Die Phase der Gruppenspiele ist vorbei. Nun stehen sich die 32 besten Nationen in der KO-Runde gegenüber und spielen für den Einzug ins Achtelfinale. Durch die Erhöhung der Teilnehmerzahl von 48 Mannschaften gibt es die unterschiedlichsten Begegnungen, die man nicht als fair bezeichnen kann.
Marokko, die Nummer 7 der FIFA-Weltrangliste, trifft auf die Niederlande (#8). Brasilien (#6) begegnet Japan (#18), und Portugal (#5) muss sich mit Kroatien (#11) messen. Auf der anderen Seite spielt der amtierende Weltmeister Argentinien (#1) gegen das Überraschungsteam Cape Verde (#67), bekommt es Kanada (#30) mit Südafrika (#60) und England (#4) mit DR Kongo (#46) zu tun. Unterschiedlicher in der Stärkeverteilung kann es kaum gehen. Pech für die einen. Glück für die anderen. Was mir aber sehr gefällt, ist der exotische Charakter der Weltmeisterschaft. Generell dominieren europäische und südamerikanische Mannschaften das Turnier. Diesmal wollen jedoch die afrikanischen Nationen ein Wörtchen mitreden. So soll es sein.
Nach einem der dramatischsten Gruppenspiele in der Geschichte der WM („Bist du deppert!“), hat sich Österreich den zweiten Platz erkämpft und „darf“ Europameister Spanien (#2) herausfordern, während Algerien als Drittplatzierter auf die Schweiz (#19) trifft.
Die herausragenden Matches des Sechzehntelfinales
England : DR Kongo 2:1 What a freaking game that was. Die erste Halbzeit gehört zum spektakulärsten, was die Finalrunde zu bieten hatte. Der Underdog aus Afrika stemmt sich heldenmütig gegen den haushohen Favoriten und geht sogar in die Offensive. Beinahe sieht es so aus, als würde England straucheln und sich fürchterlich blamieren. Aber Harry Kane reißt das Ruder noch einmal herum. Erstaunlich.
Deutschland : Paraguay 1:1 3:4 n.E. Ist die peinliche Niederlage gegen die Südamerikaner, die im Vorfeld auch noch als unbedeutend bezeichnet wurden, die Götterdämmerung der deutschen Nationalmannschaft unter Nagelsmann?
Niederlande : Marokko 1:1 2:3 n.E.Die Intensität und Dramatik im Spiel ist enorm. Da müssen Leibchen wegen Blutspritzern gewechselt werden und der Ausgleich, der fällt natürlich in der Nachspielzeit. Keine der Mannschaften ist bereit, nachzugeben. Am Ende ist Marokko verdient weiter. Trainer Koeman ist Geschichte. Hoffentlich findet sich ein Trainer, der das offensive Potenzial der Niederländer am Rasen umsetzen möchte. Wie man sich nach dem Führungstreffer in den tiefen Block geflüchtet hat, ist für eine niederländische Mannschaft unwürdig.
Frankreich : Schweden 3:0 War es die Galavorstellung des kommenden Weltmeisters? Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Gegner dieser offensiven Urgewalt etwas entgegenzustellen hätte. Aber wollen wir nicht den Tag vor dem Finale loben.
Gedanken zu allen Spielen des Sechzehntelfinales: best of 32
Kanada (FIFA Rangliste #30) : Südafrika (#60) 1:0 Das erste Spiel der Finalrunde war natürlich nicht der große Kracher. Verständlich. Wenigstens haben sich beide Mannschaften Räume im Mittelfeld gegeben, so dass es zu offensiven Spielzügen kommen konnte. Südafrika qualitativ limitiert, auch wenn sie technisch versierte Spieler in ihren Reihen haben. Die Kanadier können vor allem mit Willensstärke auftrumpfen. Als in der 75. Minute endlich, endlich Superstar Alphonso Davies (Bayern) eingewechselt wurde und aufs Feld kam, ging ein Ruck durch die kanadische Mannschaft. Obwohl Davies leider (noch) nicht voll fit ist, hat er trotzdem offensive Ansätze gezeigt und dabei die gegnerischen Abwehrspieler verunsichert. Südafrika dachte daran, sich ins Elfmeterschießen zu retten. Kanada hingegen suchte das Tor. So war es Ausnahmespieler Stephen Eustaquio, dessen herrlicher Torschuss Mitveranstalter Kanada den Sieg und damit das große Glück brachte. In der nächsten Runde wartet mit Marokko ein (zu) schwerer Brocken auf die Kanadier. Aber es ist erfrischend, wenn Mannschaften wie Kanada Fußball spielen und sich nicht zu viel mit taktischen Anordnungen aufhalten.
Brasilien (#6) : Japan (#18) 2:1 Die Brasilianer waren in der ersten Halbzeit bloody awful. Defensivmittelfeldmann Casemiro rannte seine eigenen Leute über den Haufen und konnte die wieselflinken Japaner einfach nicht stellen. Man hat das Gefühl, ein brasilianischer Geleitzug wird von einem japanischen U-Boot-Rudel gejagt. Nach einer halben Stunde, in der praktisch wenig passierte – die Japaner im Block nicht zu knacken, die Brasilianer ideenlos – ist es ein Ballverlust im Mittelfeld, der zum japanischen Führungstreffer führt. Kaishu Sano sprintet aufs Tor zu und keiner von der brasilianischen Hintermannschaft kann sich aufraffen, sich ihm entgegenzuwerfen, also nimmt er Maß und haut den Ball perfekt in die lange Ecke. Da bleibt einem der Mund offen, so exakt fiel der Treffer aus. Im Übrigen war es der erste Torschuss der Japaner. Von da an trauen sich die Blue Samurai mehr offensive Vorstöße zu, die aber nicht fertiggespielt werden, da die Pässe zu ungenau ausfallen. Und die Selecao? Übt sich bereits im Kick and Rush, also einfach Bälle in den Strafraum schlagen und hoffen, dass der Ball irgendwie zu Vinicius Jr. oder Cunha fällt. Recht erbärmlich, wenn man bedenkt, dass solch eine Hau-drauf-Taktik seinerzeit von den verspielten Ballzauberern vom Zuckerhut brüsk abgelehnt worden wäre. The times they are a changin‘, wenn man so will oder einfacher ausgedrückt: Im Fußball heiligt der Zweck jedes Mittel. Die zweite Halbzeit, seltsam, diktieren die Brasilianer das Tempo, bestimmen das Spiel. Dabei ersetzten sie Mittelfeldmann Paqueta wegen Verletzung durch das junge Supertalent Endrick, frei nach dem Motto: Wer braucht schon ein Mittelfeld, wenn sich der Gegner ängstlich zurückzieht. Die Japaner, mit der Führung im Rücken, bleiben in ihrem defensiven Block, versuchen alles wegzuverteidigen, aber, nun ja, wir haben es mit Ballzauberern zu tun, die am liebsten ungestört ihre Offensivzüge machen wollen. Da wird eine Flanke nach der anderen in den Strafraum geschlagen, rund um den Strafraum die Pässe gespielt und die Japaner, sie warten auf ihre Chance. Einmal kommt sie. Einmal stürmen vier Japaner auf das gegnerische Tor zu, haben Überzahl, aber machen nichts aus dieser einmaligen Konterchance. Auf diese Weise kann man kein Finalspiel bei einer WM für sich entscheiden. Der Ausgleich fällt zehn Minuten nach Anpfiff der zweiten Halbzeit. Ausgerechnet Casemiro köpft aus kurzer Distanz ins brasilianische Glück. Von da an hätte man sich einen offenen Schlagabtausch erwarten können, aber die Japaner agieren viel zu ehrfürchtig. Vinicius Jr. hätte beinahe das Gustostückerl der WM abgeliefert, aber der Schlenzer nach seinem Solo wird von Goalie Suzuki gerade noch an die Stange gelenkt. Huh. Wäre ihm das Tor geglückt, wer würde ihm dann noch seinen Status als Superstar absprechen können? In der Nachspielzeit, es sieht bereits nach Verlängerung aus, ist es der eingewechselte Martinelli (Arsenal), der, völlig ungewohnt für ihn, in der zentralen Offensive aufgestellt ist, den umjubelten Siegestreffer macht. Respekt. Von dem, was ich von Martinelli bei Arsenal gesehen habe, ist er am Flügel erbärmlich ideenlos. Aber im blaugrünen Shirt dürfte er über sich hinauswachsen. Gottlob ist die aktivere und damit auch bessere Mannschaft in die nächste Finalrunde eingezogen. Brasilien ist nur so stark, wie sie der Gegner macht. Das ist das Geheimnis. Wird es Norwegen lüften?
Deutschland (#10) : Paraguay (#41) 1:1 3:4 n.E. Ach du grüne Neune. Wie konnte das nur passieren? Der haushohe Favorit aus Europa strauchelt gegen das kleine Paraguay. Dabei hätten Nagelsmann und seine Mannen wissen müssen, dass mit diesen Südamerikanern nicht zu spaßen ist. Die Türken lernten es auf die harte Tour. Wer sich das Match angesehen hat, wie sich 10 Paraguayer gegen den türkischen Ansturm wehrten und bereit waren, ihr Leben zu geben, der konnte voraussehen, dass sie im Sechzehntelfinale Deutschland ein Bein stellen können. Irgendwie fürchtet man um Frankreich, die im Achtelfinale auf die zähen Südamerikaner treffen werden. Dabei begann alles nach Plan. Erste Halbzeit. Die erste gefährliche Szene im Strafraum haben zwar die Südamerikaner, aber dann ist für rund 40 Minuten Funkstille. Die Deutschen, wie man es erwarten durfte, übernehmen die Kontrolle des Spiels und beginnen mit ihrem Ballbesitzspiel. Als Stürmer agiert von Beginn an Undav, während Havertz ins offensive Mittelfeld abrückt. Die Elf von Trainer Nagelsmann müht sich, den Ball in die gefährliche Zone zu bringen, aber der Block der Paraguayer verteidigt fast alles weg. Im Umschaltspiel bleiben die Südamerikaner vorerst harmlos. Zu ungenau die letzten Pässe, zu wenig Zug zum gegnerischen Tor, da man in erster Linie nicht Tore schießen, sondern verhindern möchte. Aber in der 40. Minute gibt es eine hübsche Ballkombination, die dazu führt, dass Galarza in den Strafraum flankt und dort kommt Enciso völlig unbedrängt von der deutschen Hintermannschaft (als Schuldiger wird ausgerechnet Nmecha auserkoren) zum Kopfball. Tor. Führung. Hut ab. Wie die Türken auch versuchen die Deutschen, sich mit Kurzpassspiel in den Strafraum zu bewegen und so Unruhe im Block auszulösen. Aber es bleibt vorerst nur Stückwerk. Die großen Torchancen fehlen. In der zweiten Halbzeit ändert sich nicht viel. Nmecha wird durch Goretzka ersetzt. Seltsam. Weil ich Nmecha in der Offensive stärker finde. Musiala kommt für einen unsichtbar gebliebenen Undav. Zehn Minuten nach Wiederbeginn flankt Wirtz in den Strafraum, Havertz steigt hoch und verlängert den Ball ins Tor. Ausgleich. Erleichterung auf deutscher Seite. Aber nach 90 Minuten geht es in die Verlängerung. Die Chancen der Deutschen häufen sich. Aber die Kopfballabschlüsse direkt auf den Torhüter. In der zweiten Halbzeit der Verlängerung, man glaubt es nicht, geben die Südamerikaner den Ton an und gehen in die Offensive. Schlussendlich muss das Elfmeterschießen entscheiden. Skurril. Havertz ist der erste Schütze und vergibt. Kimmich und Musiala treffen. Die Südamerikaner verwerten alle drei Elfmeter. Woltemade tritt an. Vergibt. Somit haben die Paraguayer zwei Matchbälle. Sanabria verschießt den ersten. Aufatmen bei den Deutschen. Amiri haut den Ball ins Tor. Zweiter Matchball. Balbuena, Routinier Paraguays mit 34 Jahren, kann zum Helden werden. Und verschießt – oder vielmehr: Neuer hält den Schuss! Blankes Entsetzen bei den Südamerikanern. Die Deutschen jubeln sich heiser. Jonathan Tah (sein Kopfballtor wurde in der Verlängerung wegen eines Foulspiels an den gegnerischen Torhüter aberkannt) ist vollgepumpt mit Adrenalin und drischt den Ball über das Tor. Blankes Entsetzen bei den Deutschen. Innenverteidiger Canales tritt an und schießt La Albirroja ins große Glück und ins Achtelfinale, während die Nagelsmann-Elf die Koffer packen muss. Nach dem Ausscheiden der Türkei, dank Paraguay, ist nun Deutschland die größte Lachnummer dieser WM.
Niederlande (#8) : Marokko (#7) 1:1 2:3 n.E. Als Diop in der Nachspielzeit den verdienten Ausgleich macht, sind mir kurz zuvor bereits die Augen zugefallen. Solche Nachtspiele, die kaum Dramatik bieten, halten einen nicht wach. Irgendwie war es vorherzusehen, dass sich diese beiden Mannschaften neutralisieren werden. Jeder weiß, dass die Niederlande genauso wie Marokko im Umschaltspiel brandgefährlich sein kann. In der zweiten Hälfte übernehmen die Nordafrikaner das Kommando, sind spielbestimmend, aber Torchancen bleiben Mangelware – weil die Niederländer ihre Verteidigungsreihen nicht entblößen. Beeindruckend, wenn man sieht, wie Fußball auf höchstem Niveau gespielt wird: einmal ist es Van de Ven, das andere Mal Mazraoui, die im schnellsten Sprint einem Gegenspieler den Ball vom Fuß weggrätschen. Da bleibt einem der Mund offen. In der 72. Minute dann des Trainers Koeman Glücksgriff. Zuvor wechselte er nämlich 2-Meter-Mann Weghorst ein, der mit dem Kopf eine Flanke auf Summerville ablenkt, der wiederum am Strafraumrand, bereits im Liegen, auf Gakpo querlegt und dieser macht den Führungstreffer. Von da an ziehen sich die Niederländer – wie zu erwarten – völlig zurück und lassen die Marokkaner ins Leere laufen. Aber Innenverteidiger Diop (der sich Monate vor der WM dazu entschied, für Marokko, nicht für Frankreich zu spielen) stiehlt sich in der Nachspielzeit in den Strafraum und köpft eine Flanke unhaltbar ins Tor. Die Niederländer natürlich geschockt. Vermutlich tagträumten sie bereits vom Aufstieg. In der Verlängerung gab es dann eine große Torchance für Marokko, die aber Goalie Verbruggen spektakulär entschärft. Dann war die Verlängerung vorbei. Elfmeterschießen. Wie im Spiel der Deutschen gegen Paraguay verschießen gerade jene Spieler, auf die sonst Verlass ist. Unglücksvogel Verbruggen hält einen Elfmeter, aber irgendwie rutscht der Ball unter ihm durch und wird durch seine Füße ins Tor geschoben. Bitter. Schlussendlich gewinnen die Marokkaner die Nervenschlacht. Finde ich gut. Der niederländische Trainer Koemann hat eine hervorragende Mannschaft, die den besten Offensivfußball spielen könnte. Stattdessen zwingt er die Spieler in eine defensive Struktur, die jeden spielerischen Geist ermüdet. Die Nordafrikaner spielen viel befreiter auf, weil sie sich kein allzu strenges taktisches Korsett zugerecht gelegt haben und die technisch versierten Spieler Fußball zelebrieren wollen. In der nächsten Finalrunde geht es gegen Kanada. Wird ein Schlagabtausch.
Elfenbeinküste (#33) : Norwegen (#31) 1:2 Die erste Halbzeit die längste Zeit ein Snooze-Fest, ein Abtasten, ein Abwarten, ein Taktieren. Die Afrikaner sind von Beginn an mutiger, lebendiger, während die Norweger recht steif in das Spiel starten. Es brauchte einen Kunstschuss des norwegischen Ausnahmetalents Nusa, der den Ball in der 40. Minute vom linken Strafraumrand in die rechte Kreuzecke zirkelt. Wunderschön. Das belebt das Spiel der Norweger, während die Afrikaner mit dem Rückstand hadern. Zwar haben sie den für sie gewohnt üblichen Zug zum Tor, aber wenn es in die gefährliche Zone geht, dann fehlt es ihnen an Durchschlagskraft oder einer zündenden Idee, die zum Abschluss führen kann. Wieder einmal beobachten wir das Ringen zwischen afrikanisch leichtfüßig gespieltem Fußball und einer europäisch taktisch-disziplinierten Ordnung. Früher einmal hatten die Afrikaner die technisch versierteren Spieler in ihren Reihen, heutzutage, durch den gesellschaftlichen Austausch, ist dieser Gap kaum noch ausschlaggebend. Nusa beispielsweise hätte sich auch für sein Vaterland Nigeria entscheiden können. Übrigens in der Mannschaft der Elfenbeinküste spielt der ältere Bruder des Superstars Désiré Doué, der sich für das französische Nationalteam entschied. In der zweiten Halbzeit versuchen die Afrikaner, mehr Zug zum Tor zu entwickeln, aber die defensive Ordnung der Norweger bleibt stabil. Nach einer Stunde darf wieder Ausnahmespieler Diallo (Manchester United) ran. Seine erste wichtige Aktion: den Ball von der eigenen Torlinie kratzen. Kudos. Nach einem Eckball springt der Ball Richtung Tor. Diallo steht goldrichtig. Ein Zweitore-Vorsprung wäre wohl too much für die Ivorer. Dann, große Erleichterung auf Seiten der Elfenbeinküste. Mit einem superben Dribbling dringt Diallo in den Strafraum und schießt den Ball am Torhüter vorbei ins Tor. Ausgleich. Jubel. Von da an schlagen die Norweger wieder eine offensivere Gangart an, kontrollieren Spiel und Tempo. Ausgehend von einem Lochpass des eingewechselten Norwegers Oscar Bobb (Man City und Fulham) und einem Querpass von Berg schiebt Superstar Haaland den Ball Minuten vor dem Ende über die Torlinie. Ist es die Entscheidung? Die Afrikaner werfen alles nach vorne. Einzig ein Freistoß von Diallo hätte beinahe noch den Ausgleich gebracht, aber Goalie Nyland ist zur Stelle und pariert spektakulär. Abpfiff. Die Norweger feiern Haaland und ihren Aufstieg. Die Elfenbeinküste hatte in gewisser Weise eine recht glücklose WM. Vor allem fehlte mir die Intensität in ihrem Spiel. Ein Blick auf Marokko, Ägypten und die südamerikanischen Nationen macht den Unterschied klar: Da wird aufopferungsvoll bis zur letzten Sekunde gekämpft, gebissen und geflucht. So ist das. Haaland & Co treffen in der nächsten Runde auf Vinicius Jr. & Co., das heißt, stabile Ordnung trifft auf kreatives Chaos.
Frankreich (#3) : Schweden (#38) 3:0 Das war mal eine offensive Galavorstellung von der allerbesten Sorte. Dass es zum Halbzeitpfiff nur 1:0 für L’Equipe Tricolore stand, ist eigentlich nicht zu begreifen. Die Schüsse aufs schwedische Tor schienen im Minutentakt abgefeuert zu werden. Der Seitfallzieher von Olisé ließ einen den Atem anhalten. Der Ball klatschte freilich an die Stange. Es hätte das Tor des Turniers werden können. Egal, wie man es auch betrachtet, die französische Offensivabteilung spielt auf einem höheren Niveau als die Gegnerschaft. So leichtfüßig entspannt sehen die Kombinationen aus, dass man meinen könnte, es handle sich um ein Trainingsspiel. Die Schweden, man möchte es nicht glauben, haben zwei der weltbesten Stürmer in ihren Reihen. Aber sieht man sich an, was Isaac (Liverpool) und Gyökeres (Arsenal) aus ihren Chancen machen, dann ist klar, dass sie im Vergleich zu ihren französischen Kollegen nur durchschnittlich sind. Es ist die Ironie der Fußballgeschichte, dass Trainer Deschamps mit solch hochkarätigen Offensivspielern förmlich überwältigt wurde. Er, der immer der Defensive den Vorzug gab – weil es heißt, wer ein Turnier gewinnen will, bei dem muss die Null stehen – wurde überrumpelt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als allen offensiven Ausnahmetalenten einen Platz in der Formation zu geben. Im ersten Gruppenspiel gegen Senegal schien der Plan in der ersten Halbzeit nicht aufzugehen. Da hätte Senegal bereits mit 2:0 in Führung liegen müssen. In der zweiten Halbzeit geht Olisé (Bayern) vom rechten Flügel auf die 10er-Position und wird zum Spielmacher. Und was er für ein Spielmacher ist. Eigentlich sollte er in dieser für ihn ungewohnten Position nicht zur Geltung kommen. Stattdessen brilliert er auf allen Ebenen und formt seinen Stern, der bei dieser WM endgültig aufgehen wird. Die Schweden können froh sein, mit nur 3 Toren nach Hause geschickt worden zu sein. Paraguay wartet auf die bestens motivierten Franzosen im Achtelfinale. Das könnte eine recht hässliche Partie werden. Weil die Franzosen eines nicht ertragen können, dann ist es einerseits, am Toreschießen unfair gehindert zu werden, und andererseits, robusteren Zweikämpfen ausgesetzt zu sein. Sollte nämlich Mbappé oder Olisé durch das harte Einsteigen des Gegners verletzt vom Feld gehen müssen, wird kein Pardon gegeben. So viel steht fest. Und genau darin sind die Südamerikaner wahre Meister, nämlich das Spiel des Gegners zu zerstören und ihm mit allerlei Provokationen den letzten Nerv zu ziehen. Hier liegt die Quintessenz verborgen: Können die Franzosen auch unglücklich spielen und gewinnen?
Mexiko (#14) : Ecuador (#23) 2:0 Endlich einmal eine Begegnung ohne europäische Beteiligung. Da erst spürt man die Exotik einer Weltmeisterschaft. Das Match wurde wegen Wetterkapriolen eine Stunde später angepfiffen. Also komme ich zu ein bisschen mehr Schlaf. Beide Mannschaften überraschen mich. Die Mexikaner – mit lautstarkem Heimvorteil vor 80.000 verrückten Fans – zeigen jenen überragenden One-Touch-Football, den ich mir von ihnen bereits in der Gruppenphase erwartet hätte. Auf der anderen Seite ist die hochgelobte Defensivabteilung der Südamerikaner irgendwo im Nirgendwo unterwegs. Ist es die Anspannung, die sie nicht in die Zweikämpfe kommen lässt? In der ersten Hälfte laufen sie Ball und Gegner lange Zeit hinterher. Die Mexikaner mit dem Anpfiff im Spielrausch. Man kann es nicht glauben, wie sie perfekt durch das hohe Pressing der Südamerikaner spielen und mit wenigen Pässen in die gefährliche Zone kommen. Die beiden Tore herrlich herausgespielt, noch herrlicher abgeschlossen. In der zweiten Hälfte übernimmt Ecuador die Kontrolle, aber gute Torchancen bleiben aus. Vielleicht ein gut angetragener Weitschuss, den Goalie Rangel entschärft, ist noch die beste Aktion. Die Mexikaner ziehen sich immer mehr zurück, wollen scheinbar nur den komfortablen Vorsprung nach Hause bringen. Sehr fahrlässig gehen sie mit ihren zahlreichen Umschaltmöglichkeiten um. So spielen sie die sich ergebenden Kontermöglichkeiten nicht zu Ende. Gegen stärkere Gegner könnte ihnen das zum Verhängnis werden. Schlussendlich wird es in den Schlussminuten kurz hektisch, weil Routinier Hincapié sich entblödet, einem Mexikaner etwas zuzurufen – unter vorgehaltener Hand. Der VAR macht darauf aufmerksam. Die rote Karte folgt. So ist das mit den Emotionen bei den Südamerikanern. Alles in allem hat Mexiko verdient gewonnen und man freut sich auf die nächste Begegnung gegen England. Ein Jahrhundertspiel für die Mexikaner.
England (#4) : DR Kongo (#46) 2:1 Oh my dear Lord. Die erste Halbzeit gehört wohl zu den spektakulärsten der ersten Finalrunde. DR Kongo Flügelstürmer Cipenga nimmt sich in der 7. Minute ein Herz und marschiert auf der linken Seite völlig unbedrängt in den Strafraum und haut den Ball ins kurze Eck. Man kann es nicht fassen. Weil die Afrikaner nicht im tiefen Block verteidigen, sondern das Spiel mitbestimmen wollen, finden die Three Lions keinen Zugriff. Der Führungstreffer führt förmlich zu einer Schockstarre in den englischen Reihen. Die Fans auf den Rängen verstummen ungläubig. Die Spieler brauchen bis zur Hydration Break (etwa die 23. Minute) um sich von dem Schock zu erholen. Aber dann schalten sie doch hoch. DR Kongo zieht sich verständlicherweise zurück. Von da an ist es eine Abwehrschlacht der besonderen Sorte. Goalie Mpasi entschärft zwei Kopfbälle von Bellingham und einen Schuss aus nächster Nähe von Kane. Aber die Afrikaner setzen immer wieder offensive Nadelstiche, die die englische Hintermanschaft in Verlegenheit bringt. Die größte Chance des Spiels fällt Kongoloese Wissa (Newcastle) zu: am Fünfer haut er den Ball am Tor vorbei. Da hätte es 2:0 stehen müssen. Unvorstellbar! Im Gegenzug dann der Aufreger des Spiels: Kane stürmt aufs gegnerische Tor zu, Goalie Mapsi schmeißt sich ihm entgegen und Kane fällt. Der Schiedsrichter winkt ab. „Schwalbe“, deutet er und lässt weiterspielen. VAR? Schaltet sich nicht ein. Entsetzte Gesichter bei den Engländern. Ich denke, Kane hatte es darauf angelegt, da der Ball bereits viel zu weit von ihm weggesprungen ist. Für mein Empfinden die richtige Entscheidung. Die zweite Halbzeit beginnt für die Engländer recht lasch. Ein Schuss von Rashford, eine abgerissene Flanke sind die einzige Ausbeute. Nach einer Stunde kommen Saka und Gordon. Aber auch da will nicht viel zusammengehen. Trainer Tuchel wird desperat und wechselt in der 70. Minute Offensivmann Eze für den Flügelverteidiger Spence ein. Hm? Wer soll dann auf dessen Position gehen? Man stellt Declan Rice hin. Really? Der Kerl ist am Ende seiner Kräfte und soll die Seite absichern? Gewagt. Die Engländer spielen auf Risiko. Aber die Afrikaner sind bereits sichtlich müde – die Abwehrschlacht und das Umschaltspiel verbraten Kalorien und Geist. Fünf Minuten später ist es Kane, der einen Kopfball erwischt und diesmal Goalie Mapsi bezwingt. Ausgleich. Der Jubel ist ohrenbetäubend. Natürlich ist es Superstürmer Kane. Ja, und wiederum zehn Minuten später, wir sind da schon in der 86. Minute, nimmt sich Kane den Ball im Strafraum, schiebt ihn rechts zur Seite und knallt ihn in die kurze Kreuzecke. Unglaublich. Aus dem Nichts kann der Kerl ein Tor machen. Respekt. England hat das Spiel gedreht und die vielleicht größte Blamage in ihrer Historie vermieden. Hand aufs Herz, die Engländer haben mir noch nie gefallen. Es fehlt die Emotion, die verbindende Gemeinschaft. Ich sehe immer nur Millionäre am Feld, die Schönwetterfußball spielen wollen. DR Kongo hat eine unglaubliche Show abgeliefert, hat dagegengehalten, aber am Ende hatten sie wohl keine Chance gegen eine Mannschaft, in der es zumindest zwei Spieler mit Weltklasseformat gibt: Harry Kane und Jude Bellingham (schwache Leistung). So ist das. In ein paar Tagen müssen die Engländer nach Mexiko, um sich dort mit dem Mitveranstalter zu messen. Wird Kane die Mexikaner ins Unglück stürzen? Oder wird den Engländern Montezumas Rache im Hexenkessel von Mexiko City zum Verhängnis?
Belgien (#9) : Senegal (#15) 3:2 i.V Gibt’s nicht. Da führen die Afrikaner komfortabel mit zwei Toren und die Belgier kommen nicht ins Spiel. Aber dann, dann geschieht das Unfassbare. Minuten vor dem Schlusspfiff gleichen die Belgier aus. Es ist schwer zu begreifen. Verlängerung. Erste Halbzeit plätschert dahin. Zweite Halbzeit ist wieder mehr Offensivdrang von beiden Seiten zu sehen. Schließlich, in der letzten Minute, bevor es zum Elfmeterschießen kommt, gibt es Elfmeter für die Belgier. Drama. Und Tielemans verwertet eiskalt. Auflage. Noch einmal versuchen die Senegalesen, den Ball in die gefährliche Zone zu spielen. Aber die Belgier verteidigen alles weg. Recht rätselhaft, wie zaghaft die Afrikaner nach vor spielen – obwohl der Schiedsrichter jederzeit das Spiel beenden könnte. Da fehlte mir die Dringlichkeit und der letzte Wille. Und so verabschieden sich die Afrikaner, die lange Zeit den besseren Fußball gespielt haben. Aber die Belgier, was soll man sagen, sind eben die Belgier. Das Spiel selbst? Die erste Halbzeit zeigt eine senegalesische Mannschaft, die zügig das gegnerische Tor sucht. Gerade in den Anfangsminuten stellen sie die Belgier vor Probleme. Ismaïla Sarr (Crystal Palace), der diesmal als Mittelstürmer agiert, haut den Ball einmal an die Stange. Beim zweiten Mal reagiert Diarra (Sunderland) am schnellsten und staubt den Abpraller ab. Führung für die gefälligeren Afrikaner. Die Belgier im Spielaufbau recht bedächtig, kommen aber trotzdem immer wieder vor das Tor. Vor allem De Bruyne, Trossard und Doku geben hier den Ton an. Es ist schon seltsam mit den Belgiern, aber es wirkt auf den Betrachter, als würden sie einen antiquierten Fußball spielen, in deren Zentrum Spielmacher De Bruyne die Fäden zieht und die Bälle Richtung der beiden Außenspieler Doku und Trossard verteilt. Aber die belgischen Spielzüge zu behäbig, zu durchschaubar – und somit leicht zu verteidigen. In der 2. Halbzeit kommt Stürmerlegende Lukaku. Aber Senegal ist es, das ein weiteres Mal anschreibt. Langer Abschlag. Ismaïla Sarr sprintet zwischen zwei belgischen Verteidigern, nimmt sich den Ball mit der Brust runter und knallt den Ball unhaltbar ins Tor. Wow! Und zehn Minuten später, Überraschung, nimmt Trainer Garcia De Bruyne und Doku vom Feld. Der Anschlusstreffer von Lukaku fällt in der 84. Minute. Der Ausgleich von Tielemans in der 89. Minute. Verrückt. Einfach nur verrückt.
USA : Bosnien-Herzegowina
Spanien : Österreich
Portugal : Kroatien
Schweiz : Algerien
Australien : Ägypten
Argentinien : Cape Verde
Kolumbien : Ghana

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