Die Finalrunde der besten 16 Mannschaften ist vorbei. Nun stehen sich die besten 8 Nationen in der KO-Runde des Viertelfinales gegenüber und spielen für den Einzug ins Semifinale. Hier trennt sich die endgültig die Spreu vom Weizen: Jeder Semifinalist ist Anwärter auf den Titel aller Titel. Somit ist in erster Linie Vorsicht geboten. Wer seine Defensive zu früh entblößt, kann hart bestraft werden. Somit steht zu befürchten, dass die Begegnungen beim Stand von 0:0 einem taktisches Geplänkel ohne Höhepunkte gleichen. Leider. In diesem Beitrag gehen wir schnurstracks vom Viertelfinale zum Halbfinale und zu den beiden Finalspielen.
Das Finale: SPANIEN ist Weltmeister
Spanien (#2) : Argentinien (#1) 1:0 n.V Viel gibt es nicht zu schreiben. Weil de facto nur Spanien gewillt war, zu gewinnen und deshalb Fußball spielte. Argentinien, rund um Messi, wurde erst nach dem Führungstreffer aktiver, aber da waren wir bereits in der zweiten Hälfte der Verlängerung. Zwei Schüsse gaben die Argentinier nach 120 Minuten Spielzeit ab. Das ist kläglich. Dass sich Enzo Fernández am Ende der regulären Spielzeit noch seine zweite gelbe Karte abholte und vorzeitig duschen gehen musste, passt in das Bild dieser Argentinier, deren Grenzen aufgezeigt wurden. Auf der anderen Seite hatten die spielbestimmenden Spanier ihre Mühe, sich Torchancen zu erarbeiten. Geht es um die defensive Abwehrleistung, dann muss man vor der Albiceleste natürlich den Hut ziehen. Aber offensiv ging freilich nichts. Das Finale war somit antiklimaktischer Fußball in Reinkultur. Einfach nur zum Vergessen. Am Ende gewinnen die Spanier verdient diese Weltmeisterschaft. Und Argentinien? Hat es abgesehen vom Finale verstanden, den effektivsten und oftmals dramatischsten Fußball in der Geschichte einer Weltmeisterschaft zu spielen. Kurz und gut, das Finale war eine große Enttäuschung.
Gedanken zum Spiel um Platz 3
Frankreich (#3) : England (#4) 4:6 Mon Dieu! Was war das für ein verrücktes Spiel. Der neutrale Fußballfan fühlt sich natürlich um eine Verlängerung betrogen. Weil Olisé beim Stande von 3:4 unzählige Chancen sträflich ausließ. Es hätte das Spiel der Spiele werden können. So bleibt es ein torreiches Spektakel um einen Trostpreis. Die Franzosen beginnen von Anpfiff an recht lustlos. Die Engländer wiederum zeigen mehr Intensität. Bereits nach 3 Minuten klingelt es zum ersten Mal. Declan Rice schießt platziert ins lange Eck. Die Équipe Tricolore bemüht, offensiv zu werden. Aber Mbappé oftmals zu ungestüm. Doué praktisch nicht vorhanden. Olisé wirkt, als würde ihm das Spiel gar nichts angehen. Und so kommt es knüppeldick für Trainer Deschamps, der sein letztes Match auf der Trainerbank bestreitet. Drei weitere Tore schießen die Engländer, die ohne Kane und Bellingham, frisch und fröhlich wie im Training darauf losspielen. Der Gegner lässt ihnen allen Raum der Welt, attackiert lustlos und zeigt keinerlei ernsthafte Gegenwehr. Man schüttelt nur den Kopf. Zum Pausenpfiff stellt sich die halbe Welt die Frage, ob die Franzosen zur großen Lachnummer der Weltmeisterschaft werden. Aber in der zweiten Halbzeit – Deschamps wechselt vier neue Spieler ein – zeigt sich eine gänzlich andere Équipe Tricolore, die ein offensives Feuerwerk zündet. Die Engländer überrumpelt, sind starr und lassen sich zu sehr beeindrucken. So stellen die Franzosen dank zweier Tore von Mbappé und eines von Barcola auf 3:4. Es fehlte nur noch ein Treffer für den Ausgleich. Kruzi. Olisé hatte es am Fuß. Mehrmals. Eine spannende Schlussphase zeichnete sich ab. Da ist es Minuten vor dem Ende ein englischer Entlastungsangriff, der in ein dummes Foul mündet. Merde! Saka verwandelt zum 3:5. Aber Dembélé verkürzt kurz vor dem Abpfiff auf 4:5. Man beißt sich auf die Lippe. Hoffnung. Aber Bellingham, eingewechselt und voller Tatendrang, tanzt die halbe Hintermannschaft der Franzosen aus und beendet das Match mit dem Treffer zum Endstand von 4:6. Allerhand. Man fragt sich, was in der ersten Halbzeit die Franzosen so lähmte, dass sie nicht bereit waren, als geschlossene Mannschaft aufzutreten. Aber allzu viel sollte man hier nicht analysieren. Das Spiel um Platz 3 ist nur Trostpflaster für die geschlagene Wunde eines verlorenen Halbfinales. Beide Mannschaften wollten sich rehabilitieren. Im Großen und Ganzen ist es gelungen. Die Engländer dürfen jubeln. Die Franzosen müssen sich an der Nase nehmen. Der neue Trainer Zidane steht ante portas. Oui, oui.
Gedanken zu allen Spielen des Halbfinales: best of 4
Die Favoriten haben sich im Viertelfinale durchgesetzt. Frankreich war souverän. Spanien ein wenig holprig. England zittrig. Argentinien glücklich. Aber das nächste Finalspiel mischt die Karten neu. Alles ist möglich.
Frankreich (#3) : Spanien (#2) 0:2 Was sagt man dazu? Die beste Offensive prallte förmlich wirkungslos vor der spanischen Spielkultur ab. Dabei fing alles recht ausgeglichen an. Beide Mannschaften wirkten nervös, und man sah da wie dort ungewohnte Abspielfehler. Erst das dumme Foul von Digne an Yamal und der anschließende von Oyarzabal verwertete Elfmeter zum 1:0 gab die Richtung für das restliche Match vor. Die Spanier, wie zu erwarten, kontrolliert und ballsicher, die Franzosen agierten ideen- und vor allem hilflos. Die sonst so überzeugend wirkenden Superstars der Grande Nation blieben über die gesamten 90 Minuten blass, waren niemals bissig und zeigten keinerlei unbändigen Willen. Hier und da gab es Momente, die aber nirgendwohin führten. Man verfolgt das Match am TV, aber versteht nicht, wie die Spanier alle Anspielstationen der Franzosen blockieren können. Unverständlich, dass die französische Hintermannschaft trotzdem versucht, über Ballbesitzspiel nach vorne zu kommen und dabei so gut wie immer den Ball verliert. Der weite Ball nach vorne fehlt praktisch völlig, obwohl es vielleicht die einzige Möglichkeit gewesen wäre, Torgefahr zu erzeugen. Das Match offenbarte die große Schwäche der Équipe Tricolore, die das Mittelfeld zugunsten der sonst so überzeugenden Offensive preisgab. Gegen schwächere Gegner ging die Rechnung auf. Aber als die Franzosen gegen das stärkste Mittelfeld dieser Weltmeisterschaft antreten mussten, war augenscheinlich die Inbalance zu bemerken. Der späte Versuch, Offensivkraft Olisé durch Mittelfeldmann Cherki zu ersetzen, brachte nichts. Der Zug war längst abgefahren – Spanien führte zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen verdient mit 2:0. Frankreich wurde fair and square am Rasen geschlagen. Seltsam, dass praktisch alle Spieler einen schlechten Tag hatten und keiner der Unterschiedsspieler auch nur den kleinsten Unterschied machen konnte. Es ist die Ironie der Fußballgeschichte, dass Deschamps’ Stärke in der defensiven Ordnung lag, ihn aber der Erfolg in die Offensive zwang. Mit der plötzlichen Auferstehung der jungen Stürmer Doué, Barcola und Olisé musste Deschamps zu einer offensiveren Ausrichtung übergehen. Musste er? Der öffentliche Druck ließ ihm keine Wahl. Dabei hätte bereits das erste Gruppenspiel gegen Senegal die Limitierung aufgezeigt. Aber dank der zweiten Halbzeit und Wundertore der Offensivkräfte applaudierte die halbe Welt – und Deschamps machte aus der Not eine Tugend: mehr Tore schießen als bekommen. Was den Franzosen fehlte, war der Taktgeber im Mittelfeld und ein bissiger Staubsauger, der vor der Abwehr seine Runden dreht. Hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen einem gelernten offensiven Mittelfeldspieler wie Dani Olmo und dem Flügelstürmer Olisé, der in die Zentrale abrückte. Solange Olisé ungehindert agierte, schüttelte er Zuckerpässe aus seinem Fuß. Aber die Spanier gaben ihm weder Raum noch Zeit. So verpufften seine offensiven Ideen, und im Mittelfeld selbst war er nicht präsent. Deschamps hätte auf seinen Instinkt hören müssen und eine ausbalancierte Aufstellung wählen sollen. Aber hätte er einen Dembélé und einen Doué wirklich auf die Ersatzbank setzen können, ohne von der Presse zerrissen zu werden? Darin liegt vielleicht die Crux, wenn die Umstände einem Trainer keine Wahl lassen. Frankreich zeigte im Turnier herrlichen Offensivfußball – und dafür müssen wir der Équipe Tricolore dankbar sein. Und Spanien belehrt uns ein weiteres Mal, dass Fußball ein Teamsport ist und dass jeder Einzelne Teil einer taktischen Ordnung ist. Uruguay hat im letzten Gruppenspiel gezeigt, wie man Spanien Paroli bieten kann: durch Laufbereitschaft bis zur völligen Erschöpfung und enormer Intensität in den Zweikämpfen – auf diese Weise wird die taktische Ordnung am Feld chaotisch, und die gegnerische Spielkontrolle löst sich weitestgehend auf. Wie dem auch sei, hoffen wir, dass wenigstens das zweite Halbfinalspiel ein Kracher werden wird.
England (#4) : Argentinien (#1) 1:2 What a blunder that was from Tuchel. Diese Argentinier, die mit Wunderkicker Lionel „The GOAT“ Messi einen zweiten oder dritten Frühling in dieser Weltmeisterschaft erleben, sind nicht zu fassen. Erneut geraten sie in Rückstand. Erneut bäumen sie sich auf. Erneut gewinnen sie in der Nachspielzeit. Es ist wirklich nicht zu glauben. Wie ist das möglich? Die Antwort liegt vielleicht darin, dass die Gegnerschaft Angst vor der eigenen Courage hatte. Vor allem diese Engländer, die unter Trainer Tuchel endlich deutsche Tugenden auf den Rasen legen sollten, zogen sich nach dem Führungstreffer ängstlich und nervös zurück. What? Etwa eine Stunde lang war von Argentinien nichts zu sehen, weil Bellingham & Co sie mit Verve anpressten. Folglich gab es für die Spieler rund um Messi weder Zeit noch Raum, um sich vor das Tor zu kombinieren. Der Führungstreffer, nicht überraschend, nach Ballverlust im Mittelfeld und einer Flanke von der rechten Seite auf den langen Pfosten, wo Flügelstürmer Gordon seinen Bewacher entkommt und den Ball über die Linie schiebt. Zu diesem Zeitpunkt fürchtete ich um die Argentinier, die das Spiel einfach nicht unter Kontrolle bringen konnten. Die Engländer zeigten, wie man gegen sie spielen musste. Aber, wunderlich – und auch wieder nicht – die Engländer zogen sich ohne guten Grund zurück. Man traute seinen Augen nicht. Unter Trainer Southgate war es wohl zu erwarten. Aber unter dem neuen Trainer Tuchel? Was eine Stunde gut funktioniert hat, wurde mit dem Führungstreffer aufgegeben. Natürlich schaltete Argentinien in den zweiten Gang. Natürlich begannen sie ihr gefürchtetes Ballbesitzspiel rund um den englischen Strafraum, immer wieder Messi suchend und findend. Mit jeder Minute war jedem Zuschauer klar, dass der Druck zunehmen würde. Es hätte offensive Entlastung gebraucht. Aber 25 Minuten vor dem Ende nimmt er Flügelflitzer Gordon aus dem Spiel und bringt mit Konsa einen Innenverteidiger. Häh? Gab er damit seiner Mannschaft nicht das Zeichen, wie bereits gegen Mexiko, im tiefen Block zu verteidigen und die Führung über die Runden zu bringen? Aber Argentinien ist nicht Mexiko. Und Messi ist kein Allerweltspieler, den man gewähren lassen darf. Natürlich werden von ihm präzise Flanken in den Strafraum geschlagen. Die Lösung für Tuchel? Man bringe 15 Minuten vor Abpfiff zwei weitere Defensivleute. Absurd. Andererseits, im Nachhinein ist man immer schlauer. Was, wenn seine ausgegebene „parking-the-bus“-Devise zum Erfolg geführt hätte? Müßig, darüber zu sinnieren. Nach mehreren Stangenschüssen zirkelt in der 86. Minute Enzo Fernández in die lange Ecke. Ausgleich. Und in der Nachspielzeit ist es eine Maßflanke von Messi, die Lautaro Martinez förmlich zum Kopfballtor zwingt. Siegestreffer. Die Engländer im kleinen Finale gegen Frankreich. Die Argentinier im siebten Himmel bekommen es am Sonntag mit Spanien zu tun. Zurück zum Match. Die erste Hälfte ist gekennzeichnet durch intensiv geführte Zweikämpfe. Die Argentinier, mit den dunklen Künsten des südamerikanischen Fußballs vertraut, zeigen den Engländern mit robusten Einlagen, dass es hier um mehr geht als ein Fußballspiel. Bellingham spürt bereits in den ersten Minuten recht schmerzhaft, dass die Argentinier keine Gefangenen machen wollen. Als neutraler Zuschauer ist man begeistert – die Intensität am Rasen ist greifbar. Fußball wird freilich nicht gespielt, jedenfalls braucht es über eine halbe Stunde, bis mal ein Torschuss abgegeben wird. Das gab es noch bei keiner Weltmeisterschaft und zeigt eindrücklich, wie sich beide Mannschaften im Mittelfeld beackerten. In der zweiten Hälfte wurde schließlich doch noch Fußball gespielt und die Torschüsse mehrten sich. Mit dem Führungstreffer der Engländer ging ein Ruck durch beide Mannschaften. Man wusste, nun geht es um alles. Im Gegensatz zu den Franzosen, die den Spaniern ohne Elan und Ideen hilflos gegenüberstanden, zeigten die Engländer, wenigstens eine Stunde lang, dass sie das Herz am rechten Fleck hatten. Aber dann, dann brach ihr mentales Kartenhaus völlig in sich zusammen. Der englische Fußball muss einer Autopsie unterzogen werden, um zu verstehen, woran es krankt. Ist es der enorme Druck, der auf den Spielern lastet? Ist es diese abgrundtiefe Angst, ein weiteres Mal knapp zu scheitern? Steckt in der DNA des englischen Fußballs noch immer diese „wir-haben-den-Fußball-erfunden“-Überheblichkeit? War es nicht das erste österreichische Wunderteam, das den überheblichen Engländern die erste Niederlage auf der Insel bereitete? Ja, diese Engländer fühlten sich berufen, die Besten der Besten zu sein. Aber abgesehen vom Titel im Jahr 1966 (mit dem berühmt-berüchtigten Wembley-Tor) haben sie nichts vorzuweisen. Das muss natürlich an der Seele der Engländer nagen. Und das zeigt sich vornehmlich dann, wenn sie in Führung liegen, wenn der Sieg so nah ist und sie es mit der Angst bekommen, den Titel doch nicht nach Hause bringen zu können. Vielleicht wird es Zeit, dass man nicht mehr die Spieler mit dem höchsten Marktwert einberuft, sondern jene, die die größte mentale Stärke haben. Wie dem auch sei, Argentinien ist verdient im Finale. Gottseidank.
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Gedanken zu allen Spielen des Viertelfinales: best of 8
Wie zu erwarten erspielte sich Frankreich im Schongang den Sieg. Die Spanier konnten noch in der Nachspielzeit mit einem Joker-Tor einer Verlängerung entgehen. Die Engländer sowie die Argentinier mussten in die Verlängerung und lange zittern. Wirklich sehenswert war keines der Viertelfinalspiele. Die Favoriten stehen jedenfalls verdient im Semifinale. Ich erwarte mir zwei Begegnungen, die in die WM-Geschichte eingehen werden. Über die Viertelfinalspiele breiten wir den Schleier des Vergessens.
Frankreich (#3): Marokko (#7) 2:0 Nach wenigen Minuten hätte die Équipe Tricolore in Führung gehen müssen, aber der Kopfball von Upamecano aus kurzer Distanz war zu unplatziert. Goalie Bono kann abwehren. So dauerte es eine Stunde, bis es klingelte. Natürlich ist es ein weiteres Mal Superstar Mbappé, der den Ball aus dem Stand an einem Verteidiger vorbei ins lange Eck zirkelt. Respekt. Der Kerl ist einfach nicht zu stoppen und wird wohl alle Rekorde brechen, die es gibt. Später einmal wird man auf ihn und Lionel Messi Loblieder anstimmen, und Kinder und Kindeskinder werden ihre Väter fragen: „Wie war das damals, Papa?“ Als Fußballfan muss man dem Schicksal danken, Zeuge dieses Wunders zu sein.Über das Match selbst gibt es nicht viel zu schreiben. Die Nordafrikaner kommen kaum ins Spiel, immer bemüht, die französische Offensive in Zaum zu halten. Somit gibt es vonseiten Marokkos praktisch keine gefährliche Szene im gegnerischen Strafraum. Ganz anders die Franzosen, die sich Chance um Chance herausspielen. Einmal versuchen die Marokkaner nach vorne zu spielen und werden prompt bestraft: Ballverlust, Umschaltspiel. Mbappé läuft allen auf und davon und wird im Strafraum gefoult. Elfmeter. Es dauert ein paar Minuten, bis der VAR endlich grünes Licht gibt. So lange muss Mbappé in der prallen Sonne ausharren. Sein Schüsschen wird schließlich von Goalie Bono ohne Mühe abgewehrt. Seltsam. Beide Superstars, Messi und Mbappé, scheitern vom Elfmeterpunkt. Wie ist das möglich?Ansonsten hat man keine Sekunde das Gefühl, die Marokkaner könnten den Franzosen gefährlich werden. Sechs Minuten nach dem Führungstreffer nimmt sich Dembélé ein Herz und schießt vom Strafraumrand das 2:0. Der sonst so verlässliche Bono sieht dabei nicht gut aus. Hier hätte man eigentlich das Match abpfeifen können. Denn wenn es eines gibt, was keine Mannschaft will, dann ist es, gegen die technisch versierten Sprintraketen Frankreichs in Rückstand zu geraten. Die Franzosen schalten zurück, die Marokkaner sind bemüht, nicht unter die Räder zu kommen. Im Semifinale wartet wohl Spanien (oder Belgien). Die Franzosen hatten im Verlauf des Turniers eine schlechte Halbzeit gegen den Senegal, ansonsten lief alles wie am Schnürchen. Im Gegensatz dazu sind die anderen Viertelfinalisten alles andere als souverän aufgetreten. Wer will die Franzosen stoppen?“
Spanien (#3) : Belgien (#9) 2:1 Hätte Belgien nicht dieses Wunder geschafft, gegen Senegal innerhalb weniger Minuten zwei Tore aufzuholen, hätten wir vermutlich die Afrikaner und damit mehr Exotik im Viertelfinale gesehen. So war es Belgien, jene Mannschaft, die sich seit einer gefühlten Ewigkeit einer goldenen Generation rühmt und mit De Bruyne, Lukaku und Courtois einen Hauch Sentimentalität aufs Fußballfeld bringt. Die neue Generation ist längst angekommen, hat sich aber noch nicht frei machen können. Ausgerechnet Tielemanns verletzt sich beim Aufwärmen vor dem Spiel, und damit fehlt den Belgiern ein Turm in der spanischen Mittelfeldbrandung. Wie zu erwarten übernehmen die Iberer mit Rodri das Kommando. Nach einer halben Stunde ist es Fabian Ruiz, der für die Spanier den Führungstreffer macht. Unspektakulär effizient. Von da an hätte man keinen Cent auf die Belgier gesetzt. Aber De Ketelaere, der in Umfang und Auftreten das absolute Gegenteil von Lukaku ist, köpft nach Maßflanke den Ausgleich. Spanien muss das erste Tor der Weltmeisterschaft hinnehmen. Da staunte die halbe Fußballwelt. Belgien traute sich hie und da, aggressiver ins Pressing zu gehen, hatte mit dem schnellen und technisch versierten Flügelmann Doku eine Waffe im Arsenal, die die spanische Hintermannschaft immer wieder vor unangenehme Aufgaben stellte. Das Duell Yamal gegen Doku war großes Kino. Der junge Spanier, Ausnahmetalent par excellence, ist nach seiner Verletzungspause noch immer nicht bei dieser WM angekommen. Trotzdem reicht es, die Gegnerschaft nervös zu machen. Da er gedoppelt werden muss, entstehen Räume für andere Offensivspieler. Die Spanier haben wie gewohnt mehr Spielanteil, die größeren Torchancen, aber ohne Abschlusserfolg. Alles sieht nach einer Verlängerung aus. Aber es braucht zwei Auswechselspieler, um Minuten vor Schluss die Entscheidung für die Spanier herbeizuführen. Zum einen verlässt Torhüterlegende Courtois verletzt das Feld. Sein junger Ersatzmann Lammens, der bei Man United seine Brötchen verdient, muss eine halbe Stunde vor dem Ende aufs Feld und zwischen die Torpfosten. Was kann es Unangenehmeres für einen Goalie geben, als in einem Viertelfinalspiel den größten aller Torhüter zu ersetzen? Auf der anderen Seite wird Mikel Merino bei den Spaniern in die Schlacht geworfen. Zwei Minuten später nimmt sich Innenverteidiger Cubarsi die Freiheit und knallt den Ball Richtung Tor. Niemand hat damit gerechnet. Auch Lammens nicht. Der unplatzierte Schuss wäre im Training keine Herausforderung gewesen. Aber im Stadion von Inglewood, vor 70.000 Zuschauern, kommt eines zum anderen. Lammens kann den Ball nicht festhalten. Der Ball fällt Merino vor die Füße, der ohne zu zögern draufhält. Führungstreffer. Siegestreffer. Die Belgier hadern. Natürlich. Aber Hand aufs Herz: Wer möchte die Belgier im Halbfinale gegen Frankreich spielen sehen? Die Spanier sind nun mal das bessere Team. Punkt. Mit Hingabe und Glück hätte Belgien sie vielleicht schlagen können, und wir wissen ja nur zu gut, dass manchmal nicht die bessere Mannschaft gewinnt. Das Match konnte im Ganzen keine Spannung erzeugen. Es rief Erstaunen hervor, weil den Spaniern bis zur 88. Minute nichts Torentscheidendes einfiel und die Belgier selten, aber doch, gefährliche Nadelstiche setzten. Mon Dieu, das Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich ist das ersehnte Ringen der Fußballtitanen mit unterschiedlichem Zugang: die einen gehören zum Besten im offensiven Umschaltspiel, die anderen im kontrollierenden Ballbesitzspiel. Wenn wir Glück haben, gibt es einen sehenswerten Schlagabtausch mit vielen Toren. Oder wir sehen zwei Mannschaften, die sich vorsichtig belauern und dabei ein schnarchnasiges Mittelfeldgeplänkel abliefern. Gott bewahre uns davor.
Norwegen (#34) : England (#4) 1: 2 n.V. Hat sich der 1. FC Bellingham also am Ende durchgesetzt. Die erste Halbzeit findet erst nach 30 Minuten statt. Davor stehen die Norweger im tiefen Block, machen keine Anstalten, rauszurücken und freien Raum anzubieten, und die Engländer, nun ja, das wissen wir längst, sind nicht in der Lage, kreative Lösungen zu finden. So wird der Ball sehr gemächlich, beinahe im Stehen, von einer Seite zur anderen geschoben. Anti-Fußball zur besten Sendezeit. Schrecklich. Aber nach 30 Minuten gehen die Norweger überraschend ins Pressing. Die Hintermannschaft der Engländer ist überrascht. Ein Abspielfehler von Routinier Stones hätte beinahe Haaland auf die Reise und ins Glück geschickt. Knapp erreicht er den Ball nicht. Aber nur wenig später nimmt sich Rechtsaußen Schjelderup von Benfica ein Herz und flankt scharf auf den zweiten Pfosten, wo Haaland wartet. Aber der Ball fällt nicht auf den Kopf des Stürmers, sondern perfekt in die Kreuzecke. Allerhand. Eines der schönsten Tore des Turniers. Von da an sind die Engländer kurzzeitig von der Rolle, aber die Norweger zu naiv, um es auszunutzen. Sörloth, der Stoßstürmer von Atlético Madrid, der im norwegischen Team als Linksaußen aufgeboten wird (seltsam), zieht im Umschaltspiel auf das gegnerische Tor. Aber statt konsequent den Abschluss zu suchen – oder den Querpass auf Haaland zu machen – nimmt er Tempo raus und verstolpert diese hochkarätige Chance. Erbärmlich. Im Gegenzug fällt der Ausgleich. Natürlich ist es wieder einmal Bellingham, der am Strafraumrand von Gordon bedient wird, zwei Verteidiger umkurvt und scharf abschließt. Und kurz vor dem Abpfiff landet der Ball erneut im Tor der Norweger. Aber die Abseitsposition von Kane verhindert die famose Aufholjagd.In der zweiten Hälfte kommen die Norweger mit den neu eingewechselten Nusa und Bobb besser ins Flügelspiel. In der 55. Minute ist der Ball nach einem Eckball im englischen Tor. Jubel bei den Norwegern. Aber der VAR schaltet sich ein. Haaland hat mit beiden Armen einen Verteidiger weggestoßen. Foul. Das Tor zählt nicht. Für einen Profi wie Haaland eine ausgesprochen dumme Aktion. In der 75. Minute geht der Kopfball von Aursnes an die Latte. Von den Engländern ist nicht viel zu sehen. Verlängerung. Und Minuten später jubelt wieder einmal Bellingham. Weil Goalie Nyland einen Weitschuss nicht bändigen kann und Bellingham am schnellsten reagiert. Führungstreffer. Das Ganze erinnert frappant an den Fehler des Belgiers Lammens im Viertelfinalspiel gegen Spanien. Wiederum nur wenige Minuten später zeigt der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt für England. Aber der VAR widerspricht. So geht die erste Hälfte der Verlängerung zu Ende. Haaland muss vom Platz. Really? Stürmer Strand Larsen von Crystal Palace ersetzt ihn. Hm. Was mag der Grund für diesen Wechsel gewesen sein? Norwegen offensiv bemüht, die Engländer, das kennen wir längst, wollen die Führung nur noch über die Zeit retten und hinten absichern. Die 2-Meter-Abrissbirne Dan Burn kommt für den ausgelaugten Bellingham und verteidigt jeden hohen Ball weg. Zwar kommen die Norweger immer wieder in den Strafraum, aber eine zwingende Torchance ergibt sich keine mehr. Schlusspfiff. Die Engländer stehen im Halbfinale. Wieder einmal war Bellingham das Zünglein an der Waage. Die Three Lions sind für mich nur Stückwerk. Auf jeder Position verrichten Premier-League-Profis ihren Job, aber der gemeinsame Funke fehlt gänzlich. Tuchels Anweisung an die Mannschaft erinnert mich an ein Malen nach Zahlen und die Hoffnung, dass es die Superstars Bellingham oder Kane irgendwie richten werden. Armselig. Aber im Halbfinale können sie mich gerne eines Besseren belehren.
Argentinien (#1) : Schweiz (#19) 3:1 n. V. Die Müdigkeit quillt mir an diesem Sonntagvormittag aus den Augen. Das letzte Viertelfinalspiel dieser Weltmeisterschaft ist auch das letzte in der tiefsten Nacht ausgestrahlte Match. Die letzten Wochen deshalb strapaziös für Körper und Geist. Die erste Hälfte der Begegnung verlor bereits nach 10 Minuten ihren Reiz. Die Argentinier gehen durch einen von Messi getretenen Eckball in Führung. Billig. Dabei waren die Schweizer bis dahin in beeindruckender Spiellaune und kontrollierten Ball und Gegner. Die kalte Dusche wirkte. Die Argentinier, wie gewohnt mit einer Führung im Rücken, werden selbstsicherer und übernehmen wieder die Kontrolle. Auf der Couch liegend übermannte mich die Müdigkeit. Die gelbe Karte für den Schweizer Stürmer Embolo knapp vor Halbzeit fiel mir auf. Hatte ich da bereits eine Vorahnung des Kommenden? In der zweiten Halbzeit werden die Eidgenossen mutiger, die Argentinier agieren viel zu überheblich, lassen gute Torchancen zu. So schiebt Ndoye in der 67. Minute perfekt den Ball unter Goalie Martinez zum verdienten Ausgleich durch. Wahrlich, diese argentinische Mannschaft ist nicht zu begreifen. Die bisherigen Gegner sind weit davon entfernt, auf Augenhöhe mit dem amtierenden Weltmeister mitzuspielen, aber eine Art von Überheblichkeit bringt sie oftmals in des Teufels Küche. Der Ausgleich befeuert natürlich die Nati und die Argentinier wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht. Ja, und dann lässt sich Embolo schwalbenhaft irgendwo in der Mitte des Platzes fallen und erhält dafür die zweite Gelbe und muss somit vorzeitig duschen gehen. Wirklich dumm. Das Momentum fällt Messi & Co. in den Schoß, aber wirklich torgefährlich werden sie erst in den letzten Minuten der regulären Spielzeit. Goalie Kobel muss in der Nachspielzeit einen spektakulären Schuss parieren. Mac Allister köpft über die Latte. Messi schießt knapp vorbei. Abpfiff. Verlängerung. In den ersten 15 Minuten passiert nicht viel. Beide Mannschaften zeigen Müdigkeitserscheinungen. Die Schweiz mit einem Mann weniger kommt nur noch selten offensiv zur Geltung. Die zweite Halbzeit der Verlängerung zeigt ein ähnliches Bild. Die Eidgenossen verteidigen mit Mann und Maus und die Argentinier schieben den Ball recht ideenlos um den Strafraum. Ein Weitschuss geht ins Außennetz. Der Torjubel der Fans verstummt. Da ist es ausgerechnet Julian Alvarez, der nach einer Verletzungspause zurückgekehrte, blass gebliebene Edelstürmer von Atlético Madrid, der sich ein Herz nimmt und den Ball vom linken Strafraumrand in die rechte Kreuzecke zirkelt. Das herrliche Tor erlöst Spieler und Fans gleichermaßen. Die Schweiz versucht sich noch einmal im Offensivspiel, wirft alles nach vorne und wird, wie nicht anders zu erwarten, ausgekontert. Lautaro Martinez, der argentinische Chancentod, verwertet einen Abpraller zur Entscheidung. Jetzt dürfen wir uns auf ein Halbfinale freuen, das die beiden Stehaufmännchen des Turniers gegenüberstellt. England und Argentinien konnten bisher nicht überzeugen. Ein Stehaufmännchen wird jedenfalls nicht mehr aufstehen. Nach dem Hexenkessel von Mexiko geht es nun um alles oder nichts für die Engländer. Ein Klassiker der WM-Geschichte bahnt sich an. Herrlich. Und jetzt gehe ich schlafen.

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