In gerade einmal 24 Stunden ist es soweit. Die Fußball-WM öffnet am Donnerstag, 11. Juni 2026, mit dem Match Mexiko : Südafrika ihre Pforten und schließt sie 5 Wochen später am 19. Juli 2026. Exakt 104 Spiele werden dann gespielt und der neue Weltmeister gekrönt worden sein. Aufregende Tage liegen vor uns.
Ein großer Wermutstropfen sind Übertragungszeiten jener Begegnungen, die zwischen Mitternacht und Morgengrauen liegen können. Will man diese Spiele live erleben, heißt es, während des Tages ein ausgedehntes Schläfchen zu machen, um nächtens nicht schlapp zu machen. Die WM erfordert somit von den europäischen Zuschauern viel Kondition. Gott bewahre uns vor einem lauwarm faden Gekicke, der einen die bleierne Müdigkeit in die Knochen reibt. Gut möglich, dass man sich am Ende mit Zusammenfassungen der nächtlichen Spiele begnügt, vorausgesetzt, es gibt keine offenkundigen Kracher.
Für „unsere“ Gruppe J braucht man freilich Aufputschmittel, will man am Ball bleiben – während unser Eröffnungsspiel gegen Jordanien um 6 Uhr über den Rasen geht, muss man für das „Finalspiel“ gegen Algerien bereits den Wecker auf 4 Uhr einstellen. Gähn. Freundlicherweise ist der Überdrüberkracher gegen den amtierenden Weltmeister Argentinien für 19:00 angesetzt. Sehr unangenehm für die auflaufenden Kicker, müssen diese in der texanischen Sommerhitze um 13 Uhr dem Ball nachlaufen. Wem spielt dieser übermäßige Kräfteverschleiß eher in die Karten?
Seit der EM 2008 blogge ich über die Fußballspiele der Großturniere. Auch diesmal lasse ich mich nicht bitten. Aber die Unmengen an Matches gepaart mit den unseligen Übertragungszeiten machen eine flächendeckende Blog-Berichterstattung schwerlich möglich. Geht es in die Finalspielphase, dann sieht die Sache anders aus. Jedes Match ein Drama. Jedes Tor eine Sensation. Die Begeisterung am Kochen. Pure Emotion, die sich in jedes Wohnzimmer überträgt. Das muss man livehaftig erleben. Und darüber gilt es dann zu schreiben, die Eindrücke festzuhalten.
Welche Voraussagen will ich heute machen? Vielleicht, dass die WM 2026 für große Überraschungen sorgen wird. Will eine Mannschaft bis zum Finale kommen, braucht es einen breiten Kader mit hoher Qualität auf allen Positionen. Aber es gibt natürlich jene sonderbaren Fälle, als eine durchschnittliche Elf über sich hinauswuchs (als Urlauber holte Danish Dynamite anno 1992 den EM-Titel) oder eine gut zusammenspielende Truppe von einem Hexer im Tor (Oliver Kahn und Manuel Neuer) das Unmögliche möglich machte. Und vor vier Jahren fehlten nur wenige Zentimeter, und nicht Messi, sondern Mbappé hätte WM-Geschichte geschrieben. Blicken wir zurück, sehen wir einzig und allein den würdigen Weltmeister und vergessen gerne, dass am Ende das Quäntchen Glück eine entscheidende Rolle spielte.
Während Frankreich (schwere Gruppe I: Norwegen, Senegal und Irak) die stärksten Offensivkräfte des Turniers aufbieten kann, hinkt das defensive Mittelfeld jämmerlich hinterher: Kanté und Rabiot sind in die Jahre gekommen und Tchouaméni, nun ja, hat als Real-Madrid-Spieler gezeigt, dass er unverlässlich ist, lässt er gerne seinem Unmut in der Kabine freien Lauf. Die Riege der Verteidiger am Papier beeindruckend, aber am Rasen wirkt das Ganze dann selten sattelfest. Somit gibt es nur eine Stoßrichtung für die Truppe von Deschamps: mehr Tore schießen als kassieren. Gegen vermeintlich schwächere Mannschaften kann diese Taktik funktionieren. Aber wehe, man bekommt es mit einem Gegner auf Augenhöhe zu tun. Ohne Einfädler spielt die französische Elf eine fulminante Kick-and-Rush-Variante und hofft auf Einzelaktionen ihrer Superstars. Michael Olise beispielsweise machte gleich alle drei Tore im letzten Testspiel gegen Nordirland und bestätigt eindrucksvoll seine exzellente Form. Leicht wird es für die Franzosen sowieso nicht, sind sie in der schwierigsten Gruppe gelandet. Es würde mich demnach nicht überraschen, falls L’Équipe Bleue analog der EM 2024 in der Gruppenphase auf die Nase fällt.
Europameister Spanien (Gruppe H: Uruguay, Saudi-Arabien und Kap Verde) hat wiederum ein perfekt eingespieltes Mittelfeld (nur Portugal hat hier die Nase vorn) und die Flügelzange mit Ausnahmetalent Lamine Yamal und Sprintrakete Nico Williams sorgt für Offensivgefahr (hier wiederum haben die Franzosen mehr zu bieten). Zu ersetzen sind diese beiden genauso wenig wie Mittelfeldzauberer Pedri – und das ist die Achillesferse der Spanier. Spielt nicht der erste Anzug, dann ist sogar der Irak eine Herausforderung. Im Testspiel kamen die Spanier über ein 1:1 nicht hinaus. Für die Wettbüros sind die Spanier Favorit für den WM-Titel und knapp vor Frankreich gereiht. Da hilft natürlich, dass Gruppe H keine Hürde für die Spanier darstellen sollte – somit ist davon auszugehen, dass im letzten Spiel gegen Uruguay die Stars geschont werden können.
England (Gruppe L: Kroatien, Ghana, Panama) setzte alles auf eine Karte, die Thomas Tuchel heißt. Wenn eine englische Nationalmannschaft auf einen deutschen Trainer zurückgreift und den englischen Manager wegen Erfolglosigkeit in die Wüste schickt, dann will man nicht mehr kleckern, sondern nur noch klotzen. Der Erfolg gibt Tuchel recht, hat die Mannschaft in der WM-Quali alle acht Spiele gewonnen und kein einziges Gegentor erhalten. Das klingt beeindruckend – aber die Gegner stellten keine ernstzunehmende Herausforderung dar (abgesehen vielleicht von Serbien). Somit wird sich erst in den Gruppenspielen gegen Kroatien, Ghana und Panama zeigen, was die Three Lions wirklich können. Ein wenig erinnert die Spielweise der Tuchel-Elf an Premier-League-Meister Arsenal London: aus einer gesicherten Abwehr das Ballbesitzspiel aufziehen und darauf warten, dass Stürmerlegende Harry Kane sein Tor macht. Mit anderen Worten: Schlafwagenfußball vom Feinsten. Hand aufs Herz, so etwas will ich nicht sehen. Aber das Mittel heiligt vor allem bei Großturnieren den Zweck. Leider. Hätte Arsenal den Cup der Meister vulgo Champions League gegen PSG gewonnen, man hätte die Fahnen auf Halbmast setzen müssen. Sollte England Ähnliches bewerkstelligen und mit unspektakulärem, fadem Gekicke ins Finale einziehen – analog zur EM 2024 –, dann brauche ich bewusstseinsverweiternde Substanzen, um das Unerträgliche erträglich zu machen.
Brasilien (Gruppe C: Marokko, Schottland und Haiti) war bei den letzten Weltmeisterschaften mehr Lachnummer als ernstzunehmender Gegner, da sich alles um Neymar drehte und weit und breit keine Ausnahmespieler zu finden waren. Das hat sich geändert. Jetzt hat die Seleção auf vielen Positionen qualitativ hochwertige Spieler zur Verfügung, allen voran Vinicius Jr., Raphina, Matheus Cunha oder Wunderkind Endrick. Dazu Top-Verteidiger Gabriel von Arsenal London und nicht zu vergessen Torhüter-Routinier Alisson Becker von Liverpool. Was jetzt noch fehlt, ist ein gut funktionierendes Zusammenspiel. Ob Startrainer Ancelotti es geschafft hat, aus den zusammengewürfelten Spielern eine schlagkräftige Mannschaft zu formen, die seine taktischen Anweisungen diszipliniert umsetzen kann, wird sich zeigen. Stellen sich in der Gruppenphase erste Erfolge ein, könnte ich mir vorstellen, dass Brasilien zu einem Höhenflug ansetzt. Ich hätte nichts dagegen, hat man als Zuschauer das Gefühl, dass die Mannschaft eine einzige Emotion ist. Herrlich ist das. Im ersten Gruppenspiel trifft Brasilien gleich mal auf den Afrika-Cup-Sieger Marokko. Also, wenn da mal nicht die Fetzen fliegen und es zu einem Schlagabtausch der Superlative kommt – vorausgesetzt, Marokko ist gewillt, den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Ansonsten verkommt das Match zu einem vorsichtigen und damit langweiligen Geplänkel.
Portugal (Gruppe K: Kolumbien, DR Kongo und Usbekistan) mit Überdrüberaltsuperstar Ronaldo wird immer wieder als Mitfavorit gehandelt. Sieht man sich das Mittelfeld an – Vitinha, João Neves (beide PSG), Bernardo Silva (Man City) und Bruno Fernandes (Man U) – dann muss einem der Mund vor Staunen offenbleiben. Dazu gesellen sich Flügelstürmer Rafael Leão und Edelverteidiger Nuno Mendes (PSG). Einzig die Position des Stoßstürmers ist mit Ronaldo oder Gonçalo Ramos ein möglicher Schwachpunkt eines auf dem Papier perfekt ausbalancierten Teams. Ich gehe freilich davon aus, dass auch das beste Mittelfeld kein Großturnier gewinnen kann. Andererseits hat Bruno Fernandes von allen Mittelfeldspielern in der Premier League die meisten Torchancen kreiert. Vielleicht ist hier der Schlüssel zum Erfolg zu sehen. Die Gruppe K sollte für die Portugiesen keine große Herausforderung darstellen, sieht man von Kolumbien einmal ab, die mit südamerikanischer Härte dagegenhalten können. Da das Aufeinandertreffen am letzten Spieltag stattfindet, könnte bereits in der Gruppe alles entschieden sein. Dann ist das Auflaufen zweier B-Mannschaften sehr wahrscheinlich.
Weltmeister Argentinien (Gruppe J: Österreich, Algerien und Jordanien) ist ein einziges Fragezeichen. Die Mannen rund um Superaltstar Lionel Messi sind in die Jahre gekommen. Der Ehrgeiz nach dem WM-Titelgewinn vor vier Jahren ist bestimmt nicht mehr brennend. Gewiss, an der Qualität der einzelnen Spieler lässt sich nicht rütteln, aber werden sie auch in weltmeisterlicher Form sein? Torhüter Emiliano Martínez hatte sich vor Wochen einen Finger gebrochen. Die ehemaligen Säulen des Mittelfelds Alexis Mac Allister und Enzo Fernández hatten beide eine Premier-League-Saison zum Vergessen. Lionel Messi ist immer wieder mit Beschwerden geplagt. Sein Vereinskollege bei Inter Miami Rodrigo De Paul wird wohl mit seinen 32 Jahren kaum noch seine „Bodyguard“-Funktion für Messi wie vor vier Jahren ausfüllen können. Ob die „Neuankömmlinge“ für frischen Wind sorgen werden? Das erste Match gegen Algerien wird zu einer Standortbestimmung. Nicht nur für Argentinien, auch für Österreich. Aber vergessen wir nicht, dass Messi & Co ihr Auftaktspiel bei der WM 2022 ausgerechnet gegen Saudi-Arabien verloren haben. Wir sehen: eine Weltmeistermannschaft kann sich jederzeit mit den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.
Österreich unter Ralf Rangnick wird sich beweisen müssen. An spielfreudigen Talenten (Chukwuemeka, Wanner) fehlt es genauso wenig wie an Routiniers (Arnautovic, Sabitzer, Alaba) und hochkarätigen Stammspielern (Laimer, Xaver Schlager, Seiwald, Danso). Die größte Überraschung mag Wolverhampton-Leihgabe (LASK) Sasa Kalajdzic sein. Während der EM 2024 bereits bestechend in Form, war es immer wieder Verletzungspech, das ihn zum Pausieren gezwungen hatte. Weit hätte er es bei Wolverhampton in der Premier League bringen können, aber es sollte nicht sein. Die Saison beim österreichischen Meister LASK hat ihm sichtlich gutgetan. Als er im Testspiel gegen Tunesien eingewechselt wurde, war er sofort torgefährlich und bei der Sache. Respekt. In welche Rolle er von Rangnick eingesetzt wird, mag noch offen sein. Aber ein Lichtblick im sonst recht verhaltenen Offensivbereich. Arnautovic, hier muss es gesagt werden, ist nur noch ein Schatten seiner einstigen Qualität. Natürlich hat er noch immer eine besondere Präsenz am Rasen, kann Bälle halten, sie verteilen und bringt Verteidiger ins Grübeln, da er nicht ausrechenbar ist (man erinnere sich an das EM-Achtelfinale gegen Italien!), aber wenn es bei ihm nicht läuft, dann wirkt es, als würde er sich in Luft auflösen und die Mannschaft nur noch aus neun Feldspielern bestehen. Mit Kalajdzic gibt es somit eine Sorge weniger. Dass sich ausgerechnet Baumgartner, der stärkste unserer Offensivkräfte, verletzen musste, ist wieder einmal schicksalshaft. Vielleicht sogar zum Guten, können nun die neuen Talente Carney Chukwuemeka oder Paul Wanner in die Bresche springen. Vor allem Chukwu ließ in den Vorbereitungsspielen seine Torgefährlichkeit aufblitzen. Bleibt wohl die einzige wirkliche Schwachstelle die Torhüterposition. Von Alexander Schlager mit seinen 184 cm bin ich nicht überzeugt. Penz, er ist sogar zwei Zentimeter kleiner, strahlt mehr Ruhe und Überzeugung aus. Beide sind leider nur durchschnittliche Goalies und müssten sich von Spiel zu Spiel steigern, will das Team im Turnier überraschen. Florian Wiegele, der dritte Torhüter, der sage und schreibe 204 cm groß ist, mag vielleicht eine Option für zukünftige Turniere sein. Oder es taucht doch noch mal ein Talent auf. Wie dem auch sei, der Aufstieg aus Gruppe J ist Pflicht, alles andere eine immense Enttäuschung. Wird das Nervenkostüm halten? Ich drück die Daumen. Mehr kann ich nicht tun.
Deutschland (Gruppe E: Elfenbeinküste, Ecuador und Curaçao) wird keine Rolle bei dieser WM spielen. Ob ein in die Jahre gekommener Neuer doch noch einmal ein Sommermärchen herbeizaubern kann? Musiala nach seiner langen Verletzungspause noch nicht weltmeisterlich, Wirtz zeigte in Liverpool überraschend Schwächen und die Ausfälle von Gnabry und Karl kaum wettzumachen. Das zweite Gruppenspiel geht gegen eine topmotivierte Elfenbeinküste, die im letzten Testspiel zum ersten Mal Frankreich schlagen konnte. In diesem Match wird sich demnach zeigen, ob Deutschland zu seinen Turnier-Tugenden zurückfinden kann. Übrigens garantiert nur ein erster Platz eine erste entspannte K.-o.-Runde gegen einen Drittplatzierten. Der zweite Platz kann zum Alptraum werden.
Niederlande (Gruppe F: Japan, Schweden und Tunesien) ist nur noch ein Abglanz alter Stärke. Gewiss, wie Deutschland ist auch die Niederlande eine Turniermannschaft und hat da und dort noch den einen oder anderen (in die Jahre gekommenen) Hochkaräter im Ärmel. Wie für Portugal gilt auch hier: Sollte Stoßstürmer Depay nicht fit sein, sind Alternativen schwerlich zu finden. Im ersten Spiel gegen Japan werden die Oranjes viel Glück brauchen, um zu bestehen. Aber schlecht spielen und trotzdem gewinnen, das ist eine niederländische Tugend.
Mexiko (Gruppe A: Südafrika, Südkorea und Tschechien) wird ein Feuerwerk am Rasen und auf den Rängen zünden. Jedes Spiel in der Gruppenphase ein Heimspiel. Hola. Über 80.000 Stimmen schreien sich im Mexico-City-Stadion heiser und peitschen ihre Lieblinge nach vorne. Das Auftaktspiel gegen Südafrika wird vermutlich alles in den Schatten stellen, was man sonst so gut kennt von europäischen Mannschaften: taktieren, abwägen, Vorsicht walten lassen und ja nicht die Ordnung verlieren. Das verspricht freilich Erfolg, hat aber mit free flowing Fußball nichts am Hut. Mexiko wird uns Europäern zeigen, wie Fußball gespielt werden kann, wenn man es im Herzen trägt. Darauf dürfen wir uns freuen.
Kanada (Gruppe B: Bosnien-Herzegowina, Katar, Schweiz) vielleicht das schwächste Team der Veranstalterländer. Aber wie bei Mexiko und den USA gilt auch bei Kanada: Euphorie beflügelt und macht das Unmögliche vielleicht doch möglich. Unser Nachbar im Westen hat mal wieder das große Los gezogen und wird wohl als Gruppensieger in die K.-o.-Runde einziehen. Die Eidgenossen sind zu abgeklärt. Schnörkellos spielen sie jeden Gegner in die Langeweile, bis diese unkonzentriert und unachtsam werden. Ich schätze, dass ihr erstes Gruppenspiel gegen Katar etwa der Einnahme von einem Dutzend Schlaftabletten gleichkommt. Wenn ich über die Schweizer Fußballtruppe schreibe, muss ich unweigerlich gähnen. Kanada wird hoffentlich eine Show abliefern. Noch gut in Erinnerung, als Kanadas Alphonso Davies seinerzeit gegen Belgien bei der WM 2022 die unglaublichste Partie seines Lebens ablieferte. Die Belgier waren vom Angriffsfurioso der Kanadier derart eingeschüchtert, dass sie sich über 90 Minuten eingeschüchtert verkrochen haben. Ein glückliches Umschaltspiel war es, das ihnen den Sieg brachte, während die Kanadier jede gute Chance liegenließen. Ich ärgere mich noch heute über diese Ungerechtigkeit. Und war deshalb sehr erfreut, als die Belgier nach der Gruppenphase als Drittplatzierte die Koffer packen mussten.
Belgien (Gruppe G: Ägypten, Iran und Neuseeland) hat wenig aus ihrer goldenen Generation gemacht. Kevin De Bruyne ist mit 34 noch immer das Um und Auf im Mittelfeld, aber mit Flügelstürmer Doku, der schon für Man City die Gegner schwindlig spielte, haben sie eine Geheimwaffe in der Lade, die das Zünglein an der Waage sein kann. Und Torhüter Thibaut Courtois ist längst eine belgische Legende. Wie die Niederländer auf einen alten Depay setzen, hoffen die Belgier auf den alten Lukaku, der bei der WM 2022 zur Lachnummer avancierte, da er praktisch jede gute Chance recht stümperhaft vergeigte. Im Großen und Ganzen eine recht ausbalancierte Mannschaft, auch wenn die Verteidiger das hohe Niveau der übrigen Spieler nicht erreichen. Die Gruppenphase sollte für die Belgier somit kein Problem darstellen.
Last but not least! Die USA (Gruppe D: Australien, Türkei, Paraguay) werden es in der Gruppenphase ordentlich krachen lassen. Gegenüber Kanada und Mexiko haben sie mit der Türkei und Australien recht unangenehme Gruppengegner. Als neutrale Zuschauer dürfen wir uns jedenfalls auf ein Spektakel freuen. Ihre Gung-Ho-Mentalität gibt den Offensivtakt vor. So schön das anzuschauen ist, abgeklärte Gegner lassen sie einfach ins offene Messer laufen. Das betrübt mich dann sehr. Während die europäische Taktik darauf hinausläuft, die defensive Ordnung diszipliniert aufrechtzuerhalten, nennen wir es Rasenschach, wollen die Amerikaner nur eines: den Ball so schnell wie möglich nach vorne treiben. Ihre Einstellung erinnert an jenen Fußball, den man als Junge im Park spielte, als es einzig darum ging, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Ihr erstes Gruppenspiel gegen Paraguay könnte deshalb in ein Debakel enden. Sowohl als auch.
Dark Horse Norwegen ist durchaus eine Überraschung zuzutrauen. Während viele Mannschaften händeringend nach einem formidablen Stoßstürmer suchen, haben die Skandinavier gleich drei herausragende anzubieten: Haaland (Man City), Sorloth (Atlético Madrid) und Strand Larsen (Crystal Palace). By the way, alle drei sind über 190 cm groß. Sollte also Not am Mann sein, dann heißt es, einfach hohe Bälle wie am Fließband in den Strafraum flanken. Im Gegensatz dazu müssen die anderen Mannschaften jeden Rückstand vorrangig spielerisch lösen – in Zeiten der perfektionierten Parking-the-Bus-Taktik ist das keine leichte Aufgabe.
Senegal hadert mit einer durchschnittlichen Qualität in der Innenverteidigung, während Mittelfeld und Offensive überzeugen können. Marokko ist wie Senegal gut aufgestellt, aber auch da scheint mir die Innenverteidigung nicht auf der Höhe zu sein. Aber das auf den Rasen gelegte Selbstbewusstsein wird jedem Gegner schwer zu schaffen machen. Japan lässt jedes Fußballerherz höher schlagen, ist die Mannschaft das Musterbeispiel einer verschworenen Gemeinschaft, in der sich sogar Superstars unterordnen müssen. Was zählt, ist Leistung und das Motto: alle für einen, einer für alle. Die schwüle Hitze könnte sich nachteilig auf ihre Laufbereitschaft auswirken. Das zeichnet die japanische Elf nämlich wie keine andere Mannschaft aus: laufen, laufen, laufen. Aber gegenüber disziplinierten Gegnern auf Augenhöhe nutzt auch die größte Lunge nichts.
Elfenbeinküste sollte man auf der Rechnung haben, im Besonderen nach ihrem Sieg im Testspiel gegen Frankreich (Fun Fact: die beiden Brüder Doué standen sich gegenüber!). Aber auch für die Elfenbeinküste gilt: gegen disziplinierte Ordnungskünstler – wie es bspw. Deutschland ist – verlieren die afrikanischen Mannschaften oftmals die Nerven und lassen sich dann viel zu leicht in eine Konterfalle locken oder werden fahrlässig unkonzentriert. Verständlich. Schließlich wollen die Burschen Tore schießen und nicht nach Zahlen malen respektive nach Trainervorgaben agieren. Die Ironie ist, würde jemals eine afrikanische Mannschaft Fußballweltmeister werden, dann hätte sie sich selbst kolonisiert. Wer will das? Eben. Marokko, Algerien und Tunesien sind hier die Ausnahme von der Regel, weil Nordafrika im Fußballerischen näher an Europa (Frankreich) ist. Tunesien hinkt den anderen beiden in spielerischer Hinsicht freilich hinterher.
Schottland bei der WM? Was sagt man dazu? Ich würde jubeln, gäbe es ein Zusammentreffen zwischen Schottland und England in der K.-o.-Phase. Nicht auszudenken, wie sich der (friedliche) bürgerkriegsähnliche Ausnahmezustand auf der Insel abspielen würde. John McGinn von Aston Villa ist der Inbegriff schottischer Qualität: übermotiviert und unscheinbar, aber effektiv, wenn es darauf ankommt. Ich fürchte, die Hitze wird ihnen ordentlich zusetzen und ein übermotivierendes Spiel, d. h. den Gegner über den Haufen rennen, nicht zulassen. Schade.
Kroatien? Seltsamerweise habe ich kaum einen Gedanken an sie verschwendet. Noch immer ist die alte Garde am Zug: Luka Modric mit 40 Jahren (!), Perisic mit 37, Kramaric mit 34 und Kovacic mit 32. Ehrlich, es wäre ein Wunder, wenn Modric & Co für eine Überraschung sorgen. Aber erinnern wir uns, vor vier Jahren, als überhebliche Brasilianer die Kroaten an die Wand spielten und trotzdem verloren haben. Abschreiben sollte man diese selbstbewussten Burschen nicht. Der Balkan stählt die Seele. Apropos. Bosnien und Herzegowina hatte die Italiener in der WM-Quali-Play-Offs vorgeführt. Wäre es nicht amüsant, würden wir bei dieser WM eine Habsburger-Truppe aufstellen? Österreich, Tschechien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina – und vielleicht noch Teile von österreichisch Niederlande. Gäbe es Ungarn, Slowenien und Slowakei noch obendrauf, wir wären unschlagbar. Kommen wir zur Türkei. Die Regenschlacht zwischen Österreich und der Türkei bei der EM 2024 hat mir die dunklen Jahrhunderte der Osmanenherrschaft am Balkan vor Augen geführt. Schrecklich. Tragisch. Traurig. Auch diesmal ist den Türken mit ihren beiden Superstars Yildiz und Gülar und Routinier Çalhanoglu einiges zuzutrauen. Ihr drittes Gruppenspiel gegen die USA riecht nach Schlagabtausch. Das muss man sehen.
Kolumbien ist die südamerikanische Dampfwalze. Da werden keine Gefangenen gemacht. Neymar musste es bei der WM 2014 schmerzhaft zur Kenntnis nehmen. Und Luis Díaz, der seine torgefährlichen Brötchen bei Bayern München bäckt, erhält im Team Kolumbiens als Superstar alle Freiheiten. Das macht ihn unberechenbar und steigert die Lust. Wenn Kolumbianer einmal Blut lecken, dann gibt es kein Halten. Man fürchtet um Usbekistan und DR Kongo. Andererseits, um die Leoparden des DR Kongo muss man sich keine großen Sorgen machen, die werden sich nicht ängstlich verkriechen. Könnte somit ein ordentlicher Schlagabtausch werden, wo niemand geschont wird. Das will man freilich sehen. Ansonsten kann ich gleich Ballett gucken, nicht wahr?
Die Schweden spielen ähnlich schlafwandlerisch wie die Schweiz. Das will keiner sehen. Australien hat mich noch bei jeder WM überzeugt, weil sie gewillt sind, auch mit stärkeren Gegnern auf Augenhöhe mitzuspielen. Hut ab. Das geht für gewöhnlich ins Auge, sorgt aber – wenigstens zeitweise – für spannende Partien. Somit sollten die Partien gegen die USA und gegen die Türkei für höchste Unterhaltung sorgen.
Ja, und dann haben wir jene Mannschaften, die als Mitläufer und Prügelknaben herhalten sollen. Aus heutiger Sicht praktisch unmöglich festzustellen, wie sich diese Mannschaften verkaufen.
Südafrika (FIFA-Rang: 60), Katar (#55), Haiti (#83), Paraguay (#40), Curaçao (#82), Neuseeland (#83), Cape Verde (#69), Saudi-Arabien (#61), Irak (#57), Jordanien (#63), Usbekistan (#50), Panama (#33 mit LASK-Spieler Andres Andrade!)
Wie sich dieses Ranking zusammensetzt, ist vermutlich ein unergründliches Geheimnis der FIFA. Iran ist beispielsweise auf Platz 21, Ghana hingegen #74 und Panama sage und schreibe auf Platz 33.
Den Irakern habe ich kurz auf die Füße geschaut, beim Vorbereitungsspiel gegen die Spanier. Sie ertrotzten sich ein Unentschieden und wirkten spritziger als die Iberer. Im Testspiel der Niederländer gegen Usbekistan hatte ich nach kurzer Zeit genug gesehen. Unspektakulär. Noch dazu ohne Publikum. Malen, als Stoßstürmer, fiel mir jedenfalls auf, weil er mehrere gute Chancen leichtfertig vergab. Jetzt versteht man die Niederländer besser, wenn sie auf einen Einsatz von Depay hoffen. Tunesien zeigte sich in den Testspielen (Österreich, Belgien) als Vorgabe.
Alles in allem dürfte die Weltmeisterschaft 2026 an Spannung nicht zu überbieten sein. Es sind vorerst zu viele Variablen, die jeder Mannschaft in die Suppe spucken können: die Temperaturen, die Anpfiffzeiten, die ungewöhnlichen Stadien, die oftmals immense Distanz, die von einem zum anderen Spielort zurückgelegt werden muss; dann sind da die unbekannten Mannschaften, die niemand auf der Rechnung haben kann und deshalb für keinen Trainer ausrechenbar sind. Wer erinnert sich nicht an Costa Rica, die bei der WM 2022 ausgerechnet die deutsche Mannschaft in Bedrängnis brachte, weil sich die Zentralamerikaner zur Wehr setzten. Weil auch die acht besten Drittplatzierten aufsteigen können, bedeutet es, dass man viele Tore gegen den vermeintlich Schwächeren schießen muss und weniger Tore gegen den vermeintlich Stärkeren bekommen darf, will man eine Chance auf die K.-o.-Runde wahren. Das könnte natürlich bedeuten, dass viele Underdogs bei einem 0:1-Rückstand beginnen, weiterhin Beton anzurühren. Ich will es nicht hoffen, aber es steht zu befürchten: Der Zweck heiligt die Mittel. Wer erinnert sich nicht an die Neuseeländer bei der WM 2010? Damals waren die Kiwis krasser Außenseiter und doch gelang ihnen das Kunststück, sich drei Unentschieden zu ermauern. Solch ein Match zwischen David gegen Goliath kann seinen Reiz haben, so lange Goliath das gegnerische Tor berannt. Aber ist das erste Tor gefallen und traut sich David trotzdem nicht, offensiver zu werden (oder es fehlt einfach die spielerische Qualität dazu), nun, dann ist es an der Zeit, schlafen zu gehen.

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