Gedanken zur Tragödie von Mayerling, 1889. Teil 1: Die offizielle Version einer wahren Lüge.

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Wer kennt sie nicht, die tragische Geschichte des Kronprinzen Rudolf, der in seinem Jagdschloss zu Mayerling in den frühen Morgenstunden des 30. Jänner 1889 seinem Leben ein Ende bereitete. Seine noch keine 18-jährige Begleitung, die in Kairo geborene Baronesse Marie Alexandrine »Mary« Freiin von Vetsera ging mit ihm in den Tod. Ihre Abschiedsbriefe, die wie durch ein Wunder 2015 das Licht der Öffentlichkeit erblickten – man glaubte sie nämlich vernichtet – sind die eines verliebten Mädchens, das zu allem bereit ist. Wie bei allen historischen Ereignissen größter Tragweite ist die überlieferte offizielle Erzählung mit Vorsicht zu genießen. Gerade damals, im gärenden Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, das sich mit Russland beständig um den Einflussbereich am Balkan stritt, dabei auf das Deutsche Reich als Verbündeten setzte und dem Königreich Italien wenig Vertrauen entgegenbringen wollte, hatte das Ableben des Thronfolgers – ob von eigener oder fremder Hand – eine gefährliche Sprengkraft. Kaiser Franz Josef und seine loyalen Verbündeten mussten alles unternehmen, um die verfahrene Situation zu retten und das konservativ-katholische Erzhaus vor Schaden zu schützen. Das Ergebnis war schließlich the official version of a true lie, wie es der amerikanische Forscher Lloyd Wildon in seiner Denkschrift formulierte.

In einem zweiten Beitrag mit dem Titel Es gibt Morde, die kann man nicht beweisen gehe ich im Detail auf den Tathergang ein und bringe meine wohldurchdachten Überlegungen, die Widersprüche und Ungereimtheiten der offiziellen Version beinhalten, der Leserschaft näher. Eine gewagte Hypothese darf dabei nicht fehlen.

Nach dem namenlosen Unglück, welches Mich durch das Hinscheiden Meines innigstgeliebten Sohnes (…) getroffen hat, habe ich den Entschluss gefasst, an dessen Sterbestelle ein Kloster erbauen zu lassen. — Kaiser Franz Joseph am 7. August 1890.

Das Anwesen wurde nach dem Tod des Kronprinzen dem Frauenorden der Karmelitinnen geschenkt. Heute ist ein kleiner Teil der Anlage zu besichtigen – die Webseite gibt einen guten Einblick in das Museum. Foto vom Autor.

Die politischen Ambitionen Kronprinz Rudolfs

»Möge das Jahr 1889 für uns alle kein allzu schlechtes sein, möge es uns bewegte, interessante Zeiten bringen.« — Brief Kronprinz Rudolfs vom 2.1.1889 an Dr. Berthold Frischauer.

Was damals, an diesem Mittwochmorgen, dem 30. Jänner 1889, in Mayerling wirklich geschah, wird wohl niemals vollständig geklärt werden können. Es heißt, Kronprinz Rudolf hätte in den letzten Jahren seines Lebens eine sehr dunkle Zukunftsvision für die Monarchie vor Augen gehabt. Da sein Vater ihn von allen politischen Geschäften ausgeschlossen hatte, musste der Einfluss seines intimen Kreises ausschlaggebend für die tieferen Überlegungen des Kronprinzen gewesen sein. Die große Furcht, Österreich-Ungarn würde allein gegen Russland in den Krieg ziehen müssen, im Stich gelassen von Deutschland, war allgegenwärtig. Deshalb suchte er diplomatische Anlehnung an Frankreich und England und glaubte, Russland den ganzen Balkan überlassen zu müssen. Kronprinz Rudolf sah Österreich-Ungarn zu schwach und durch den aufkeimenden Nationalismus zu ungeeint, um gegen Russland militärisch bestehen zu können. Seltsamerweise soll sich diese Ansicht kurz vor seinem Tode geändert und er erste Annäherung an Russland gesucht haben. Auch ist davon die Rede, dass er den Hof in St. Petersburg besuchen wollte. Was könnte hierzu den Ausschlag für seinen Sinneswandel gegeben haben?

Es ist vielleicht der Treppenwitz der Historie, wenn man bedenkt, dass Kronprinz Rudolfs Tod den Untergang der Donaumonarchie heraufbeschwor und in gewisser Weise seine Vorstellung eines vereinten Europas möglich machen sollte. Victor Hugo, so lese ich, träumte bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts von den Vereinigten Staaten von Europa. Kronprinz Rudolf griff diese Idee später auf, indem er Österreich-Ungarn als Blaupause anpries. Ich gehe freilich davon aus, dass Hugo eine Zentralisierung, wie wir sie innerhalb der EU erleben, abgelehnt hätte. Kronprinz Rudolf schreibt in einem Brief, 1886:

»Deutschland wird es niemals verstehen, welch ungemeine Bedeutsamkeit und Weisheit es ist, die Deutsche, Slawen, Ungarn, Polen um die Krone gruppiert. Der Staat der Habsburger hat längst, wenn auch in Miniaturform, Victor Hugos Traum der Vereinigten Staaten von Europa verwirklicht. Österreich ist ein Staatenblock verschiedenster Nationen und verschiedenster Rassen unter einheitlicher Führung. Jedenfalls ist das die grundlegende Idee eines Österreich, und es ist eine Idee von ungeheuerster Wichtigkeit für die Weltzivilisation. Und wenn auch vorläufig die Ausführung dieser Idee, um mich diplomatisch auszudrücken, nicht vollkommen harmonisch ist, so will das nicht besagen, dass die Idee selbst falsch ist. Es besagt nur, dass eine solche Idee im liberalsten Sinn Harmonie und Gleichgewicht sichern müsste.«

Der liberale Kreis von Kronprinz Rudolf

Die offizielle Version des Ereignisses spricht von einem Suizid, ausgelöst durch »zerschellte politische Hoffnungen und eine unglückliche Vernunftehe, dazu eine Geschlechtskrankheit« (Deutschlandfunk).. Aber für mich, genauso wie viele andere Zeitzeugen, ist diese Erklärung zu hanebüchen.

»Aber eine andere Sache bewegt mich ebenso nämlich, daß erst das ‚Woran‘ unser Kronprinz gestorben, bestimmt und stabilisiert werden soll. Hält man wirklich Selbstmord für das richtige, um das Ärgernis zu verringern? In der Hofburg fand ich keine Gelegenheit meine Ansicht zu sagen und überhaupt die Sprache darauf zu bringen.« — Brief vom 31.1.1889 von Erzherzog Albrecht an Fürst Hohenlohe – zitiert von Clemens M. Gruber.

Das politische Pulverfass, in dem sich der Kronprinz bewegte, wird mit keiner Silbe erwähnt. Die (gesellschafts-)politischen Gegensätze zwischen dem erzkonservativen Kreis rund um Ministerpräsident Graf Taaffe und dem liberal fühlenden Thronfolger waren unüberbrückbar. Wie es der jungen Generation eigen ist, wollte der Thronfolger die Monarchie mit ihrer erstarrten Aristokratie herausfordern und die heimische Politik nach seinen Vorstellungen progressiv formen – nicht unähnlich einem Josef II., der sich lange Zeit gedulden musste, bis er nach dem Tod seiner Mutter Kaiserin Maria-Theresia endlich seine lang ersehnten Reformbestrebungen umsetzen durfte, die freilich böses Blut in Adel und Kirche hervorriefen. Gräfin Larisch, eine enge Vertraute und Cousine Rudolfs, die eine nicht unbedeutende Rolle in der Tragödie spielte – sie war es, die Baroness Mary Vetsera »nach Mayerling entführte« – diese Gräfin behauptet in ihren (sicherlich gefärbten) Memoiren, dass ein schwerwiegendes politisches Moment den Ausschlag für Rudolfs Freitod gegeben haben soll.

Jenes 17-jährige Mädchen, das eine zentrale Rolle spielen sollte, Baroness Mary Vetsera, wurde von Gräfin Larisch im Mai 1888 dem Kronprinzen zum ersten Mal persönlich vorgestellt. Wenn man den Briefen Mary Vetsersas glauben darf, hatte sie sich dem Kronprinzen am 13. Jänner 1889 hingegeben. Sie akzeptierte wenige Wochen später ihr todbringendes Schicksal, begleitete ihren Geliebten nach Mayerling und ging mit ihm gemeinsam in den Tod. Ihre 2015 aufgefundenen Abschiedsbriefe sind der Österreichischen Nationalbibliothek als Dauerleihgabe übergeben worden und sind im Museum Mayerling ausgestellt.

»Liebste Hermine, ich muss ihnen heute ein Geständnis machen, über das sie sehr böse sein werden. Ich war gestern von 7 – 9 bei ihm. Wir haben beide den Kopf verloren, und ich – bin zur Frau geworden! – jetzt gehören wir uns mit Leib und Seele an!« — Baroness Mary Vetsera (geb. 19. März 1871), Brief wenige Wochen vor ihrem Tod.

In den damaligen höheren Kreisen rümpfte man die Nase über Mutter und Tochter Vetsera.

Der französische Botschafter in London Wiliam-Henry Waddington schreibt an Außenminister Goblet am 7.2.1889: »[…] aber der Ruf der Mutter war abscheulich, so sehr, dass die Gräfin Karolyi, damals österreichische Botschafterin in London, sich beklagte, sie empfangen zu müssen. In Wien, in der Gesellschaft, hatte man Mademoiselle [Mary} Vetzera ‚Das Picknick‘ getauft, weil man ihr fünf oder sechs verschiedene Personen als Vater zuschrieb. Ich kann Ihnen diese traurigen Details garantieren.«

Der britische Botschafter in Berlin Sir Edward B. Malet schreibt am 9.2.1889 an Premierminister Lord Salisbury: »Fräulein Vetseras Mutter hatte ein Verhältnis mit einem der Esterházys und lebte seit vielen Jahren nicht mehr mit Baron Vetsera zusammen. Er war österreichischer Schuldenkommissar, als ich in Kairo war, und starb vor etwa zwei Jahren. Madame Vetseras Mutter war jene Madame Baltazzi von früher, die mit Sir Archibald Alison in Konstantinopel zusammenzuleben pflegte – alles in allem war von diesem Geblüt nicht viel zu erwarten.«

Rudolfs tiefe Verbundenheit, so erfuhr man viele Jahrzehnte später, gehörte der bürgerlichen Mizzi Caspar, die sich keines guten Rufes erfreute – Kronprinzessin Stephanie, Ehefrau Kronprinz Rudolfs, nannte sie »seine Freundin, die Grand Cocotte von Wien«. Mizzi Caspar wurde von ihrer älteren Freundin Wolf (einer Kupplerin) bespitzelt und gab Informationen an polizeiliche Informanten weiter; mit Mizzi Caspar soll Rudolf die letzte Nacht in Wien verbracht haben, bevor er sich nach Mayerling aufmachte, nicht ohne mehrere Abschiedsbriefe zu schreiben, die er im Schreibtisch seines Arbeitszimmers in der Hofburg verwahrte. Im Testament Kronprinz Rudolfs wird Mizzi Caspar, dank eines von Baron Hirsch gegebenen Darlehens, reichlich bedacht.

Rudolfs Beziehungen belegen seine liberal-progressive Sichtweise, die dem österreichischen Ancien Régime, wenn man so will, diametral entgegenlief: Zeitungsherausgeber Moritz Szeps bot dem Kronprinzen nicht nur Gelegenheit, seine politischen Ansichten anonym zu veröffentlichen, sondern verschaffte ihm auch Zugang zur europäischen Elite des Bürgertums. Szeps Tochter Paula heiratete 1886 den Bruder von („French Radical“) George Clemenceau (Vermählungsanzeige), der 1917 an die Spitze Frankreichs kam und bis 1920 im Amt blieb. Englische Zeitungen berichteten von einer freundschaftlichen Verbindung zwischen Clemenceau und dem Kronprinzen. In einem Neujahrsbrief vom 1. Jänner 1889, der in Egon Cäsar Conte Cortis Biographie Der alte Kaiser zitiert wird, schreibt Szeps an Rudolf:

»In der Schwüle nicht zu ermatten, für die Zeit der Tat den Geist und den Arm stark zu erhalten, das ist die Aufgabe, sie wird von Ihnen Tag für Tag in rastloser Ausdauer und Tätigkeit erfüllt, Sie ermatten nicht, wie so viele, ermattet, dem angeblich Unabänderlichen sich fügen, und weil der Kronprinz nicht ermattet, halten wir unsere Hoffnungen auf die Zukunft eines großen, ruhmreichen, freien und wohlhabenden Österreich aufrecht. […] Man weiß, daß Sie Großes wollen, Großes zu leisten befähigt sind – und wo man das nicht weiß, ahnt man es. Deshalb werden Sie jetzt schon mit den verschiedenen Mitteln bekämpft, vertritt man Ihnen die Zukunftswege, haben Sie heute schon viele Gegner und Feinde. Aber Sie zählen auf sich selbst und auf Ihre Natur, auf Ihr Genie, auf Ihre Kraft und Beharrlichkeit, und Sie dürfen mit Recht darauf zählen. Zu diesem ein bißchen Glück – nicht einmal so viel Glück, als Ihnen Ihre aufrichtigen Freunde und Bewunderer wünschen – nur ein bißchen von diesem Glück, und Großes werden Sie vollbringen für diese Monarchie, die unser Vaterland ist, für Ihren eigenen Ruhm und für das Volk, das an Ihnen hängt […]«

Moritz Freiherr von Hirsch war Rudolfs privater Geldgeber, der die Eskapaden unter anderem mit seiner »Grand Cocotte« Mizzi Caspar finanzierte. Der Baron zählte zu den reichsten Männern Europas. Gehört der Baron zu jenen 300 einflussreichen Männern, die Walter Rathenau in einem Artikel in der Neuen Freien Presse im Dezember des Jahres 1909 erwähnte?

»Auf dem unpersönlichsten, demokratischsten Arbeitsfelde, dem der wirtschaftlichen Führung, wo jedes törichte Wort kom-promitieren, jeder Mißerfolg stürzen kann, wo das souveräne Publikum einer Aktionärsversammlung satzungsgemäß über Ernennung und Absetzung entscheidet, hat im Laufe eines Menschenalters sich eine Oligarchie gebildet, so geschlossen wie die des alten Venedig. Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung.«

»Die wirklichen ›300‹ haben die Gewohnheit und Vorsicht«, schreibt Rathenau im Jahr 1928 in einem Brief an Frank Wedekind, »ihre Macht abzuleugnen. Wenn Sie sie aufrufen, so werden sie Ihnen sagen: wir wissen von nichts; wir sind Kaufleute wie alle anderen. Dagegen werden nicht 300, sondern 3 000 Kommerzienräte sich melden, [die] mit Strümpfen oder Kunstbutter wirken und sagen: wir sind es. Die Macht liegt in der Anonymität

Als Gegenleistung hatte der großzügige Geldgeber Hirsch Zugang zum intimen Kreis der Hocharistokratie. Kronprinz Rudolf machte ihn beispielsweise mit dem englischen Thronfolger Prince of Wales bekannt, der 1901 zum König Edward VII. (1841–1910) gekrönt wurde. Im Gegensatz zu Kaiser Franz Josef dürfte sich Rudolf blendend mit Edward verstanden haben. Es heißt, Rudolf hätte sich seinen Spitzbart abrasieren müssen, weil er ein Wetttrinken mit Edward verlor. Die politischen Kreise in London und Paris dürften sich wohlwollend gegenüber Rudolfs Ambitionen gezeigt und seine Pläne bezüglich einer Abkehr von Berlin unterstützt, vielleicht sogar beeinflusst haben. Der Wunsch Edwards, nach Wien zu kommen und seinem Freund das letzte Geleit zu geben, wurde vom Kaiser abgelehnt. Kaiserin Elisabeth sollte nach dem Tod ihres Sohnes nie mehr nach England reisen.

Rudolf hatte Beziehung zum schwarzen Schaf der Familie Habsburg, Erzherzog Johann Salvator von Toskana-Österreich, der fortschrittlich-liberale Ideen auf dem Gebiet der Politik und des Heerwesens sowie ein Misstrauen gegen Preußen hegte; er sagte sich im Oktober 1889 von allen Titeln los, nahm den bürgerlichen Namen Johann Orth an und heiratete die Tänzerin Ludmila Stubel in London. Ein halbes Jahr später, im Juli 1890, soll er auf seinem neu gekauften Handelsschiff Santa Margherita mit Mann und Maus und seiner Gattin bei Kap Hoorn in einem Sturm untergegangen sein. 1911 erklärte man den bis dahin als verschollen geltenden Johann Orth offiziell für tot. Welche Rolle mag diese mysteriöse Figur im Leben von Kronprinz Rudolf gespielt haben? Gräfin Larisch behauptet in ihren Memoiren, dass es Erzherzog Johann Salvator war, der eine ihr von Kronprinz Rudolf kurz vor seinem Tod übergebene Kassette mit Dokumenten abgeholt haben soll.

Geheime Machtstrukturen

War Rudolf in einem Komplott gegen seinen Vater Kaiser Franz-Josef verstrickt? Lehnte er sich für die rebellischen Ungarn zu weit aus dem Fenster? Setzte ihm Georges Clemenceau über Szeps gefährliche republikanische Flausen in den Kopf?

»Niemand hatte den Mut, dem Kaiser und König zu melden, daß Rudolf mit den seperatistischen Kreisen Ungarns in Verbindung gestanden sei […]« –Egon Caesar Conte Corti in Kaiser Franz Joseph 

Die letzte Kaiserin Zita erwähnte in einem Interview, dass es französische Agenten gewesen sein sollen, die den Mord am Kronprinzen durchführten. Und schließlich, könnte der Prince of Wales, der spätere König Edward VII., den österreichischen Thronfolger in seine perfiden Machenschaften vereinnahmt haben? Zar Nikolaus II. von Russland bezeichnete den englischen König als »Erzintrigant und Unheilstifter«. [Brief vom 22.08.1905].

Zu jener Zeit, als Kronprinz Rudolf seinem Leben ein Ende bereitet, wird bereits in London und Paris ein Krieg gegen Deutschland im Geheimen angedacht und Jahre später ernstlich in die Wege geleitet.

»Der englische Kriegsminister General Stanhope hielt in Bright eine Rede. in welcher er als die Hauptaufgabe des Parlaments die Stärkung der Landesvertheidigung bezeichnete. In seiner Rede sagte der Minister weiter: Die insularische Lage Englands erheische nicht die allgemeine Wehrpflicht, aber mit Rücksicht auf die drohende Kriegsgefahr in Europa gezieme es England, sich kriegsbereit zu machen, da es in einen voraussichtlich mörderischen Krieg verwickelt werden könnte.« — Czernowitzer Presse vom 1.2.1889

Es ist der Verdienst des US-amerikanischen Historikers Carroll Quigley (1910–1977), der die damaligen geheimen Machtstrukturen innerhalb des British Empire veröffentlichte und dabei den Augenmerk auf eine einflussreiche Geheimgesellschaft (Secret Society) legte, deren Ziel es war, die imperiale britische Herrschaft (und die weiße Rasse) mit allen Mitteln auszuweiten. Es brauchte freilich zwei Nicht-Historiker, nämlich Gerry Docherty und Jim MacGregor, die die vielen Fäden im Buch Hidden History: The Secret Origins of the First World War zu einem Narrativ verbinden konnten, das die wahre Ursache zum 1. Weltkrieg plausibel erklärt.

Erwähnenswert an dieser Stelle ist die Aussage des amerikanischen Stahltycoon Andrew Carnegie, der 1893 über Großbritannien sagt, dass »sechs oder sieben Männer [des Regierungskabinetts] das Land in einen Krieg stürzen oder es in eine Allianz verstricken können, ohne dabei das Parlament konsultieren zu müssen.« – Triumphant Democracy: Sixty Years’ March of the Republic, Charles Scribner’s Sons, New York 1893, S. 434.

Kronprinz Rudolfs politische Ambitionen haben anfänglich in die Karten Londons und Paris gespielt – im Besonderen sein Misstrauen gegenüber Kaiser Wilhelm II. und dem eisernen Kanzler Bismarck, der niemals mit offenen Karten zu spielen pflegte. Unter der Regentschaft von Queen Viktoria war ein Krieg gegen ihren Neffen Wilhelm II. recht unwahrscheinlich. Erst mit ihrem Tod und der Krönung Edward VII. im Jahr 1901 sollte sich das ändern. Edward hatte für die Deutschen nichts übrig und war mit den Vorgaben der Secret Society einverstanden, Deutschland zu isolieren und in Paris, Belgien und St. Petersburg loyale Verbündete für einen Krieg zu finden. Gleichzeitig wurde damit begonnen, antizaristische Kräfte in Russland einzuschleusen. London, das ihrem russischen Verbündeten für einen Kriegseinsatz gegen Deutschland insgeheim Konstantinopel und damit freien Zugang zum Mittelmeer versprach, konnte solch ein Versprechen niemals ernstlich halten, hätte es Russland gestärkt. Eine antizaristische Revolution zur rechten Zeit sollte das gegebene Versprechen haltlos machen. Darüber lesen wir freilich nichts in den offiziellen Geschichtsbüchern. »Die Briten [haben] die Gewohnheit, andere Mächte vorzuschieben und sie dann im Dreck allein zu lassen«, soll Graf Goluchowski dem britischen Botschafter Sir Edmund Monson 1896 gesagt haben [Corti, 204]. Kaiser Wilhelm II. – im Gegensatz zu Kaiser Franz Josef – war gut unterrichtet und kein bisschen naiv, als er am 26. November 1905 an seinen Neffen Zar Nicholas II. schrieb:

»Der von Amerika flankierte ‚Kontinentale Bund‘ [ein Zusammengehen von Frankreich, Deutschland und Russland] ist das einzige Mittel, den Weg wirksam zu blockieren, der dahin führen würde, daß die ganze Welt John Bulls [=Großbritannien] Privatbesitz wird; er beutet [die Welt] nach Herzenslust aus, nachdem er, durch endlose Lügen und Intrigen, die übrigen zivilisierten Nationen zu seinen eigenen Vorteil so weit gebracht hat, daß sie einander in den Haaren liegen.«

Aber die Dominosteine waren in der City of London im Jahr 1905 längst in Position gebracht. Im Jahre 1889 hätte eine Annäherung von Seiten Kronprinz Rudolfs gegenüber Russland die Pläne der Secret Society gefährdet, da sie damals gerade dabei waren, am Hofe von St. Petersburg ihre loyalen Handlanger zu rekrutieren, deren Aufgabe es war, den friedliebenden Zaren Alexander III. vom tatsächlichen Ziel – den Krieg gegen Deutschland vorzubereiten – abzulenken. Sein Sohn, der 1896 als Zar Nicholas II. den Thron bestieg, war viel zu leichtgläubig. Er wurde von den Ereignissen überrollt und schließlich im Sommer 1914 in ein von langer Hand vorbereitetes fait accompli gedrängt, das die Mobilisierung der russischen Truppen an der Grenze zum Deutschen Reich zur Folge hatte. Die Dominosteine waren gefallen.

Ein prophetischer Abschiedsbrief?

Einen ganz besonderen Stellenwert für kritische Geister hat der Abschiedsbrief Kronprinz Rudolfs an seine Schwester Kronprinzessin Marie Valerie, in dem er ihr rät, »nach dem Tode des Kaisers auszuwandern, da nicht abzusehen ist, was geschehen werde«. Leider ist es mir nicht möglich, das Original in seiner Gesamtheit zu Gesicht zu bekommen. Historiker Cäsar Conte Corti gibt in seiner Biographie Der alte Kaiser von 1955 keine Quelle an und andere Historiker zitieren nur sein Buch. Im selbst verlegten Taschenbuch, das sich mit der österreichischen Freimaurerei befasst, behauptet der Autor Dr. Karl Steinhauser, in Rudolfs Abschiedsbrief sei von einem Weltkrieg gegen Österreich und Deutschland die Rede und die Warnung vor einer kommenden Weltrevolution. Ist das möglich? Würden Historiker über solch eine exakte Vorwegnahme der zukünftigen Entwicklung hinwegsehen können? Der Originalbrief wurde im Jahr 1945 von den Rothschilds angekauft. Eine photographische Plattenaufnahme soll sich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv am Minoritenplatz befinden. Ich habe eine Anfrage in Bezug auf Signatur AT-OeStA/HHStA HausA Selekt Kronprinz Rudolf gestellt. In einer ersten Antwort konnte die Platte vorerst noch nicht gefunden werden.

Was bleibt?

Wird die Wahrheit jemals ans Tageslicht kommen? Viele Briefe, Notizen und Aktenstücke wurden vernichtet oder an Orte geschafft, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Den wenigen Augenzeugen wurde ein Schweigegebot auferlegt, das sie bis zu ihrem Tode nicht brechen wollten. Mehr oder weniger beteiligte Persönlichkeiten haben ihre ganz besondere Sichtweise festgehalten, mit der zu erwartenden Färbung und Glättung. Schließlich sind in jeder Generation hochrangige Gatekeeper am Werk, die jeden Versuch einer neuerlichen Aufrollung des Geschehens zu verhindern trachten. Wie bei jedem Großereignis, das enorme gesellschaftliche Auswirkungen zeitigt, bleibt auch hier Vieles im Verborgenen und Nebulösen. Die überlieferte Geschichte erzählt uns von einer schmerzlichen Tragödie und vergisst dabei, dass nicht nur ein Kronprinz, sondern eine ganze Epoche mit Absicht zu Grabe getragen werden sollte.

Exkurs: Lüge und Wahrheit

Wenn man mich fragt, was meine Meinung zu Mayerling ist, dann kann ich dazu nur so viel sagen, dass es unerheblich ist, auf welche Weise der Thronfolger den Tod fand. Suizid? Totschlag? Mord? Alles einerlei. Wesentlich ist, dass der einzige Sohn Kaiser Franz Josefs aus dem Leben schied und dadurch den Weg für einflussreiche Kräfte, die im Hintergrund agierten, frei machte, die drei großen Monarchien – Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland – zu zerstören. Divide et impera ist die Maxime eines jeden Imperiums, das für die secret society immer nur Werkzeug ist, um die Welt in ihrem Sinne zu gestalten. Für den vertrauensseligen Bürger mögen diese Zeilen fantastisch absurd klingen. Aber nichts ist, wie es scheint.

»Diese Periode von 1884 – 1933 war die Ära des Finanzkapitalismus, in der Investmentbanker – die sich einerseits auf das Geschäftsbanken- und Versicherungswesen und andererseits auf den Eisenbahnbau und die Schwerindustrie ausdehnten – in der Lage waren, enormen Reichtum zu mobilisieren und ungeheure wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Macht auszuüben. Im Volksmund als ›Society‹ oder die ›Die 400‹ bekannt, führten sie ein Leben von überwältigender Pracht.« — Caroll Quigley, Tragedy and Hope: A History of Our Time, Macmillan, New York 1966, S. 71.

Die Tragödie von Mayerling ist vielleicht das erste Großereignis, das bis heute Fragen aufwirft und vielleicht den Beginn einer ernsthaften Auseinandersetzung zwischen offizieller Verlautbarung und alternativen Theorien war. Seit den 1960ern werden Skeptiker, die auf Ungereimtheiten und Widersprüche bei Großereignissen aufmerksam machen, gemeinhin als Verschwörungstheoretiker verunglimpft und lächerlich gemacht. Es ist beschämend, dass die Mehrheit der Bürger jede offizielle Verlautbarung, so sie von den großen Medienhäusern kolportiert wird, blindlings akzeptiert, weil sie einfach nicht glauben will, dass es solch ein enormes Lügengebäude geben kann. Wie oft höre ich das Argument, dass sich doch zumindest ein Beteiligter „dieser Verschwörung“ finden müsste, der die Wahrheit ans Licht bringen möchte. Dabei vergessen diese vertrauensseligen Menschen, dass es bei Ereignissen größter Tragweite niemals den einen Beweis (smoking gun) geben kann, der das gesamte Lügengebäude freilegt. Vielleicht ist Mayerling die Ausnahme von der Regel, da es ein Dossier geben soll, das den wahren Hergang dokumentiert und persönlich von Kaiser Franz Josef an seinen Vertrauensmann Ministerpräsident Taaffe zur Verwahrung übergeben wurde. Wir sollten bei alledem aber niemals vergessen, dass der alte Kaiser von der Beständigkeit der Habsburger-Dynastie absolut überzeugt war. Somit ist zweifelhaft, ob er jemals die Wahrheit über den Tod des Kronprinzen – auch lange nach Kaiser Franz Josefs Ableben – verlautbaren hätte lassen, weil wir davon ausgehen können, dass ihm die Ehre der Familie als das Schützenswerteste galt.

Wer sich mit dem Lügengebäude von Großereignissen beschäftigt, wird bald bemerken, dass er für seine Recherche nur jene Informationen zur Verfügung hat, die einerseits veröffentlicht wurden, andererseits ohne Einschränkungen zugänglich sind. Oftmals wird ausgesuchten Historikern oder Medienleuten Einblick in geheimes Material gewährt, die daraus einen „wahrheitsgetreuen“ Bericht oder eine „auf Wahrheit basierende“ Erzählung machen. Dabei stellt sich die Frage, ob deren Texte nicht ein weiterer Baustein im Lügengebäude sind, das nicht nur in die Höhe, sondern oftmals auch in die Breite (d. h. alternative Versionen) wächst. So muss der Skeptiker immerzu abwägen, welchen Quellen er vertrauen kann und welchen er misstrauen muss. Für mich gilt die Faustregel: Je größer die mediale Aufmerksamkeit einer Quelle, umso größer die Skepsis.

Wenn ich dem geneigten Leser, der geneigten Leserin etwas ans Herz legen möchte, dann ist es die Gewissheit, dass unsere Gesellschaft von Machtmechanismen beeinflusst wird, die wir niemals erkennen und immer nur erahnen können. Carroll Quigleys Aufdeckung der ominösen Secret Society ist nur deshalb erlaubt worden, weil sich die Machtverhältnisse zwischenzeitlich geändert haben. Trotzdem gilt weiterhin die Feststellung, die der Doppelneffe Sigmund Freuds Edward Bernays in den 1920er Jahren publizierte: Eine gebildete Gruppe (intelligent few) muss die (gefährliche) Masse leiten und lenken:

»Wie immer man auch darüber denken mag, es bleibt eine Tatsache, dass wir in so gut wie allen Aspekten unseres Lebens, sei es in politischen oder wirtschaftlichen Angelegenheiten, sei es in unserem Sozialverhalten oder in unserem Moralverständnis, von einer relativ kleinen Gruppe dominiert werden, welche die Denkvorgänge und die sozialen Verhaltensmuster der Masse verstehen. Diese Gruppe ist es, die die Fäden zieht, welche die öffentliche Meinung steuern, diese Gruppe ist es, die sich alte gesellschaftliche Zwänge nutzbar macht und neue Wege findet, um die Welt zusammenzuhalten und zu führen.« — Edward Bernays, Propaganda (1928).

George Orwell hat später diese Überlegung in seinem Buch 1984 literarisch auf die Spitze getrieben. Und schließlich, wenn es wieder ein Großereignis gibt, denken Sie immer daran, dass es auf der Farm der Tiere genügend Schweine gibt, die mit den Menschen paktieren.

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ausgewählte Bibliographie

Neck, Rudolf: Über die Abschiedsbriefe des Kronprinzen Rudolf, Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958) Link

Mitis, Baron von: The Life of Crown Prince Rudolph of Habsburg, London 1930 Link

Holländer, Albert E. J.: Streiflichter auf die Kronprinzen-Tragödie von Mayerling, Festschrift für Heinrich Benedikt, Wien 1957

Corti, Egon Caesar Conte: Kaiser Franz Josef, Styria 1972

Corti, Egon Caesar Conte und Sokol, Hans: Kaiser Franz Josef: Der alte Kaiser, Band 3, Graz 1955

Friedrich, Lars: Das unredigierte Mayerling-Manuskript: Alle Forschungsergebnisse von 1989 bis 2009, Hattingen an der Ruhr, 2015

Docherty, Gerry Docherty und Macgregor Jim: Hidden History: The Secret Origins of the First World War, Mainstream Publishing Co, 2013

Hamann, Brigitte: Kronprinz Rudolf Private und politische Schriften, Amalthea 1987

Haslinger, Ingrid: Rudolf war immer ein guter Sohn: Mayerling war ganz anders, Amalthea 2009

Gruber, Clemens M.: Die Schicksalstage von Mayerling: Nach Dokumenten und Aussagen, Verlag Erich Mlakar 1989

Reinmüller, Helmut Cold Case Mayerling, Kral 2026

verschiedene Zeitungsausgaben, bspw. Neue Freie Presse, Wiener Zeitung, Berliner Börsen-Courier, uvm.

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