Die Odyssee von Christopher Nolan: Sightseeing in der Antike – Eine Filmkritik

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Vorweg müssen wir Christopher Nolan danken, dass er sich mit Homers Die Odyssee filmisch auseinandersetzte und somit das antike Epos einem breiten Publikum vorstellte. Es steht zu hoffen, dass die ausgelöste Diskussion über die zeitgeistige Adaptierung neue Erkenntnisse und Einsichten für den Einzelnen wie für die Gesellschaft bringt.

Nolan kürzte den literarischen Stoff über die ausschweifende Irrfahrt Odysseus und seiner Heimkehr an vielen Stellen. Das ist verständlich und wohl nicht zu verhindern, kann ein Film niemals ein Buch zur Gänze wiedergeben. Auf die Götter, die in Homer die Schicksalsfäden ziehen und da und dort für oder gegen Odysseus eingreifen, hat Nolan verzichtet. Dadurch ist der Film mehr historische Abenteuer- und Rachegeschichte als mythisches Epos. Schwerwiegender ist jedoch der Einfluss einer zeitgeistigen Moral- und Zukunftsvorstellung, die uns mehr über die westliche Welt des 21. Jahrhunderts erzählt als das Zeitalter der Antike.

Nolans moderne Filmadaption des antiken Stoffes wirkte auf mich deprimierend, weil er das Schöne der Schilderung in sein Gegenteil verkehrte und jeden göttlichen Zauber in einen hässlichen Realismus umwandelte. Es fühlt sich an, als hätte Nolan den Louvre ausräumen und mit modernen Kunstwerken der Gegenwart füllen lassen.

Der erste Handlungsstrang, die Irrfahrt, erschien mir wie eine Aneinanderreihung der berühmtesten Szenen aus dem Epos, ohne dass Nolan viel Zeit und Fingerspitzengefühl in die filmische Umsetzung stecken wollte. Alles bleibt Oberfläche. Man hat das Gefühl, an einer Sightseeing-Tour teilzunehmen, in der die größten Sehenswürdigkeiten rasch besichtigt werden. Der zweite Handlungsstrang, der von Odysseus Eheweib Penelope und seinen heranwachsenden Sohn Telemachos erzählt, die sich beide in Ithaka zur Wehr setzen müssen, ist eindrücklicher, griffiger und bodenständiger. Die Rückkehr Odysseus nach Ithaka verkommt dann wiederum zu einem sich zuspitzenden Actionspektakel, das in seiner dramaturgischen Machart aber enttäuschend emotionslos bleibt. Die Action selbst, dank der sperrigen IMAX-Kameras und Nolans Zurückhaltung, ist nur mittelmäßig in Szene gesetzt. Dabei hatte Matt Damon bereits vor zwanzig Jahren gezeigt, wie aufregend Action dargestellt werden kann.

Nolan verabsäumte, die Irrfahrt in ein besonderes Licht zu tauchen. Ridley Scott verstand es beispielsweise meisterhaft, in seinem Historienfilm Kingdom of Heaven das mittelalterliche England in den kältesten Farben und trübsinnigsten Melodien darzustellen, sodass die farbenfrohe Leuchtkraft und die himmlischen Melodien des heiligen Landes und der Stadt Jerusalem nicht nur auf die Protagonisten wie ein atemberaubendes Wunder wirken mussten, sondern auch für die Kinogänger. Nolans Film lässt keine Wunder zu. Da ist nichts atemberaubend, höchstens langweilig, abstoßend oder banal. Bleak and bland, würde ich es treffend(er) auf den Punkt bringen, wäre ich Amerikaner.

Anmerkung: Die dem Epos entnommenen Verse entstammen der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, der das Buch 1781 auf eigene Kosten drucken ließ. Hier ist das Werk als PDF abrufbar: Odyssee

Eine Berliner Tanzgruppe performte Die Odyssee. Der Schriftzug gefällt mir.

Nostos und die Versuchungen des Odysseus

In Homers Epos wird Odysseus immer wieder in Versuchung geführt. Würde Odysseus Nostos, das ist seine Heimat, seine Kultur, sein Eheweib, seinen Sohn, seinen Platz in dieser Welt eintauschen? Die erste Versuchung erfährt er auf einer Insel, in der die Bewohner den Lotus essen, eine Pflanze mit der Wirkung einer Droge, die den Esser eines jeden Strebens beraubt. Odysseus lehnt ab und segelt weiter. Dem Gesang der Sirenen, der jeden Menschen in den Bann und in die tödlichen Fluten zieht, entgeht er, indem er sich an den Mast binden lässt. Die göttliche Zauberin Kirke schenkt ihm ein erfüllendes Paradies – aber nach einem Jahr macht er sich mit seinen Männern wieder auf den Weg. Die göttliche Nymphe Kalypso verspricht ihm ewiges Leben, aber er lehnt ab und zimmert sich ein Floß. König Alkinoos möchte Odysseus mit seiner schönen jungen Tochter Prinzessin Nausikaa vermählen, aber Odysseus lehnt das sorgenfreie Leben höflich ab und bittet um Passage nach Ithaka. In Nolans Adaption sind diese Versuchungen, so sie überhaupt vorkommen, eine Randerscheinung. Homers Odysseus ist ein Mann, der den richtigen und damit schwierigen Weg wählt und deshalb von den Göttern geschätzt wird.

Feigheit vor der Emotion

Im Epos ist Odysseus widersprüchlich gezeichnet. Er ist ein Mann mit vielen Gesichtern, gewitzt und schlagfertig, aber auch ein Mensch der antiken Welt. Nolan spart beispielsweise die Szene aus, als sich Odysseus verrückt stellt, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Seine dreiste Eskapade wird aufgedeckt. Ob er es gewollt hat? Seine Irrfahrten erzählt er einem königlichen Publikum und man kann sich niemals sicher sein, wie viel davon Wahrheit, wie viel davon Trug ist. Als er auf Ithaka zurückkehrt, er sich durch Athena als Bettler verkleiden lässt, tischt er jedem, der es hören will, eine gute Geschichte über sein Leben auf, die von vorne bis hinten erlogen ist. Göttin Athena gefällt jedenfalls die Flunkerei ihres Auserwählten. In Nolans Adaption ist Odysseus einfach nur Matt Damon. Würde man dem Schauspieler den Bart nehmen, es wäre offensichtlich, dass kein griechischer Held, kein König von Ithaka, kein Held der Antike in Matt Damon steckt. In Nolans Adaption sind Odysseus’ Soldaten ihm gegenüber aufmüpfig und belehrend, behandeln ihn wie einen Offizier, der ihnen vorgesetzt wird. Man spürt keine heimatliche und kameradschaftliche Bande, die über zehn Jahre gewachsen sein muss. Seine Männer wirken wie Statisten und als Zuschauer empfindet man kein Bisschen für sie. Hier liegt die größte Schwäche des Films und deshalb muss Nolans Adaption der Irrfahrt auch scheitern: Hat der Zuschauer keine emotionale Beziehung zur Mannschaft, ist es ihm auch völlig egal, ob da welche gefressen oder an die Wand der Höhle geklatscht werden. Nolan hätte hier radikal auf wenige Männer reduzieren und die gemeinsamen Abenteuer deutlich emotionaler auskleiden müssen. Aber wie anfangs erwähnt, Nolan interessierte sich nicht für die Irrfahrt, deshalb wurde sie auch wie ein Stiefkind behandelt. Odysseus wird ohne Emotion von einem Set zum nächsten gejagt. Die Begegnung mit seiner toten Mutter? Ausgespart. Die Begegnung mit seinem Vater? Ausgespart. Die Begegnung mit seinem Sohn, nach zwanzig Jahren? Ausgespart. Die Szene nach dem Massaker, als er seine loyalen Dienerinnen zu sich rief und vor Wiedersehensfreude weinte? Ausgespart. Die Szene mit Penelope, die im Fremden erst dann ihren Ehegatten erkennt, als sie ihn auf die Probe stellt? Ausgespart. Die Szene mit Penelope im Schlafgemach, nach zwanzig langen Jahren wieder vereint? Ausgespart. Die intimen Nächte mit einer bezaubernden Kirke? Ausgespart. Die intimen Nächte mit Kalypso, mehr erzwungen als gewollt? Ausgespart. Aber Argo, der alte Jagdhund, der auf seinen Herren wartet, ihn erkennt und daraufhin stirbt, ja, diese Szene ist im Film.

Hier lag Argos der Hund, von Ungeziefer zerfressen. / Dieser, da er nun endlich den nahen Odysseus erkannte, / Wedelte zwar mit dem Schwanz, und senkte die Ohren herunter; / Aber er war zu schwach, sich seinem Herren zu nähern. / Und Odysseus sah es, und trocknete heimlich die Träne. / … Aber Argos umhüllte der schwarze Schatten des Todes, / Da er im zwanzigsten Jahr Odysseus wieder gesehen.

Das breite Publikum lechzt nach Emotion, also schiebt man einen dahinsiechenden Hund vor und erzählt seine Geschichte.

Trauma eines Kriegers

Odysseus wird in Nolans Adaption zu einem ranghohen Offizier mit Kriegstrauma reduziert, der das Ende seines Zeitalters kommen sieht. Litt Homers Odysseus an einem Kriegstrauma? Gab er sich die Schuld an der Zerstörung Trojas? Im Epos gibt es dahingehend keine eindeutigen Hinweise. Sein Verhalten, nach der Abreise von Troja das nächste Küstendorf am Weg brandzuschchatzen und Beute zu machen, dabei, wie es sich für die damalige Zeit gehört, die Männer zu töten (er verschont einen Priester des Apollon), deutet darauf hin, dass er mit dem „Kriegshandwerk“ nicht sonderlich haderte.

Da verheert‘ ich die Stadt, und würgte die Männer. / Aber die jungen Weiber und Schätze teilten wir alle / Unter uns gleich, daß keiner leer von der Beute mir ausging.

In der darauffolgenden Schlacht mit einer heranrückenden Übermacht können sich Odysseus und seine Männer gerade noch auf die Schiffe flüchten. Die Plünderung des Küstendorfs ist von Nolan filmisch umgesetzt worden, vermutlich, um zu zeigen, dass es die Griechen selbst waren, die als „Seevölker“ den Untergang der Bronzezeit durch kriegerische Unternehmungen herbeiführten. Die Schlacht und den schmählichen Rückzug musste Nolan natürlich ausblenden, würde es zeigen, dass man sich gegen „Seevölker“ wehren hätte können.

Die Erstürmung Trojas selbst wurde von Nolan so hanebüchen umgesetzt, dass man sich nur wundern kann. Die Soldaten auf beiden Seiten agieren dabei wie Statisten, nicht wie Menschen, die an ihr Leben hängen. In Homers Odyssee werden die meisten Trojaner nach den ausschweifenden „Siegesfeierlichkeiten“ im Schlaf überrascht und niedergemacht. Die Plünderung Trojas ist filmisch altbacken inszeniert und erinnert an die Sandalenfilme der 1960er Jahre, als man die Statisten planlos durch das aufgebaute Set hetzte. Seltsam: Die Wehrtürme Trojas stürzen im Hintergrund nach 9/11-Pfannkuchen-Manier in sich zusammen. Was hat das zu bedeuten?

Als Homers Odysseus endlich nach Ithaka zurückkehrt und er die Freier in seinem Hause, 108 an der Zahl, mit seinem Sohn und loyalen Dienern niedermacht und keine Gnade gewährt, findet er (und Athena) das nur recht und billig. Göttin Athena ist es dann auch, die die Blutfehde in Ithaka verhindert:

Ruht, ihr Ithaker, ruht vom unglückseligen Kriege! / Schonet des Menschenblutes, und trennet euch schnell voneinander!

Odysseus bleibt König von Ithaka. Nolans Odysseus, der von der Zerstörung Trojas traumatisiert ist, zeigt gegenüber dem Gemetzel in seinem Haus ebenfalls keine Reue. Am Ende des Films steigen Odysseus und Penelope in ein Boot und segeln gen Westen ins Exil – Telemachos wird am (wackeligen) Thron zurückgelassen. In Homers Welt hätten die Götter Odysseus Feigheit gezürnt.

Barker, Wright; Circe; Bradford Museums and Galleries; http://www.artuk.org/artworks/circe-23017

Männer sind Schweine

In Homers Epos ist die Insel der göttlichen Zauberin Kirke ein kleines Paradies. Sie bewohnt einen Palast, der von Dienerinnen gehütet wird. Ihr Aussehen ist wunderschön, ihre Stimme bezaubernd.

Und wir kamen zur Insel Ääa. Diese bewohnte / Kirke, die schöngelockte, die hehre melodische Göttin, / … Und sie standen am Hofe der schöngelocketen Göttin, / Und vernahmen im Haus anmutige Melodieen. / Singend webete Kirke den großen unsterblichen Teppich, / Fein und lieblich und glänzend, wie aller Göttinnen Arbeit.

Nicht umsonst hat sich daraus das Wort becircen abgeleitet. Kirke lädt die ausgehungerten Männer zu Tisch und verzaubert sie sanftmütig mit einem Stab zu Schweinen. Was macht Nolan daraus? Eine Frau im mittleren Alter, nicht schön, nicht hässlich, bewohnt ein kleines, recht verfallen wirkendes Steinhäuschen auf einer unwirtlichen und kalt aussehenden Insel. Die herumstreunenden friedlichen Raubtiere, die in Kirkes wundersamen Inselparadies ihren Platz haben, wirken hier völlig deplatziert. Nolans Kirke selbst hat nichts Sanftes, nichts Betörendes. Im Gegenteil. Ihre „Verzauberung“ erinnert an eine Fleischhauerin, so brachial vollführt sie die Verwandlung der Männer in Schweine. Der moderne Kinogänger, im Horrorgenre längst zu Hause, ist von der fleischlichen Schweinerei natürlich angetan. Nolans Dialog zwischen Kirke und Odysseus ist schließlich nur noch eine dem Jahr 2026 entnommene weibliche Abrechnung mit toxischer Maskulinität. War das wirklich nötig? Wenn es Nolan darum ging, Zustände der heutigen Gesellschaft zu kritisieren, warum versetzte er die Odyssee nicht in die Gegenwart? Francis Ford Coppolas Apocalypse Now bediente sich des Romans Heart of Darkness (Joseph Conrad) aus dem Jahr 1899, um eine filmische Kritik an den Vietnamkrieg zu üben. Der zeitgeistigen Vorstellung geschuldet greift Nolans Kirke zum Messer, um Odysseus zu bedrohen. Die Frau von heute, so die Botschaft, soll sich der Gewalt bedienen, um sich von einer männlichen Bedrohung frei zu machen. In Homers Epos ist es umgekehrt. Der Mann, der Soldat, er zieht das Schwert. Die Frau, die Geliebte, sie entwaffnet ihn mit betörenden Blicken, sanften Gesten und amourösen Versprechungen.

Lieber! so stecke dein Schwert in die Scheid‘, und laß uns zusammen / Unser Lager besteigen, damit wir, beide versöhnet / Durch die Freuden der Liebe, hinfort einander vertrauen!

Kirke macht schließlich den Zauber rückgängig, aus Schweinen werden wieder (schönere!) Männer, und sie gibt Odysseus das Versprechen, ihm nichts Böses zu wollen. Ein Jahr lang bleibt Odysseus als Geliebter im Palast und teilt mit ihr jede Nacht das Schlafgemach. In Nolans Film gibt es keine Intimität. Die Männer kehren noch am selben Tag zum Schiff zurück und segeln davon. Was bleibt von Nolans Kirke? Eine Frau, ängstlich und verstört, die Männer mit Gewalt zurückweist und lieber einsam auf einer Insel ihr kärgliches Dasein fristet, als sich um eine Familie zu bemühen, die ihr Schutz und Geborgenheit bieten würde.

Die einsame Hippie-Frau

Odysseus wird nach seinem Schiffbruch auf einer paradiesischen Insel angeschwemmt und von Kalypso gerettet. Homers Kalypso ist eine göttliche Nymphe, umgeben von Dienerinnen, die Odysseus als ihren Geliebten erwählt. In der Grotte, die alle Annehmlichkeiten bietet, muss/darf er in den Nächten ihre Bettstatt teilen, während er des Morgens am Strand sitzt, hinaus aufs Meer starrt und sich die Seele aus den Augen weint, weil er sich so sehr nach Nostos sehnt. Nach Hause will er, nach Ithaka, dort, wo er hingehört.

Denn nichts ist doch süßer, als unsere Heimat und Eltern.

Aber Kalypso als Göttin hat natürlich kein Gefühl für Raum und Zeit und ihre Absichten sind für Menschen niemals zu verstehen – sie tut, wie es ihr gefällt. In Homers Epos ist Kalypso recht eigensinnig, und es bedarf Göttervater Zeus, der Hermes beauftragt, ihr mitzuteilen, dass sie ihren geliebten Odysseus endlich ziehen lassen soll. Kalypso hat freilich noch ein Ass im Ärmel und macht Odysseus ein Angebot, das er kaum abschlagen kann: Unsterblichkeit und ewige Jugend. Freilich mit dem Haken, ihr Geliebter bleiben zu dürfen/müssen. Bis in alle Ewigkeit. Kalypso wäre nicht eine unsterbliche Nymphe, wenn sie nicht ein letztes Mal ihre Vorzüge anpreisen würde:

Und ein Unsterblicher sein: wie sehr du auch wünschest, die Gattin / Wiederzusehn, nach welcher du stets so herzlich dich sehnest! / Glauben darf ich doch wohl, daß ich nicht schlechter als sie bin, / Weder an Wuchs noch Bildung! Wie könnten sterbliche Weiber / Mit unsterblichen sich an Gestalt und Schönheit vergleichen?

Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus: / Zürne mir darum nicht, ehrwürdige Göttin! Ich weiß es / Selber zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia / Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Größe verschwindet; / Denn sie ist nur sterblich, und dich schmückt ewige Jugend. / Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen, / Wieder nach Hause zu gehn, und zu schaun den Tag der Zurückkunft. / Und verfolgt mich ein Gott im dunkeln Meere, so will ich’s / Dulden; mein Herz im Busen ist längst zum Leiden gehärtet! / Denn ich habe schon vieles erlebt, schon vieles erduldet,/ Schrecken des Meers und des Kriegs: so mag auch dieses geschehen! / Also sprach er, da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich. / Beide gingen zur Kammer der schöngewölbeten Grotte, / Und genossen der Lieb‘, und ruheten nebeneinander.

Odysseus beginnt am nächsten Morgen, ein Floß zu zimmern. Nach vier Tagen Arbeit ist es fertig, und am fünften Tag lässt er sich endlich von den Wellen davontragen.

Was macht Nolan aus alledem? Er reduziert die ewig junge Kalypso zu einer altbackenen Hippie-Insulanerin, die Odysseus auf einer einsamen Insel gesundpflegt und ihn mit Drogen füttert, die vergessen machen. Nach Jahren hat Hippie-Kalypso ein Einsehen und gibt Odysseus in psychoanalytischen Therapiesitzungen die Erinnerung an die Vergangenheit zurück. Er verarbeitet sein Kriegstrauma und macht sich endlich nach Ithaka auf, ohne dabei eine Ode an eine sterbliche und alternde Penelope zu singen, die sich jede Frau in jedem Zeitalter so sehnsüchtig wünscht.

Monster wider Willen

Eine der bekanntesten Geschichten der Irrfahrt ist der blutrünstige Auftritt des Zyklopen in der Höhle. Homer gibt ihm den Namen Polyphem, lässt ihn mit den Eindringlingen ins Gespräch kommen und inszeniert eine schwarzhumorige Szene, die Odysseus Gerissenheit („Niemand ist mein Name!“), taktisches Geschick (Wein, Blendung, Schafe) genauso wie seine Hybris („Ich, Odysseus, war es!“) zeigt. Weil sich Odysseus doch noch offenbarte, konnte der Zyklop seinen Vater Poseidon bitten, diesen Mann zu strafen.

Meinen berühmten Namen, Kyklop? Du sollst ihn erfahren. / Aber vergiß mir auch nicht die Bewirtung, die du verhießest! / Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle, / Meine Mutter, mein Vater, und alle meine Gesellen. / Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich: Niemand will ich zuletzt nach seinen Gesellen verzehren; / Alle die andern zuvor! Dies sei die verheißne Bewirtung!

Und ich rief dem Kyklopen von neuem mit zürnender Seele: / Hör, Kyklope! Sollte dich einst von den sterblichen Menschen / Jemand fragen, wer dir dein Auge so schändlich geblendet; / Sag‘ ihm: Odysseus, der Sohn Laertes, der Städteverwüster, / Der in Ithaka wohnt, der hat (d)ein Auge geblendet!

Gib, daß Odysseus, der Sohn Laertes, der Städteverwüster, / Der in Ithaka wohnt, nicht wiederkehre zur Heimat! / Oder ward ihm bestimmt, die Freunde wiederzusehen, / Und sein prächtiges Haus, und seiner Väter Gefilde; / Laß ihn spät, unglücklich, und ohne Gefährten, zur Heimat / Kehren auf fremdem Schiff‘, und Elend finden im Hause! Also sprach er flehend;

Nolan entscheidet sich hingegen für ein breitenwirksames Horror-Spektakel: Polyphem wird zu einem anonymen menschenfressenden Monster herabgesetzt, das aus dem Nichts erscheint und im Nichts der Geschichte verschwindet.

Die vaterlose Gesellschaft

Telemachos, der Sohn des Odysseus, und die späteren Freier wachsen ohne ihre Väter auf, die allesamt in den Krieg gegen Troja zogen. Somit kann die Geschichte der Freier auch als eine zügellose Orientierungslosigkeit der heranwachsenden Männergeneration gelesen werden, die auf ein väterliches Rollenmodell verzichten mussten und sich gegenüber der traditionellen Ordnung auflehnten. In der gegenwärtigen Gesellschaft, in der immer mehr Söhne ohne Väter aufwachsen, ist diese Überlegung ein Warnruf aus der Antike. Spinnt man diese Überlegung in Nolan-Manier weiter, würde nicht die Generation der trojanischen Veteranen den Niedergang der Zivilisation herbeiführen, sondern deren „schwachen“ Söhne, die weder Maß noch Ziel kennen und die Herrschaft an sich reißen wollen.

„Harte Zeiten schaffen starke Männer, starke Männer schaffen gute Zeiten, gute Zeiten schaffen schwache Männer, und schwache Männer schaffen harte Zeiten.“

Helena & Menelaos

In Nolans zeitgeistiger Auffassung kehrte Helena gegen ihren Willen aus Troja zurück und unterwirft sich widerstrebend ihrem Ehemann Menelaos, der im Film widerwärtig unsympathisch dargestellt wird. Nolan geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt Helenas Gesicht durch eine Narbe verunstalten. Die Ursache dieser Verletzung wird nicht erklärt. Scheinbar möchte Nolan zeigen, dass der griechische Menelaos die nubische Helena für ihr Vergehen züchtigte. In seiner modern-geerdeten Weltanschauung kann die Beziehung zwischen den beiden nur toxisch sein.

Nolan: How could it possibly be anything other than the most acidic, awful marriage?

Im Epos ist dergleichen nichts zu lesen. Helena ist glücklich, wieder bei Mann und Tochter zu sein, und macht Aphrodites Einflussnahme für die „Entführung“ verantwortlich. Menelaos verhält sich ihr gegenüber zuvorkommend und wie es sich für einen königlichen Ehegatten ziemt. Was Nolan ignoriert, ist der Umstand, dass Helena im Epos eine Tochter von Zeus ist und somit mit gewöhnlichen Maßstäben nicht zu messen ist. Die Schöngelockte ist es auch, die Telemachos und seinem Begleiter antikes Antidepressivum aus Ägypten verabreicht. Rezeptfrei.

Siehe sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel / Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtnis. / Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet;
Dann benetzet den Tag ihm keine Träne die Wangen, / Wär‘ ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben, / Würde vor ihm sein Bruder, und sein geliebtester Sohn auch
Mit dem Schwerte getötet, daß seine Augen es sähen. / Siehe so heilsam war die künstlichbereitete Würze, / Welche Helenen einst die Gemahlin Thons Polydamna
In Ägyptos geschenkt. / Dort bringt die fruchtbare Erde / Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung; / Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an Erfahrung
Alle Menschen.

Klytämnestra & Agamemnon

Im Epos trifft Odysseus den großen König Agamemnon überraschend in der Unterwelt. Dieser erzählt ihm sein Schicksal, nämlich von seinem Eheweib Klytämnestra und ihrem Geliebten Ägisthos, nach seiner Rückkehr aus Troja bei einem Festbankett hinterrücks ermordet worden zu sein. In der Filmadaption lässt Nolan den Geliebten gleich mal weg und verlegt den Tatort ins Badehaus (diese Version wurde von Aischylos mehr als 300 Jahre nach Homer literarisch verewigt). Als Motiv für Klytämnestra gibt Nolan den Tod ihrer Tochter Iphigenie an, die Agamemnon während der Reise nach Troja den Göttern geopfert haben soll. Diese Opferung ist nicht in Homer zu finden, sondern wurde ebenfalls 300 Jahre später von Aischylos beschrieben; in einer anderen Fassung wird Iphigenie durch göttliche Intervention gerettet. Wir halten fest: Nolans Adaption forciert eine Rachegeschichte der nubischen (Zwillings-)Schwester Helenas an ihren griechischen Ehegatten Agamemnon, die es so bei Homer nicht gibt. Weiters unterlässt Nolan die Tatsache, dass Klytämnestra die trojanische Seherin Kassandra, die Agamemnon als Sklavin nach Hause führte, ebenfalls ermordete.

Nicht wie Tyndareos‘ Tochter (Klytämnestra) verübte sie schändliche Taten, / Welche den Mann der Jugend erschlug, und ein ewiges Schandlied / Unter den Sterblichen ist; denn sie hat auf immer der Weiber / Namen entehrt, wenn eine sich auch des Guten befleißigt!

In Nolans Weltanschauung ist die nubische Aristokratin Klytämnestra frei von Sünde, deshalb muss er ihre blutige Tat rechtfertigen und alle anderen Verwerflichkeiten ignorieren.

Dienerschaft und Sklaverei

Die antike Welt ist ohne Sklaverei nicht denkbar. In einer Epoche, die von tierischer und menschlicher Muskelkraft abhängig war, mussten Wege gefunden werden, um das Leben einigermaßen erträglich zu machen. So mag es in jenen Zeiten keinerlei sittlich-moralische Einwände gegeben haben, sich einer Dienerschaft zwanghaft zu bedienen. Man raubte Ressourcen und war gleichzeitig selbst eine Ressource. Niemals sollte man vergessen, dass die Räuber auch zu Geraubten werden können, dass die Soldaten, die totschlagen, selbst totgeschlagen werden können. In Homers Epos werden die Sklaven zu Dienstmägden oder Hirten. Eumaios, der Sauhirte auf Ithaka, wurde von Odysseus’ Vater von Händlern als kleiner Junge gekauft. Wie wir später erfahren, ist Eumaios adeliger Abstammung und war in die Hände skrupelloser Händler geraten, aber verkauft ist verkauft. Und weil er stets von Odysseus gut behandelt wurde, ist er ihm bei seiner Ankunft zwanzig Jahre später treu ergeben. Die Übersetzerin Emily Wilson wollte auf die Tatsache aufmerksam machen, dass Dienstboten und Hirten allesamt Sklaven und die Dienstmägde allesamt Sklavinnen waren. Nun hat der moderne Mensch eine sehr begrenzte Vorstellung von Sklaverei. Gehen wir in der Zeit zurück, so haben die Germanen nicht anders gehandelt als die antiken Griechen. So wurden die in Kämpfen gefangenen Gegner zu Sklaven, das heißt, man schor ihr langes Haar – nur Freie durften langes Haar tragen – und konnte mit ihnen tun und lassen, was man wollte. Und doch konnte ein Sklave durch Loyalität und Hingebung seine Freiheit zurückerhalten, indem er in die Familie einheiratete. Wir dürfen bei unserer gegenwärtigen Moralvorstellung niemals vergessen, dass man als Einzelner in der Welt der Antike, in der Welt der Germanen usw. keine Überlebenschance hatte. Der Einzelne brauchte eine Familie, einen Clan, eine Gemeinschaft. Verlor er diese, musste er zwangsweise um sein Leben bitten und für seinen Lebensunterhalt betteln. Deshalb war die Verstoßung aus der Gemeinschaft ein Todesurteil auf Raten. Auf der anderen Seite musste jeder abtrünnige Sklave mit allergrößter Härte bestraft werden, da rebellischer Aufruhr die größte Gefahr für die Gemeinschaft bedeutete. Nolan verzichtete in seinem Film auf die Hinrichtung der Dienstmägde, also Sklavinnen im Hause Odysseus, die mit den Freiern die Bettstatt teilten. Nolan im Gespräch: „the end of the poem is so grim and so misogynistic, I had to exclude some of that material“. Im Epos wird die Todesstrafe von Telemachos ausgeführt, der nach all den brutalen Wirrnissen endlich zum Mann gereift ist. Als zukünftiger König hatte er die Ordnung wiederherzustellen.

Und der verständige Jüngling Telemachos sprach zu den Hirten: / Wahrlich den reinen Tod des Schwertes sollen die Weiber / Mir nicht sterben, die mich und meine Mutter so lange / Schmäheten, und mit den Freiern so schändliche Greuel verübten!

Nolan ignorierte das Thema der Sklavenhaltung vollständig. Der Kinogänger von heute hätte sich daran gestoßen, zu erfahren, dass Odysseus und Penelope (aber auch Helena und Klytämnestra!) Sklavenhalter und Sklavenhalterin sind. Vor allem in den USA wäre diese Information nicht gerade wohlwollend vom Publikum aufgenommen worden.

Hades

Odysseus segelt zum Hades, bringt Opfergaben dar und spricht mit den toten Seelen. In Nolans Adaption ist es Elliot Pages fiktiver Charakter Sinon, der Odysseus die Leviten liest, habe er ihn vor Troja belogen und betrogen. Darüber steht freilich nichts in Homer. Vielmehr erscheint im Epos der tote Held Achilles, der Odysseus sein Leid klagt und all seinen Ruhm eintauschen würde für das Leben eines gewöhnlichen Bauern. Lieber ein gewöhnliches, aber lebendiges Dasein führen als König der Unterwelt zu sein, seufzt er und sehnt sich nach Unsterblichkeit.

Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus. / Lieber möcht‘ ich fürwahr dem unbegüterten Meier, / Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun, / Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen.

Homer greift eine antike Weltanschauung in wenigen Zeilen an: nämlich für Ruhm und Glorie im Kampf sein kostbares Leben zu geben. Nolan verzichtet auf diese antike Kritik. Warum? Auch verabsäumt er, die Begegnung mit Odysseus‘ Mutter in Szene zu setzen. Wäre es nicht herzzerreißend gewesen, wenn man sähe, wie Odysseus wehmütig nach seiner toten Mutter greift, nur um zu bemerken, dass sie nicht fassbar, nur Geist ist? Sie erzählt ihm, dass sie vor Gram ins Grab stieg. Und sein Vater? Kein Tag vergeht, an dem dieser nicht an seinen Sohn Odysseus schmerzlich denkt. Nolan verwehrt Odysseus den Status eines Sohnes, der sich Sorgen um seine Eltern macht.

Eine gefährliche zweite Lesart

Jeder Filmemacher, der Homers Epos auf eine postmoderne Abenteuer- und Rachegeschichte reduziert, läuft Gefahr, eine zweite Lesart heraufzubeschwören, die im aufgeheizten politischen Spektrum Öl ins Feuer gießt. Hat Nolan in seiner Hybris die Götter des Olymp herausgefordert, die ihm nun zürnen? Sehen Sie, Nolans Odysseus, dieser vom Krieg traumatisierte Veteran, kehrt nach Jahren in sein Heimatland zurück und sieht es in völliger Unordnung. Ungeladene Gäste, Eindringlinge, schmarotzen sich durch sein über viele Generationen angehäuftes Vermögen, bedrohen die Familie und gebärden sich ungebührend, verletzen dabei Tradition und Kultur. Wie stellt Odysseus die Ordnung in seines Vaters Land wieder her? Mit roher Gewalt! Er löscht die Eindringlinge und ihre loyalen Handlanger, so sie sich nicht unterwerfen, vollkommen aus. Ich überlasse nun dem Leser die Interpretation dieser Lesart und höre die Götter des Olymp, wie sie sich köstlich darüber amüsieren, wenn den Einsichtigen das Gesicht blass vor Schreck wird.

Was bleibt von Nolans Film Die Odyssee?

Christopher Nolan nahm sich des antiken Stoffes an, um eine gegenwärtige politisch-gesellschaftliche Aussage zu treffen. Gleichzeitig holte er sich durch die kontroverse Besetzung von Helena/Klytämnestra mit Lupita Nyong’o und Sinon mit Elliot Page sowie Rapper Travis Scott als Barde in linksliberal-progressiven Kreisen die nötige mediale Rückendeckung. Die dadurch ausgelösten (und befeuerten) Online-Kontroversen verschafften dem Film lange vor Kinostart eine maximale Aufmerksamkeit. Überhaupt wurde alles unternommen, um das antike Epos für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Schließlich müssen die enormen Kosten wieder eingespielt werden. Die dreistündige Kinofassung (gut möglich, dass wir noch einen Director’s Cut sehen werden) ist ein postmoderner Sandalenfilm, der an der Oberfläche bleibt und ganz bewusst mit Äußerlichkeiten ablenken möchte. Für den Kinogänger, der Homers Epos nicht kennt bzw. sich damit gar nicht erst auseinandersetzen möchte, ist Nolans filmische Umsetzung ein großes Abenteuer- und Action-Spektakel mit dunklen Untertönen. Wir können davon ausgehen, dass der Film mit Oscars überhäuft werden wird, vor allem dann, wenn er alle Rekorde an der Kinokasse sprengt. Die Banalität der filmischen Umsetzung, die keinen kreativen Geist erkennen lässt, wieg schwer. Die Musen, so viel steht für mich fest, haben nicht den kleinsten Finger für Christopher Nolan gerührt.

Odysseus herzliche Verneigung vor der jungen und schönen „lilienarmigen Jungfrau“ Prinzessin Nausikaa im sechsten Gesang ist in Nolans Adaption natürlich nicht zu finden:

Mögen die Götter dir schenken, so viel dein Herz nur begehret, / Einen Mann und ein Haus, und euch mit seliger Eintracht / Segnen! Denn nichts ist besser und wünschenswerter auf Erden, / Als wenn Mann und Weib, in herzlicher Liebe vereinigt, Ruhig ihr Haus verwalten: den Feinden ein kränkender Anblick, / Aber Wonne den Freunden.

Wahrlich, was hätte ein optimistischer und verständnisvoller Filmemacher aus der Odyssee nicht alles machen können? Er hätte uns eine antike Welt voller Brutalität und Widersprüche vor Augen geführt, in der die ewige Sehnsucht des Menschengeschlechts nach Nostos wie eine einzigartige Blüte erwächst.

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