Nach 40 Tagen und 104 Bewerbsspielen endet die Fußballweltmeisterschaft 2026 in Amerika, Mexiko und Kanada. Durch die Zeitverschiebung wurden viele Spiele spät in der Nacht oder früh am Morgen ausgestrahlt. Das ging wahrlich an die Substanz, und so gerne ich alle Begegnungen live sehen hätte wollen, ließ die Müdigkeit es oftmals nicht zu. Das ist vielleicht der größte Wermutstropfen dieser WM, gelindert durch die technischen Möglichkeiten, die Matches im Nachhinein zur Gänze anzuschauen. Aber da ist der Zauber des Gegenwärtigen längst verflogen. Die Spannung ergibt sich aus dem gelebten Moment. Alles ist möglich, das Schicksal und der Ausgang sind noch nicht in Stein gemeißelt. So ist das. Die einzelnen Spielberichte gibt es unter dieser Kategorie WM 2026 oder hier abzurufen:
Blog: alle Spielberichte für SPIELTAG #1
Blog: alle Spielberichte für SPIELTAG #2
Blog: alle Spielberichte für SPIELTAG #3
Blog: alle Spielberichte für das Sechzehntelfinale
Blog: alle Spielberichte für das Achtelfinale
Blog: alle Spielberichte Viertelfinale bis Finale
Diese WM zählt mit Sicherheit zu den besten seit langer, langer Zeit. Es gab die unglaublichsten Spiele, die größten Überraschungen und mit Spanien den würdigsten Sieger. Einzig das Finale war ein Reinfall der allerschlimmsten Sorte, freilich gemildert durch das torreiche Spektakel um Platz 3 vom Vortag.
EM mit auswärtiger Beteiligung?
Bevor ich mich in Details verliere, was nehme ich von dieser WM mit? Durch den neuen Modus mit 48 Mannschaften gab es mehr Exotik. Und darum sollte es gehen. Dass sich in den Finalrunden wieder einmal die Europäer ein Stelldichein gaben, war wohl zu erwarten. Einzig der amtierende Weltmeister Argentinien war bemüht, sich bis zum Finale zur Wehr zu setzen. In den nächsten Jahren ist es schwer vorstellbar, dass die Weltmeisterschaft nicht von europäischen Teams dominiert wird, wenn man davon ausgeht, dass Italien oder Dänemark wieder erstarken und aufstrebende Teams wie Norwegen oder Türkei selbstbewusster auftreten werden. Zwar können nicht-europäische Mannschaften für die eine oder andere Sensation sorgen – aber im Großen bleiben sie klein. Außenseiter Kongo führte lange gegen England, Ägypten hielt bis zur 80. Minute einen Zweitore-Vorsprung gegen Argentinien, Senegal implodierte gegen Belgien in den letzten Spielminuten und Sensationsteam Kap Verde zwang Messi & Co in die Verlängerung. Die größte Überraschung natürlich das vorzeitige Ausscheiden im Sechzehntelfinale von Deutschland durch Paraguay – aber das Team von Nagelsmann war klar besser. Marokko hat sich in den letzten beiden Turnieren (neben Argentinien) zu einem der größten Herausforderer der Europäer gemacht, aber gegen Frankreich überwog bereits ein viel zu großer Respekt. Die USA? Ich war von der spielfreudigen Begeisterung und unglaublichen Intensität der Amerikaner im ersten Gruppenspiel angetan und glaubte an weitere Erfolge. Aber im Achtelfinale gegen Belgien setzte es eine ernüchternde und für mich unverständliche Schlappe. Was mag diese enttäuschende Weltmeisterschaft für die Entwicklung bedeuten? Kolumbien? Es präsentierte sich spielfreudig, aber die Durchschlagskraft vor dem Tor fehlte. Ägypten? Ist mehr Eintagsfliege als zukünftiger Herausforderer. Bleibt Brasilien, das in der Gruppenphase dank Superstar Vinicius Jr. gut gestartet ist, aber es zeigte sich bald, dass die Südamerikaner an wichtigen Positionen unterbesetzt waren und die Nerven ungewohnt flatterten. Wird Trainer Ancelotti, der zu kurz im Amt war, um Großes zu ändern, in den nächsten Jahren eine schlagkräftige Truppe formen? Und Argentinien? Wird die Mannschaft von Trainer Scaloni ohne ihren Superstar Messi in den nächsten Jahren bestehen können? Oder fällt die Mannschaft wie die ihres Rivalen Brasilien in die Bedeutungslosigkeit? Was dann? Wird die Weltmeisterschaft tatsächlich nur noch eine Europameisterschaft mit auswärtiger Beteiligung?
What Podcasts?
Während der WM habe ich mir angewohnt, englischsprachige Podcasts zu hören, um meinen Horizont zu erweitern. Sehr zu empfehlen ist Tim Vickery, BBC-Korrespondent in Brasilien, der Einblicke in den südamerikanischen Fußball gibt. Amüsant ist der Podcast von The Guardian Football Weekly, wenn sich der Engländer Max Rushden einen Schlagabtausch mit dem Iren Barry Glendenning lieferte. Sie können davon ausgehen, dass ein Ire keine Lust auf Erfolge der englischen Nationalmannschaft hat und ein Engländer immer die größte Hoffnung hegt. Professionell ist Totally Football vom The Athletic und deren spaßiger Ableger Tifo. Zuguterletzt die YouTuber NickRTFM Extra, ein junger Amerikaner, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt („Nagelsmann is a fraud“), und Football Iconic, der exzellente Beiträge erstellt (und sich in Wien niedergelassen hat).
Emotion, Intensität & viel Unterhaltung
Die emotionalste Szene war mit Abstand der Torjubel von Sidny Lopes Cabral, dessen Wundertor Kap Verde den Ausgleich gegen Favorit Argentinien verschaffte. Cabral lief freudig erregt in den Zuschauerbereich und hielt Ausschau nach der Frau seines Lebens. Gottlob kam sie noch rechtzeitig, um ihn zu umarmen. Ja, auch das ist Fußball.
Natürlich standen Cristiano Ronaldo die Tränen in den Augen. Im Achtelfinale hat Portugal gegen Spanien verloren, somit war das Ende seiner Dienstzeit im portugiesischen Team gekommen. Wobei, trotz seines fortgeschrittenen Alters von 41 Jahren, kann man nie sicher sein, ob er nicht doch noch zwei Jahre dranhängt, um für die Europameisterschaft verfügbar zu sein. Trainer Martinez, von dem ich wenig halte, wurde nach dem Aus mit Trainer Jorge Jesus ersetzt. Die Edelkicker von der iberischen Halbinsel, zuletzt immerzu im Schatten von Spanien stehend, werden sich neu erfinden müssen, um endlich aus dem Schlendrian zu kommen. Ich drück die Daumen. Das Spielermaterial hätten sie.
Die goldene Generation der Kroaten nahm Abschied. Recht spektakulär schied man im Sechzehntelfinale gegen Portugal aus. Das Drama der zweiten Halbzeit kaum zu überbieten. Am Ende entschied die neue Chiptechnologie im Fußball gegen Kroatien. Recht schade, weil ich Modric, Kramaric, Kovacic und Perisic eine längere Abschiedstour vergönnt hätte, spielten sie beinahe wie in alten Zeiten herrlichen Kombinationsfußball. Vergessen der unwürdige Sieg gegen Neymars Brasilien im Viertelfinale der vorigen Weltmeisterschaft. Habe ich erzählt, dass ich seinerzeit die Kroaten im Achtelfinale gegen Dänemark live im Stadion von Nischny Nowgorod gesehen habe. Das war die Weltmeisterschaft 2018, der Höhepunkt der goldenen Generation rund um Modric & Co, die sich im Finale nur starken Franzosen geschlagen geben mussten. Sag zum Abschied leise Servus.
Vorzeitig Abschied musste auch überraschend die Türkei nehmen. Großspurig traten sie an, kleinmütig reisten sie ab. Im ersten Gruppenspiel gegen Australien wurden sie kalt erwischt. Der Führungstreffer der Australier durch Irankunda, vielleicht das schönste Tor aus einem Konter. Muss man gesehen haben, wie tollpatschig sich die türkische Hintermannschaft dabei anstellte. Ich gestehe, ich habe mich gefreut. Und gelacht. Im zweiten Gruppenspiel gegen verbissen kämpfende Paraguayer ging es für die Türken um alles oder nichts. Da gingen die Wogen ordentlich hoch. Damals wusste man noch nicht, dass später auch noch die Deutschen dem südamerikanischen Bollwerk zum Opfer fallen sollten. Ja, Hochmut kommt vor dem Fall.
Die Niederlage von Senegal gegen Belgien im Sechzehntelfinale war herzzerreißend. Weil die Afrikaner praktisch über 85 Minuten das spielfreudigere Team waren. Aber drei Blackouts in der Verteidigung besiegelten das Ausscheiden. Senegal, das am grünen Tisch vorläufig den Titel Afrikameister verloren hatte, musste sich ein weiteres Mal als das bessere Team geschlagen geben. Tragisch.
Natürlich darf das Wunder von Kansas City nicht fehlen. Als die Österreicher im dritten Gruppenspiel gegen die Algerier in der Nachspielzeit das 2:3 hinnehmen mussten, wären sie ausgeschieden. Ich sehe mich vor dem Schirm sitzen, am frühen Morgen, und fasste es nicht. Wirklich? Wir sollten zur Lachnummer dieser WM werden? Aber keine zwei Minuten später köpft der eingewechselte Sasa Kalajdzic doch noch den herbeigesehnten Ausgleich, der den Aufstieg fixierte. Die beiden Tore in der Nachspielzeit schreiben WM-Geschichte. Spektakulärer und dramatischer geht es praktisch nicht mehr.
Das „Eröffnungsspiel“ der US-Boys gegen Paraguay ein stimmungsvoller Kracher. Die Amerikaner spielten die Südamerikaner an die Wand. Damals dachte man, Paraguay sei eine Schießbudentruppe. Weit gefehlt. Paraguay gedachte, die hochnäsigen Amerikaner mit direktem Offensivspiel niederzuringen, und wurde ihrerseits durch direkteres Offensivspiel überrollt. Da sich die beiden Mannschaften öfters begegnen und das letzte Aufeinandertreffen in eine Härteschlacht ausartete, war die Stimmung gereizt. Wow. Die erste Halbzeit erzeugt noch jetzt Gänsehaut, weil das ganze Stadion nach drei Toren völlig aus dem Häuschen war. Crazy. Im Gegensatz dazu war das Achtelfinale gegen Belgien eine einzige blamable Leistung. Unverzeihlich der Umstand, als Politiker dafür sorgten, dass die FIFA die rote Karte für Balogun aus dem letzten Spiel aussetzen ließ. Es zeigt augenscheinlich, wie wenig Fingerspitzengefühl die Schlipsträger haben.
Für die Spieler aus dem Iran gab es eine kalte Dusche im letzten Gruppenspiel gegen Ägypten, als ihr Siegestreffer nach langem VAR-Studium aberkannt wurde. Die übliche Millimeterentscheidung, für die wir den VAR so hassen. Noch jetzt sehe ich diesen überschäumenden Jubel der iranischen Fans. Aber noch hatte das Nationalteam die Chance auf den Aufstieg. Für zwei Minuten tanzten sie vor Freude, glaubten, es geschafft zu haben. Weil die Algerier, recht unfein, uns Österreichern doch noch an den Rand einer Niederlage brachten. Hätten wir verloren, hätten die Iraner unseren Platz im Sechzehntelfinale eingenommen. Der Ausgleich, der einem Lottotreffer gleichkommt, musste die Herzen der iranischen Spieler und Fans zertreten haben. Ich fühle noch jetzt mit ihnen. Ja, Fußball kann sehr grausam sein.
Im Achtelfinale trifft Außenseiter Ägypten auf Favorit Argentinien, aber 80 Minuten lang sind die Rollen vertauscht. Die Afrikaner führen mit zwei Toren. Man ahnt bereits die große Sensation, wäre da nicht dieser Wunderüberdrüberkicker Lionel The GOAT Messi, der innerhalb weniger Minuten seinen Anteil beim Anschluss- und Ausgleichstreffer hatte. Verlängerung? Nope. Ägypten wird ausgekontert. Unfassbar. Noch jetzt tue ich mir schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Ich will nicht wissen, welch Agonie nach dem Schlusspfiff im Lande der Pharaonen eingezogen sein muss. Ja, des einen Leid, des anderen Freud.
Die intensivsten Spiele lieferte Uruguay ab. Der Schlagabtausch gegen Kap Verde war free flowing football, wie man diesen nur noch selten sieht. Die Brechstange der Urus gegen angezählte Saudi-Arabier war vor dem TV-Schirm zu spüren. Und die Bissigkeit, die sie gegen den haushohen Favoriten Spanien am Rasen zeigten, schier überwältigend. Natürlich musste einer der Urus schlussendlich mit Rot vom Platz. Das gehört dazu. Leider reichte es nicht für den Aufstieg. Liebend gerne hätte ich die Südamerikaner im Sechzehntelfinale gesehen – wäre es nach Plan gegangen, wären sie dort auf Argentinien gestoßen. Was wäre das nur für ein Match gewesen? Der Rekord an gelben und roten Karten wäre sicherlich gefallen.
Die Stimmung im Stadion von Mexiko City muss atemberaubend sein. Ein Hexenkessel, wie es ihn heutzutage nur noch selten gibt. Der Klassiker gegen England im Achtelfinale ein intensives Match von der ersten Minute an, mit allen Höhen und Tiefen vor allem für das mexikanische Publikum. Der Alles-oder-nichts-Sturmlauf Mexikos eine halbe Stunde vor dem Abpfiff, das letzte Aufbäumen Englands – mit einem Mann weniger auf dem Feld – in Manier von The Alamo, all das spürte man förmlich im Magen.
Das kleine Finale um Platz 3 zwischen England und Frankreich war nicht sonderlich intensiv, dafür aber umso unterhaltsamer. Vier Tore kassierten die Franzosen in der ersten Halbzeit. Ich genierte mich für die Truppe von Deschamps, die scheinbar keine Lust hatte, Fußball zu spielen. Aber in der zweiten Halbzeit ging es Schlag auf Schlag. Die Franzosen spielten die Engländer schwindlig und kamen auf 3:4 heran. Huh. Ich sah es vor mir, den Ausgleich, die Verlängerung, das Drama. Mitnichten. Weil ausgerechnet Wunderknabe Olisé (er sollte am Ende die meisten Torvorlagen im Turnier haben, aber kein einziges Tor schießen) den Ball nicht über die Linie brachte. Enttäuschend. Wäre der Ausgleich gefallen, hätte Frankreich am Ende den Sieg errungen, über dieses Match hätte man noch in hundert Jahren gesprochen – und Trainer Thomas Tuchel wäre vermutlich mit nassen Fetzen aus London verjagt worden.
Das Finale selbst gehörte zum klassischen Grottenkick. Spanien spielte Fußball, während die Argentinier nur bedacht waren, das Spiel zu zerstören und auf ein Messi-Wunder zu hoffen. Blamabel. Wirklich schade, dass diese Weltmeisterschaft, die so viel Dramatik und Intensität zeigte, mit solch einem Finale endete. Hätte ich gewusst, dass der amtierende Weltmeister sich dermaßen verkriechen würde, hätte ich im Halbfinale den Engländern die Daumen gehalten, obwohl ich mit der Truppe einfach nicht warm werde. Keine Ahnung, warum.
Französischer Ausnahmespieler Kylian Mbappé ließ alle Rekorde bei dieser WM purzeln. Er wurde mit 10 Goals Torschützenkönig dieses Turniers, überholte in der ewigen WM-Torschützenliste Miroslav Klose (16 Tore) und hält vorläufig bei 22 Goals. In vier Jahren wird er mit 31 Jahren sicherlich erneut anschreiben. Lionel Messi folgt übrigens mit 21 Goals knapp dahinter. Später einmal wird man unsere Generation beneiden, die solch Ausnahmespieler erleben durfte. Cristiano Ronaldo kommt übrigens auf 11 Goals. Das spanische Supertalent des FC Barcelona Lamine Yamal holte sich mit 19 Jahren nach dem Europameistertitel vor zwei Jahren nun auch den Weltmeistertitel. Wegen einer Verletzung, die er sich vor dem Turnier zuzog, konnte er seine überragende spielerische Qualität nicht auf den Rasen bringen. Trotzdem war der Respekt der Gegner so groß, dass diese oftmals eine doppelte Absicherung erwogen. So gesehen verschaffte Yamal seinen Mitspielern den so wichtigen freien Raum, ohne groß in Erscheinung treten zu müssen. Michael Olisé, der technisch versierte Einfädler der französischen Offensive, harmonierte hervorragend mit Real-Madrid-Star Kylian Mbappé. Wird der spanische Superklub unter dem neuen Trainer Mourinho am Transfermarkt tätig und Olisé von seinem momentanen Brötchengeber FC Bayern München abwerben? Der Marktwert beläuft sich übrigens auf astronomische 170 Millionen Euro.
Schießt am Ende Geld vielleicht doch viele Tore? Je nachdem. Vergleichen wir die Marktwerte aller Spieler der beiden Mannschaften Spanien und Kap Verde, so erhalten wir folgende Summen: 565 Millionen Euro zu 8 Millionen Euro. Das Match endete, wie jeder weiß, 0:0. Nehmen wir Deutschland (453 Millionen), die sich Paraguay (69 Millionen) geschlagen geben mussten. Oder Ägypten, die Argentinien beinahe aus dem Turnier warfen: 440 Millionen Euro zu 46 Millionen Euro (zieht man Starspieler Mo Salah ab, verbleiben keine 12 Millionen Marktwert für die gesamte ägyptische Elf am Platz).
Gedanken über die Mannschaften
Spanien ist ein würdiger Weltmeister, da gibt es nichts zu rütteln. Die Mannschaft hat die beiden Mitfavoriten um den Titel – Frankreich und Argentinien – im Schongang an die Wand gespielt. Im ganzen Turnier kassierte die Furia Roja gerade einmal ein Tor und ließ sage und schreibe nur 9 Torabschlüsse zu. Die Auszeichnung für den jüngsten Spieler des Turniers ging an den Teenager Pau Cubarsí, einem Innenverteidiger in den Diensten Barcelonas. Die Auszeichnung für den Spieler des Turniers erhielt der routinierte defensive Mittelfeldmann Rodri.
Dass Österreich im Sechzehntelfinale vom späteren Weltmeister mit 3:0 geschlagen wurde, zeigt den spielerischen Unterschied klar auf. Da gab es für unsere Spieler nichts zu holen. Dabei startete Spanien nicht gerade weltmeisterlich. Was musste Trainer Luis de la Fuente und seine Jungs nicht für Häme einstecken, weil sie im ersten Gruppenspiel gegen den krassen Außenseiter Kap Verde nicht über ein torloses Remis hinauskamen. Wer konnte ahnen, dass die Afrikaner die größte Überraschung des Turniers sein würden, stellten sie später auch Argentinien vor große Probleme. Die Insulaner haben es tatsächlich geschafft, gegen die beiden Finalisten in 90 Minuten unbesiegt geblieben zu sein. Respekt.
Argentinien und vor allem der 39-jährige Lionel, The GOAT, Messi, hat für dramatische Spiele gesorgt und verdient sich den Titel „Stehaufmännchen des Turniers“. So waren die amtierenden Weltmeister von 2022 oftmals nur wenige Minuten davon entfernt, vorzeitig die Koffer packen zu müssen. Vor allem das Match gegen Ägypten hinterließ einen schalen Beigeschmack, sieht man sich die Schiedsrichterentscheidungen an, die in spielentscheidenden Situationen einseitig ausfielen.
Die Engländer schafften es mit Hängen und Würgen bis ins Halbfinale, wo ausgerechnet der vielgepriesene Trainer Tuchel mit fragwürdigen Auswechselungen den Sieg verschenkte. Hätten die Three Lions im kleinen Finale auch noch ihre Halbzeitführung von 4:0 gegen lustlose Franzosen aus der Hand gegeben, und da fehlte nicht viel, wer weiß, ob Tuchel überhaupt noch in England erwünscht gewesen wäre. Liegt es am Trainer? Oder ist es eine von Generation zu Generation weitervererbte Psychose, die englische Spieler mit starrer Angst erfüllt, falls sie dem Sieg nahe sind? Unverständlich. Und auch wieder nicht, wenn man den exorbitanten Marktwert der Spieler betrachtet und den medialen Druck, der auf jeden Einzelnen von ihnen lastet.
Im Gegensatz dazu zeigte die Équipe Tricolore unter ihrem ehrwürdigen Trainer Deschamps, dass Fußballspielen Spaß machen kann – freilich nur so lange, so lange der Gegner einem Raum und Gelegenheit gibt. Die Spanier entzogen den französischen Offensivkünstlern kurzerhand die Luft zum Atmen, indem sie das Mittelfeld dominierten und das Spiel kontrollierten. Ach, was haben wir für Lobgesänge auf Mbappé und Olisé gesungen. Endlich französischer Offensivfußball, klatschten wir in die Hände. Aber Deschamps hatte am Ende doch recht, als er seinerzeit die besten Offensivkräfte auf Sparflamme hielt und sein Augenmerk auf die Defensive richtete, weil: Ein Turnier gewinnt man, indem man keine Tore bekommt. Schlag nach bei Spanien.
Die Brasilianer unter Coach Ancelotti haderten mit Ausfällen, die sie nicht kompensieren konnten. Vinicius Jr. ließ seine Weltklasse immer wieder aufblitzen, aber im Gegensatz zu Lionel Messi konnte er als One-Man-Show den Karren nicht aus dem Dreck ziehen. Gescheitert ist Brasilien an ihrem mangelnden Selbstbewusstsein. Allerhand, wenn man ihre großartige Fußballhistorie betrachtet, aber seit ihrem letzten Titelgewinn 2002 gab es auf der WM-Bühne praktisch nur Enttäuschungen. Hätte Bruno Guimarães den Elfmeter im Sechzehntelfinale gegen Norwegen verwertet, wäre Neymar nicht dauerverletzt, hätten sich die Brasilianer womöglich durchgesetzt. Aber so ist Fußball. Jede Schwäche holt einen früher oder später ein. So gerne hätte man England gegen Brasilien gesehen. Es wurde uns verwehrt. Genauso verwehrt wurde uns das südamerikanische Derby Argentinien gegen Kolumbien. Ja, da wären die gelben Karten nur so hin- und hergeflogen und wir hätten zwei Mannschaften gesehen, die kein Pardon gegeben hätten. Stattdessen musste sich Kolumbien gegen biedere Schweizer im Elfmeterschießen geschlagen geben. Wirklich traurig.
Von der mentalen Einstellung her gefiel mir Uruguay am besten. Sie zeigten den intensivsten Fußball des ganzen Turniers. Aber die ins Alter gekommene Torhüterlegende Muslera verbockte das Weiterkommen durch schlimme Fehler und die Beziehung zwischen Starspieler Valverde und Trainer Bielsa war zerüttet. Was wenig Beachtung erfährt, ist der Umstand, dass sie Spanien im Gruppenspiel arg bedrängten und aufzeigten, wie man gegen das beste Mittelfeld zu spielen hat: chaotisch, das heißt eng am Mann stehend, hart dagegenhalten und pausenloses Pressing. Das Gruppenspiel gegen Kap Verde war für mich das beste Spiel des Turniers, weil zwei Mannschaften mit dem Messer zwischen den Zähnen das Tor suchten. Herrlich spektakulär.
Das dramatischste Spiel wiederum fand in der Gruppenphase statt. Türkei, die zumindest einen Punkt benötigte, rannte sich gegen die Abwehrreihen Paraguays blutig. Die Südamerikaner, obwohl lange Zeit mit einem Mann weniger, verteidigten alles weg und zogen den Türken den letzten Nerv. Die Niederlage besiegelte das Ausscheiden in der Gruppenphase und damit die größte Überraschung des Turniers. Überrascht war auch Deutschland, die die Gruppenphase unbehelligt auf Platz 1 überstand (die Niederlage gegen Ecuador wurde als Ausrutscher gesehen) und sich daran machte, Außenseiter Paraguay im Sechzehntelfinale eine Lektion zu erteilen. Aber für Trainer Nagelsmann kam es knüppeldick, weil sich die Spieler beim Elfmeterschießen ängstlich verkrochen. So nahm Jonathan Tah die Herausforderung an und drosch den Ball übers Tor. Das vorzeitige Ausscheiden gegen die Nummer 41 der FIFA-Weltrangliste kostete Nagelsmann den Job. Jürgen Klopp soll für ihn übernehmen. Wird die deutsche Nationalelf mit ihm wie Phönix aus der Asche steigen? Klopp ist vielleicht die letzte Chance, Deutschland aus dem Sumpf zu ziehen und zu alten Tugenden zurückzubringen. Ich persönlich fand Nagelsmann zu abgehoben und wenig sympathisch. Zwar erkannte ich (spät, aber doch), was er mit Wirtz & Co vorhatte, aber das Verletzungspech (Sané, Karl) machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Nagelsmann hatte verabsäumt, alternative Spielsysteme zu entwickeln. Die Rechnung wurde ihm bei der Weltmeisterschaft präsentiert.
Während es in der Gruppenphase herausragende Spiele gab, ließ die Qualität in den Finalrunden überraschend nach. Weil für so viele Underdogs die Sterne zum Greifen nah waren, überwog die Vorsicht. Als Paraguay auf Frankreich traf, war klar, wie das Match ablaufen würde: die Südamerikaner rührten Beton an, versuchten, die Franzosen zu entnerven und hofften auf ein Wunder. Einen Schuss aufs Tor gaben sie nicht ab. Man muss freilich die Abwehrleistung von Paraguay loben, war es nur ein Elfmeter, der die Niederlage besiegelte. Der neutrale Zuschauer wurde mit südamerikanischem „shithousery“ bekannt gemacht. Argentinien, wir sollten es nicht vergessen, zeigte neben einem exzellenten Kombinationsspiel eine wahre Meisterleistung in Sachen „shithousery“, ermöglicht durch Referees, die von den vielen Gehässigkeiten und subtilen Fouls überfordert waren. Vielleicht schauten sie auch absichtlich weg – wie beim rotverdächtigen Foul von Lionel Messi im ersten Gruppenspiel gegen Algerien.
Wie es geschehen konnte, dass Senegal Minuten vor dem Ende beim Stand von 2:0 gegen blass wirkende Belgier das Spiel doch noch aus der Hand geben sollte, ist eines der afrikanischen Fußballtragödien bei dieser WM. Man hat oft das Gefühl, dass afrikanische Spieler dann und wann die Lust verlieren und nicht bereit sind, sich gegen das Schicksal aufzubäumen – im Gegensatz zu Mannschaften aus Europa und Südamerika. Vielleicht liegt es in der DNA des afrikanischen Fußballs, das hervorragende Spieler hervorbringt, die technisch versiert und körperlich stark sind, aber im Kopf ungezähmten Fußball spielen wollen. Analog den Brasilianern aus vergangenen Tagen, die einen schönen, keinen effektiven Fußball spielen wollten. Das ist die Crux des modernen Fußballs, in dem es vorrangig um das Endresultat geht – da spielt es keine Rolle, wie es zustande kommt. Schön anzuschauen ist das oftmals nicht, aber der Zweck heiligt die Mittel.
Durch den neuen Modus von 48 Mannschaften blieben auch die acht besten Drittplatzierten im Rennen. Somit war bereits von Anfang an klar, dass die Auslosung für die Sechzehntelfinalspiele mehr Einfluss auf den Ausgang des Turniers haben würde als in den letzten Weltmeisterschaften mit 36 Mannschaften, wo es gleich ins Achtelfinale ging. So trafen die Niederlande auf Marokko, Brasilien auf Japan, Portugal auf Kroatien, während es beispielsweise leichtere Lose gab: Frankreich traf auf Schweden, Spanien auf Österreich oder die USA auf Bosnien-Herzegowina. Ausgewogen war das natürlich nicht. Andererseits, wer Weltmeister werden will, muss sowieso jede Mannschaft schlagen, die Frage ist deshalb, wie viel Energie hat jeder Spieler für das Weiterkommen auszugeben. Ein Turnier dauert lange und je ausgeruhter die Spieler in Kopf und Beinen sind, desto höher die Chance auf einen Turniersieg. Man hätte demnach annehmen können, dass es zu mehr Stehfußballpartien kommen würde. Gottlob blieb das die Ausnahme, etwa das langatmige Nichtspiel zwischen Paraguay : Australien; weil beiden Mannschaften ein Unentschieden im letzten Gruppenspiel für den Aufstieg in die Finalrunde reichte, wurde der Ball praktisch nur belanglos hin- und hergeschoben. Unansehnlich. Natürlich hab ich mir das Match gar nicht erst angesehen, wohl wissend, wie es ablaufen würde. Das leichteste Gruppenlos erwischte ausgerechnet die biedere Schweiz mit Kanada (Topf 1 weil Mitveranstalter), Bosnien-Herzegowina und Katar. Dass die Eidgenossen ausgerechnet gegen Katar über ein Unentschieden nicht hinauskamen, war ein peinlicher Weckruf. Überhaupt hätte die Schweiz die größte Überraschung des Turniers werden können, hätte sich nicht ihr Jungtalent Manzambi (er wechselt nach der WM von Freiburg zu Aston Villa!) verletzt und Stürmer Embolo eine unnötige gelb-rote Karte im Achtelfinalspiel gegen Argentinien abgeholt. Ich gesteh’s, die Daumen habe ich unseren Nachbarn nicht gehalten, aber die Auftritte von Edeltechniker Manzambi haben mir gefallen; und den routinierten Haudegen Xhaka muss man einfach mögen.
Ich denke, die Weltmeisterschaft 2026 war ein Erfolg auf ganzer Linie. Es würde mich nicht wundern, wenn man alsbald daran gehen wird, einen Plan auszuarbeiten, der ein Turnier mit 64 Mannschaften vorsieht. Ich hätte nichts dagegen. Schließlich geht es darum, in die Ferne zu schweifen und exotische Fußballkulturen kennen- und vielleicht lieben zu lernen. So ist es diese Unbekümmertheit, diese Respektlosigkeit gegenüber den haushohe Favoriten, die mich so sehr erfreut. Der Fußball in den großen Ligen Europas ist längst zu einem ergebnisorientierten Ordnungssystem herabgesunken. Die Spieler haben sich einem System zu unterwerfen. Gottlob setzt langsam ein Umdenken ein. Nun sucht man händeringend nach den Zauberkünstlern, die mit genialen Finten, schnellem Antritt und tödlichem Abschluss jede Abwehrreihe zerlegen können.
Die Weltmeisterschaft ist zu Ende. Die Transferzeit beginnt. Und der Klubfußball steht vor der Tür. Übrigens hat Trainer Oliver Glasner Nottingham Forest übernommen. Grund genug, seiner Truppe in der Premier League zu folgen. Er wird es nicht leicht haben.
Willkommen in der neuen Saison 2026/27.

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