt. Minuten später ist es erneut Mbappé, der einfach mal draufhält und so sein zweites Tor macht. Der Mann spielt auf einem anderen Level als all die anderen. Soviel ist sicher. Kurios dann die letzte Aktion der Senegalesen, als ein scharfer Querpass im Strafraum Tchouaméni trifft und der Ball beinahe ins Tor abgelenkt wird. Aber Torhüter Maignan reagiert gerade noch rechtzeitig. Ich hätte ihnen den Treffer zum 3:2 vergönnt. Überhaupt, für die erste Halbzeit, als Senegal-Spieler kompakt und gut organisiert den Franzosen die Schneid abkauften und in Führung hätten gehen müssen, dafür gebührte ihnen ein Unentschieden. Aber Frankreich ist wieder einmal seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Trotzdem bin ich immer noch der Meinung, dass die Offensivstärke der Franzosen verpufft, wenn man ihnen keine Räume lässt. Ähnlich erging es ja PSG, als der französische Meister im Finale der Champions League gegenüber der gut organisierten Defensive von Arsenal London lange Zeit kein Mittel fand. Das Gruppenspiel gegen die sicherlich gut organisierten Norweger könnte Aufschluss darüber geben, ob das System der Franzosen funktioniert. Und Senegal? Die Afrikaner scheinen mir zu unbekümmert an die Sache heranzugehen. Da fehlt es an Konzentration und Willensstärke. Die Elfenbeinküste – sie rang im letzten Testspiel Frankreich mit 2:1 nieder! – ist da aus einem anderen Holz geschnitzt.
Irak : Norwegen 1:4 Das Mitternachtsspiel habe ich im dösenden Zustand nebenbei mitgehört. Die ersten 40 Minuten zeigt der Irak, dass er gewillt ist, dagegenzuhalten. Superstürmer Haalands Führungstreffer wird zehn Minuten später von den Irakern egalisiert. Der ganze Irak steht Kopf. Aber als das Jubelgeschrei endet, macht der irakische Torhüter einen kapitalen Fehler, und Haaland bedankt sich mit dem Führungstreffer. Ansonsten machen die Norweger nicht viel, und die Iraker können sich nicht mehr steigern. Am Ende sieht die Sache klarer aus, als sie gewesen ist.
Gruppe J
Argentinien : Algerien 3:0 Das war mal eine Galavorstellung des Superstars Lionel Messi, der im Juli 39 Jahre alt sein wird und in der Partie alle drei Tore machte. Man versteht, warum Trainer Scaloni auf jene erfahrenen (um nicht zu sagen: in die Jahre gekommenen) Spieler setzt, die bereits vor vier Jahren Weltmeister wurden. Das blinde Verständnis, das sie auf den Rasen legen, ist wirklich beeindruckend und für jeden Gegner angsteinflößend. Und Messi in Spiellaune ist überhaupt die personifizierte Torgefahr. Gewiss, der algerische Fliegenfänger – ausgerechnet der Sohn von Zidane! – hatte seinen Anteil an der hohen Niederlage. Dabei gab Algerien von Beginn an ordentlich Gas. Wäre beinahe in Führung gegangen, aber der VAR meldete sich: Abseits. Es ist halt so: Jeder Gegner, der mit Argentinien mitspielen will, muss damit rechnen, unter die Räder zu kommen. In einen argentinischen Konter zu laufen, ist praktisch ein Eigentor. Es wird wohl hochkarätige Gegner brauchen, um dieses groß aufspielende Argentinien niederzuringen. Oder eine perfekte Abwehrleistung im Stile von Kap Verde (gegen Spanien) oder von Australien (gegen die Türkei). Argentinien ist bei der WM angekommen und setzt ein Ausrufezeichen.
Österreich : Jordanien 3:1 Der Angstschweiß klebt noch am Körper. Halleluja, war das eine Zitterpartie. Dabei begann alles nach Plan. Romano Schmids Bogenschuss im Stile eines Messis schlägt in der Kreuzecke ein. Wow! Aber seltsamerweise stachelt der Führungstreffer die Jordanier auf, die uns mit ihren langen Bällen hinter die Abwehrreihe vor Probleme stellen. Niemals können wir die Kontrolle des Spiels für eine längere Zeit übernehmen, immer wieder führt ein Ballverlust zu schnellen Vorstößen der Jordanier, die selbstbewusst und mit direktem Zug zum Tor agieren. Nach der Pause wird getauscht. Sasa Kalajdzic, der sich zu sehr um Absicherung im Mittelfeld bemühte, wenig Offensivbemühungen zeigte, macht für Arnautovic Platz. Aber am Spiel der Jordanier ändert sich nichts. In der 50. Minute ist es dann soweit: Ali Iyad Olwan läuft auf der linken Seite allen Gegenspielern auf und davon. An der Strafraumgrenze wird er von Lienhart nicht gestellt, somit kann sich Olwan den Ball zurechtlegen und ins lange Ecke schlenzen. Betretene Gesichter bei den Österreichern. Damit begann die Phase der Zitterpartie. Nach einer Stunde kamen endlich Chukwu, Wanner und Danso – die rundum mehr Sicherheit ausstrahlen. Überhaupt, warum Danso nicht von Beginn an spielen durfte, ist mir ein Rätsel. Da er als Innenverteidiger keine Scheu hat, den Ball vorzutragen – wenngleich ich manchmal den Atem anhalten musste, weil er dann und wann den Pass verschluderte – ist Danso genau der Richtige, will man einen schwächeren Gegner unter Druck setzen. Und im gegnerischen Strafraum macht Dansos Präsenz jeden Gegenspieler nervös. Wie dem auch sei. Nach einer Ecke in der 70. Minute knallt Arnautovic aus einem Gewirr von Beinen ins Tor. Jubel! VAR schaltet sich ein. Handspiel von Posch. Recht kleinlich. Kein Tor. Aber fünf Minuten später, wieder Ecke, köpft Arnautovic ins Tor. Aber die Zeitlupe zeigt, es war der Rücken eines Jordaniers, der den Ball ins Tor abfälschte, also Eigentor. Wurscht. Wir nehmen’s! Die Jordanier, das erste Mal bei einer WM, geben natürlich nicht auf und kämpfen um jeden Ball. Schock, schwere Not, es gibt eine Nachspielzeit von 10 Minuten. Nägelkauend seufzt man vor sich her. Dann taucht plötzlich Arnautovic alleine vor dem gegnerischen Torhüter auf – und vergibt diese Riesenchance. Unfassbar. Knapp vor dem Abpfiff doch noch eine weitere Torchance. Eine Arnautovic-Schussflanke wird von einem Verteidiger mit der Hand abgelenkt. VAR. Danke. Elfmeter. Arnautovic verwandelt eiskalt. Abpfiff des Spiels. Ausatmen. Durchatmen. Nichts für ein schwaches Nervengerüst. Es mangelt unseren Spielern an Selbstbewusstsein – und damit kannst du den Gegner niemals kontrollieren. Mit der Mannschaftsaufstellung von Rangnick war ich nicht zufrieden – aber ich will hoffen, dass er einen Plan hatte. Die nächsten beiden Partien werden nicht einfacher werden.
Gruppe K
Portugal : DR Kongo 1:1 Die erste Halbzeit hatte wenig zu bieten, obwohl … Zum einen gingen die haushohen Favoriten aus Portugal bereits nach 6 Minuten in Führung, zum anderen wirkten die Afrikaner nervös und waren unachtsam. Man fürchtete bereits, sie würden unter die portugiesischen Räder kommen. Aber langsam haben sich die Underdogs aus dem DR Kongo, die einstmals Zaire hieß, aus dem ängstlichen Sumpf gezogen und überraschten mit schnellem und direktem Umschaltspiel. Da ging es flott zur Sache. Im Gegensatz dazu praktiziert Portugal den Ballbesitzfußball vergangener Tage. Als neutraler Zuschauer fällt einem der Kopf müde von der Schulter, wenn zum 243. Mal der Ball zwischen Mittelfeld und Abwehr hin- und hergeschoben wird. Nur hier und da, wenn sich eine Lücke in den gegnerischen Abwehrreihen zeigt oder einer der portugiesischen Spieler zum Lauf in die Tiefe ansetzt, tut sich etwas im Offensivspiel. Es darf natürlich nicht verwundern, wenn Trainer Martínez den Ballbesitzfußball zelebriert, steht ihm womöglich das beste Mittelfeld des Turniers zur Verfügung: Neves, Vithina, Fernandes und Silva. Aber die vorderste Offensivreihe mit Ronaldo und am Flügel Neto ist nicht gerade durchschlagskräftig. Im Übrigen war der Torschütze des Führungstreffers der kleine Neves mit einem Kopfball. Das lähmend langsame Spiel der Portugiesen ist kaum zu ertragen. Gottlob gelingt dem Außenseiter der Ausgleich. Eckball in der letzten Minute für DR Kongo, und Yoanne Wissa von Newcastle steigt mustergültig hoch und setzt seinen Kopfball scharf und unhaltbar ins Tor. Respekt. In der zweiten Halbzeit sehen wir ein ganz anderes Spiel. Weil Portugal plötzlich einem Tor hinterherläuft. Sie versuchen, direkter zu spielen, mehr Zug zum Tor zu entwickeln. Aber die Leoparden vom Kongo verteidigen alles perfekt weg, und weil sie im Umschaltspiel brandgefährlich sind, können die Portugiesen nicht volles Risiko gehen. Trainer Martínez bringt zuerst Flügelmittelfeldmann Francisco Conceição, dann Flügelstürmer Rafael Leão und schließlich Stoßstürmer Gonçalo Ramos. Aber da will den Portugiesen nicht mehr viel gelingen. Ronaldo wird oft von seinen Mitspielern gesucht, aber selten perfekt angespielt und so verpuffen seine wenigen Chancen. Kein guter Tag für ihn. In der Statistik hat DR Kongo mehr gefährliche Torschüsse zu verzeichnen als die Nummer 4 der FIFA-Weltrangliste. Kaum zu glauben. Kurz und gut, im portugiesischen Team ist definitiv der Wurm drin. Im nächsten Match gegen Usbekistan werden die Nerven ganz schön flattern.
Usbekistan : Kolumbien 1:3 Die 20-minütige Zusammenfassung anzuschauen, hätte ich mir sparen können. Zehn Minuten hätten auch gereicht. Wie zu erwarten, konnte WM-Neuling Usbekistan nicht überzeugen. Sie waren bemüht, so viel ist zu sagen. Der Ausgleich der Usbeken dann doch überraschend, aber das war’s dann auch. Die Kolumbianer mit ihrem Superstar Luis Díaz und zwei Spielern von Oliver Glasners Ex-Klub Crystal Palace ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Beide Torhüter übrigens mit sehr schwachen Leistungen. Wenn man wissen will, was kolumbianischen Fußball auszeichnet, muss man sich nur die Entstehungsgeschichte des 3. Tores anschauen: Juan Hernández führt mit einem Usbeken eine Form des Ringkampfs an der Seite aus, liegt praktisch schon am Rasen, rappelt sich aber hoch, kämpft weiter und löst sich von seinem Gegner mit dem Ball, haut eine Flanke in den Strafraum, exakt auf den Kopf von Stürmer Campaz. Das war bitteschön in der 8. Minute der Nachspielzeit! Diese Kolumbianer machen keine Gefangenen. Jedenfalls nicht beim Fußball.
Gruppe L
Ghana : Panama 1:0 Die 10-minütige Zusammenfassung hat ausgereicht, um zu wissen, dass man nichts versäumt hat. Die Nachspielzeit, die hatte es aber in sich. Weil in der 90. + 5. Minute die Afrikaner mit Superstar Semenyo von Man City den Führungstreffer machen. Panama, die durchaus ihre Chancen im Spiel hatte, ist konsterniert und es wird alles nach vorne geworfen. „They throw the kitchen sink at it“, würden die Amerikaner so bildsprachlich perfekt sagen. Bei einem Eckball kommt sogar Torhüter Mosquera in den Strafraum und, man glaubt es nicht, kommt sogar zu einer Kopfballverlängerung, die einer seiner Kollegen tatsächlich noch ebenfalls mit dem Kopf auf das Tor bringt. Aber zu schwach und unplatziert. Schade. Dann gibt’s auch noch tumultuarische Szenen mit Rudelbildung. Herrlich. Die Emotionen kochen über. Das war’s dann aber auch schon wieder. Ein wenig fürchtet man um die beiden Außenseiter in der Gruppe L. Andererseits, vielleicht werden sie von England oder Kroatien unterschätzt oder sie steigern sich. Nicht unmöglich, aber recht unwahrscheinlich.
England : Kroatien 4:2 An dieser Stelle müssen wir uns als neutrale Fußballfans beim englischen Fußballverband bedanken, die das Undenkbare wagten, nämlich einen deutschen Trainer für das Nationalteam zu engagieren. Thomas Tuchel ist vielleicht der erste Trainer auf der Insel, der sich um das übliche Mediengeschrei nicht sonderlich bekümmert. Alleine die mediale Aufregung, die es gab, weil er die Größen des englischen Fußballs – Palmer, Foden, Maguire – nicht einberufen wollte, ließ ihn kalt. Und das Match gegen die Kroaten gibt ihm allemal recht. Während der letzte Trainer Southgate mit begnadeten und talentierten Spielern den schrecklichsten Ballbesitzfußball spielen ließ, den wir als Grottenkick bezeichnen müssen, hat Tuchel eine zeitgemäßere Taktik auf den Rasen gebracht. Die erste Halbzeit der Begegnung gegen Kroatien war ein kleiner Schlagabtausch. Beide Male gehen die Engländer durch Standards in Führung – beide Male gleichen die Kroaten mit sehenswert herausgespielten Toren aus. Leider war der sympathische Mittelfeldmotor Modric mit seinen 40 Jahren zuweilen überfordert und verursachte einen dummen Elfmeter. Die zweite Halbzeit, da kamen die Engländer wie die Feuerwehr aus der Kabine und spielten die Kroaten praktisch an die Wand. Kurzzeitig entwickelte sich offensiver Einbahnstraßenfußball, den man den Engländern niemals zugetraut hätte. Die Kroaten mühten sich redlich, sich aus der Umklammerung zu befreien, aber da fehlt ihnen einfach die Lunge und die Unterschiedsspieler, die sie früher einmal hatten. Zwar konnten sie mit trickreichen Ballkombinationen noch die eine oder andere Torchance kreieren, aber das Selbstbewusstsein und die Physis der Engländer war an diesem Abend auf einem anderen Level. Haben sich die Engländer mit diesem Match zum Favoriten gemacht? Ja und nein. Weil die Kroaten ein offenes Spiel wagten (analog Paraguay gegen die USA) und mit einem aggressiven Pressing Räume anboten, war Tuchels Flügelspiel die perfekte Gegentaktik. Die Frage ist, wie England gegen Teams spielt, die im Midblock oder gar Lowblock verteidigen, wo die Flügelspieler kaum Räume vorfinden. Aber gut, hier können sie auf ihre Stärke bei Standardsituationen zurückgreifen und auf Ausnahmestürmer Harry Kane setzen, der es versteht, auf engstem Raum jede Schussmöglichkeit eiskalt auszunutzen. Aber ihre Defensive ist noch nicht eingespielt und die Verteidiger zeigen unter Druck eine gefährliche Fehleranfälligkeit. Well, is it coming home? We shall see.

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