Vor ein paar Jahren habe ich mir die Mühe gemacht, aus dem Berg an Tagebüchern jene Stelle zu finden, die sich mit den Ereignissen vom 11. September 2001 bzw. 9/11 beschäftigt. Im Jahr 2001 war ich nicht mehr jung, noch nicht alt – und mein Interesse lag vorrangig im Zwischenmenschlichen. Ein Schriftsteller war ich noch lange nicht, der Musenkuss sollte noch ein halbes Jahr auf sich warten lassen. Das politische Geplänkel im In- und Ausland interessierte mich für gewöhnlich nur am Rande, aber ich wusste instinktiv, dass die unbeschreiblichen Vorgänge an diesem Septembertag ein neues Kapitel aufschlagen würden.
Als ich 1993 in New York City urlaubte, verpasste ich es, in das Ausflugsstockwerk der Twin Towers hinaufzufahren. Dunkel sehe ich die große Lobby vor mir. Alles dahin. Als hätte David Copperfield innerhalb von Sekunden die enormen Wolkenkratzer in Staub verwandelt und die physikalischen Gesetze aufgehoben. Die Welt war eine andere geworden. Von nun an sollte es auch in meiner Generation ein erlebtes Davor und ein noch zu erlebendes Danach geben.
Mittwoch, 12. September 2001 – Café – 10h45
Für heute freigenommen. Gestern ist es mir wieder einmal nicht so gut gegangen – bereits gegen 16 Uhr das Büro verlassen und nach Hause gegangen. Dort jene Bilder verfolgt, die die Welt so noch nicht gesehen hat. Eigenartig – selten schreibe ich über die Welt da draußen – die meine, innere, ist es, die ich hier zu Papier bringe. Doch heute ist es anders – die Geschichte (Historie) schlägt ein neues Kapitel auf. Terror fegt zwei Wolkenkratzer in New York auf so drastische Art und Weise hinweg, dass es einem die Luft zum Atmen raubt. Zwei gekidnappte Passagierflugzeuge rasen in die beiden Wolkenkratzer. Wenig später stürzen sie in sich zusammen. Hinterlassen nur Trümmer – und viel, viel Rauch. Und eine Welt, die nicht versteht, wie all das Wirklichkeit sein kann. Zum ersten Mal übertrifft die Wirklichkeit die Phantasie der virtuellen Welt, sei es Film, sei es Games, … Plötzlich scheint alles möglich, nichts mehr unwirklich. […]
Ich fürchte, die Welt wird in Chaos versinken, vielleicht nicht an der Oberfläche, aber vielmehr in Gedanken, im Herzen. Was bleibt? Leere. Die so oder so ausgefüllt werden kann.




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