Alle Spiele des 2. Spieltags der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko.
Der Aspekt meiner Berichterstattung liegt dabei auf der Unterhaltung des Spiels. Fällt man als neutraler Zuschauer müde von der Couch, ist es mir wurscht, wer gewinnt oder verliert. Packend und emotional soll ein weltmeisterschaftliches Match sein. Zugegeben, weil gar so viel auf dem Spiel steht, die Angst in den Köpfen deshalb oft dominiert, will ich nicht über die Spieler schlecht urteilen oder den Stab über sie brechen. Trotzdem, ich will Dramatik spüren.
Link zum Beitrag über alle Spiel des 1. Spieltags.
Der 1. Spieltag mit seinen 24 Begegnungen war eine erste Standortbestimmung. Der Spielmodus für 48 Mannschaften bedeutet, dass auch die acht besten Gruppendritten aufsteigen können. Somit ist ein weiteres verlorenes Gruppenspiel theoretisch noch nicht das endgültige Aus. Mit einem klaren Sieg im dritten und letzten Gruppenspiel könnte der Aufstieg vielleicht doch noch geschafft werden. Für Dramatik ist jedenfalls am 2. Spieltag gesorgt. Yeah.
Die herausragenden Matches des 2. Spieltags
Dramatisch: Türkei : Paraguay 0:1 Für ein 2. Gruppenspiel hatte das Match die Dramatik einer Finalrunde. Beide verloren ihr Eröffnungsspiel. Beide somit unter Zugzwang: Der Verlierer würde die Koffer packen müssen. Die Südamerikaner lieferten eine Fußballshow der Superlative. Die Türken, die mit dem Rücken zur Wand standen, waren viel zu brav, viel zu elitär abgehoben und glaubten noch bis zur letzten Minute, mit Schönwetterfußball den Ausgleich machen zu können. Dabei gab es mal Zeiten, wie bei der EM 2008, als die Türken die Tschechen in unglaublicher Manier niederrangen. Damals hatten sie nicht die besseren, aber die bissigeren Spieler, die mit schierer Willenskraft dagegenhielten.
Schlagabtausch: Uruguay : Cape Verde 2:2 Das Match gehört sicherlich zu einem der besten Gruppenspiele bei Weltmeisterschaften. Atemberaubend, wie sich die beiden Mannschaften mit offenem Visier begegneten. Noch jetzt bekomme ich Gänsehaut. Ein Schlagabtausch der Superlative. Muss man gesehen haben.
Auferstehung: Portugal : Usbekistan 5:0 In den letzten Wochen gab es nur ein Gesprächsthema: Ist Messi nach seinen Toren endgültig the GOAT? Ronaldo im Eröffnungsspiel enttäuschte auf ganzer Linie. Doch gegen Usbekistan meldete er sich zurück. Und wie! Die Altstars geben bei dieser WM noch einmal alles. Respekt.
Offensivspektakel: Kanada : Katar 6:0 Die Mannschaft aus Katar wusste nicht, wie ihnen geschieht. Die Kanadier überrollten sie förmlich. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass der Mitausrichter bei dieser WM nur durchschnittliche Spieler im Kader hat, abgesehen natürlich von Stürmerstar Jonathan David (Juventus) und Flügelmann Alphonso Davies (Bayern). Die mentale Einstellung stimmt jedenfalls bei den Kanadiern.
Spannungsfeld: Deutschland : Elfenbeinküste 2:1 Die Afrikaner gehören neben Marokko und Senegal zu den besten Mannschaften des Kontinents, forderten die deutsche Elf ernsthaft heraus und hielten die Partie bis in die Schlussminuten spannend. Leider fehlte es ihnen an Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Im Gegensatz dazu ist Einwechselspieler Undav ein Phänomen der besonderen Sorte: unspektakulär bis in die Haarspitze schießt er Tor um Tor. Entsteht vor unseren Augen eine Stürmerlegende?
Gedanken zu allen Spielen des 2. Spieltags.
Gruppe A
Tschechien : Südafrika 1:1 Das Duell der beiden Verlierer. Das erste Gruppenspiel von Tschechien gegen Südkorea (1:2) hatte ich nur in einer Zusammenfassung gesehen, aber es hat ausgereicht, um mir eine Meinung von der tschechischen Elf zu machen, und die ist keine gute. Einfach nur langweilig in allen Belangen. Keine Intensität. Keine Emotionen. Und die Lungen eines Kleinkinds. Zugegeben, da und dort eine gelungene Ballkombination, die führte auch in der 6. Minute zum Führungstreffer. Dadurch waren die Südafrikaner gezwungen, mehr fürs Spiel zu machen. Es brauchte freilich sehr lange, bis sie endlich Schwung aufnahmen, nämlich 80 Minuten. Da wurde ihnen ein Elfmeter zugesprochen. Wieder einmal ein Handspiel, das man pfeifen kann oder auch nicht. Vom Elferpunkt verwandelt Mokoena eiskalt. Respekt, wenn man bedenkt, welch Druck auf ihn gelastet haben muss. Von da an haben wir ein packendes Spiel. Die Afrikaner gewillt, offensiv Druck zu machen und die Tschechen bemüht, mit Gegenstößen gefährlich vors Tor zu kommen. Schlussendlich, Minuten vor dem Schlusspfiff, merkt man, dass die Tschechen mental und körperlich am Ende sind. Somit bleiben einzig die letzten 15 spannenden Minuten von einem sonst langweiligen 90-minütigen WM-Match übrig. Durchatmen. Fader kann’s nicht mehr werden.
Mexiko : Südkorea 1:0 Das Duell der beiden Gewinner ist an Fadesse nicht zu überbieten. Beide Mannschaften machen das Mittelfeld dicht. Somit bleiben nur die langen Pässe über die Abwehrlinien, die aber ungenau sind oder die Spieler ins Abseits laufen lassen. Die Erlösung in der 50. Minute, als der Mexikaner Romo im Strafraum einfach draufhält und ins Tor hämmert. Die Südkoreaner wachen erst in der letzten Viertelstunde auf. Haben die eine oder andere Torchance. Die größte: ein Kopfball aus nächster Nähe, den Torhüter Rangel pariert – der Nachschuss, der mehr ein gestocherter Schupfball ist, wird von ihm mit einer Hand entschärft. Respekt. Mexiko somit die erste Mannschaft des Turniers, die in die nächste Finalrunde einzieht. Noch dazu am ersten Platz. Kudos. Wirklich überzeugt haben mich die Mexikaner freilich nicht, und gegen stärkere Gegner braucht es sicherlich eine übermenschliche Teamleistung. Ihr nicht zu unterschätzender Vorteil ist, dass sie das erste Finalspiel in Mexiko als Heimspiel austragen. Und Südkorea? Wird sich steigern müssen. Der Einzug in die Finalrunde ist ziemlich sicher. Südafrika sollte keine Hürde darstellen.
Gruppe B
Schweiz : Bosnien-Herzegowina 4:1 Nach dem blamablen Remis muss die Schweiz wieder zu ihren Tugenden zurückfinden. Gleich von Beginn an ist zu spüren, dass sich beide Mannschaften an die Gurgel wollen. Die Schweizer setzen auf den schnellen und technisch versierten Ndoye von Nottingham und Ballverteiler Xhaka von Sunderland. Die Bosnier hingegen setzen auf Laufbereitschaft und Intensität in den Zweikämpfen. Man merkt, dass hier der Geist des Balkans in Köpfen und Füßen der Spieler herumspukt. Gefangene werden an diesem Spieltag nicht gemacht, so viel steht fest. Mit Torchancen ist die erste Hälfte nicht gesegnet. Schüsse werden geblockt (sic!), gegnerische Stürmer bedrängt, jeder Fehler vermieden. Die Spielweise der Bosnier ist kräfteraubend. In der zweiten Halbzeit ein ähnliches Bild. Aber dann kommt die Sternstunde der beiden Einwechselspieler Manzambi und Vargas, die die Entscheidung herbeiführen. Der junge Manzambi mit einem technisch versierten Volleyschuss, Vargas mit einem gefühlvollen Schlenzer ins lange Eck. Minuten zuvor musste ein Bosnier wegen Torraubs frühzeitig unter die Dusche. Manzambi legt dann noch ein Tor in der 90. Minute nach. Doch siehe da, der bosnische Einwechselspieler Mahmic knallt mit dem ersten Ballkontakt den Ball durch eine Schweizer Menschenmauer ins Tor. Seine Freude verhalten. Ja, und als Tüpfelchen auf dem I gibt es kurz vor dem Abpfiff auch noch Elfmeter für die Eidgenossen. Xhaka verwertet kaltschnäuzig. Die kampfkräftigen Bosnier wurden in den letzten 15 Minuten von den Schweizern mit feiner Klinge vorgeführt. Dabei haben die Bosnier gar keine schlechten Aufstiegschancen, spielen sie im letzten Gruppenspiel gegen ein wenig überzeugendes Katar. Die Schweiz hat wieder zu ihren Tugenden zurückgefunden und wird sich wohl den Gruppensieg holen.
Kanada : Katar 6:0 Huh. Das war mal eine Ansage von Gastgeber Kanada, die erneut wie die Feuerwehr losstarteten. Das gefällt mir an ihnen, diese spielfreudige Unbekümmertheit, die sich mit einer vehementen Entschlossenheit vermengt. Diese Einstellung führt dazu, dass der Gegner praktisch überrannt wird, falls er sich nicht zu helfen weiß. Katar wurde regelrecht erdrückt und hatte kaum Luft zum Atmen. Bereits in der 16. Minute wird angeschrieben. Von da an geht es Schlag auf Schlag. Die Katarer wissen nicht, wie ihnen geschieht. Wenig später das zweite Tor von ihrem „Vize“-Superstar Jonathan David, der infolge seinen Hattrick bekommen sollte. Dann wird auch noch Elamin von Katar mit Rot vom Platz gestellt – Torraub. Und knapp vor der Pause erhöht David auf das 3:0. Man ahnt, dass es knüppeldick kommen könnte für die Araber, die sich trotzdem, so gut es ging, zur Wehr setzten. Katarer Madibo übertrieb es mit einem Foul an Koné, der mit einer schrecklichen Verletzung abtransportiert wurde. Madibo, der sichtlich betroffen war, wurde mit Rot vom Platz gestellt. Die Kanadier spielten weiter munter drauflos. Kudos. Noch in der Nachspielzeit beim Stand von 5:0 setzt Jonathan David nach und schnürt seinen Hattrick. Bewundernswert, diese Einstellung. Im letzten Gruppenspiel gegen die Schweiz wird sich zeigen, ob Kanada in der WM angekommen ist – oder ob es sich nur um ein Strohfeuer gehandelt hat.
Gruppe C
Schottland : Marokko 0:1 Wie zu erwarten waren die spielstarken Marokkaner den Schotten in allen Belangen überlegen. Da reichte es, nur die Zusammenfassung zu gucken. Am Ende ist das Ergebnis recht knapp ausgefallen, da die Nordafrikaner viel zu fahrlässig mit ihren Chancen umgegangen sind. Das sollten sie in den Finalrunden abstellen. Und die Schotten? Haben die besten Fans. Ansonsten ist ihr Fußballspiel langweilig.
Brasilien : Haiti 3:0 Die Zusammenfassung reichte auch bei diesem Spiel aus, um zu erkennen, dass Brasilien eine Nummer zu groß für Haiti ist. Recht beeindruckend ist die Effizienz der Seleção, die mit fünf Torschüssen drei Tore macht. Respekt. Besorgniserregend ist der frühzeitige Abgang von Raphinha. Man möchte hoffen, dass es sich um keine ernsthafte Verletzung handelt. Im letzten Gruppenspiel gegen harmlose Schotten geht es nur noch darum, mit einem klaren Sieg den 1. Gruppenplatz abzusichern.
Gruppe D
USA : Australien 2:0 Die Australier überraschten mit einem offen gehaltenen Spiel. Im Gegensatz zum Match gegen die Türken versuchen sie, ihr Spiel auch offensiv zu gestalten und hatten die erste Torchance der Begegnung. Aber viel zu schnell, bereits in der 11. Minute, gingen die Socceroos in Rückstand und taten sich schwer, die Amerikaner länger unter Druck zu setzen. Durch das 2:0 kurz vor der Pause verlor das Spiel an Dramatik. Die Australier kämpften freilich aufopferungsvoll bis zum Schluss, aber man merkte, dass ihr offensives Pulver niemals reichen würde, um die Amerikaner zu gefährden. Ich hätte mir mehr erwartet von diesem Spiel. Auch gingen die Australier nicht sonderlich intensiv zu Werke – im Gegensatz zu einem Freundschaftsspiel im letzten Jahr. Alles in allem kein schlechtes, aber auch kein packendes Match. Die USA haben sich den 1. Gruppenplatz gesichert.
Türkei : Paraguay 0:1 Wer hätte das am Beginn der WM gedacht? Die stolze Türkei, die viele als Dark Horse bezeichneten, scheidet nach dem 2. Gruppenspiel ohne ein Tor geschossen zu haben aus. Ich dachte mir bereits, dass Paraguay all in gehen und wir einen Schlagabtausch nach südamerikanischem Stil bekommen würden. Ja, die erste Halbzeit startete gleich mal fulminant, nämlich mit dem überraschenden Führungstreffer des Underdogs in der 2. Spielminute. Dramatischer geht es nicht. Weil die Türken nicht verlieren dürfen, wollen sie weiter im Turnier bleiben, während die Südamerikaner mit einem Sieg gegen die Australier im letzten Gruppenspiel theoretisch sogar noch den zweiten Platz belegen können. Wir haben es somit mit einem Finalspiel zu tun. Und so fühlt es sich auch an. Intensive Zweikämpfe. Ein Hin und ein Her. Die Türken in spielerischer Hinsicht die bessere Mannschaft, aber Paraguay hält robust dagegen und ist im Konterspiel brandgefährlich. Beide Mannschaften „on the edge“. Jede Schiedsrichterentscheidung wird von den Spielern kommentiert, oftmals Rudelbildung und Auseinandersetzungen. Almirón, einer der bekannten Routiniers von Paraguay, entblödet sich nicht, unter vorgehaltener Hand einem Türken etwas zuzurufen. Natürlich schaltet sich der VAR ein. Nach der neuen Regel ist diese Art der Konfrontation mit Rot zu bestrafen. Almirón wird unter die Dusche geschickt. Unglaublich, wie der ehemalige Newcastle-Legionär sich zu solch einer Dummheit hat hinreißen lassen. Für die zweite Halbzeit heißt es für die Südamerikaner, auf Teufel komm raus alles verteidigen, was aufs Tor kommt. Und die Türken? Die laufen längst heiß. Ein abgefälschter Kopfball der Türken geht an die Latte, von dort an den Pfosten und wieder zurück aufs Spielfeld. Das Glück ist ein Vogerl aus Paraguay, so scheint’s. Das ist mal wieder Werbung für den Fußball. Nicht aus spielerischer Sicht, vielmehr aus dramaturgischer. Man muss die Südamerikaner einfach lieben. In der Nachspielzeit, mit einem Mann weniger am Feld, gehen sie noch aggressiv in die Offensive. Ich meine, welche Mannschaft würde das tun? Man muss vor ihnen den Hut ziehen, mit welcher Willensstärke sie selbstbewusst alle Versuche der Türken im Strafraum wegverteidigten. Dabei hatten die Türken ihre Chancen. Aber in beiden Gruppenspielen war das Glück nicht auf ihrer Seite. Andererseits, ich vermisste dieses unbändige Wollen von ihnen. Wo war die Brechstange? Noch Minuten vor dem Schlusspfiff versuchen sie eine spielerische Lösung zu finden, statt den Ball einfach in den Strafraum zu kicken. Ich würde den türkischen Trainerstab nach Uruguay schicken, die haben im Spiel gegen Saudi-Arabien gezeigt, wie man einen Rückstand aufholt. Die Türken zu zahm, da fehlte jeder Biss, jede Aggressivität. Kein Wunder, dass ihnen die Australier und die Paraguayer den Schneid abkaufen konnten. Ein Unentschieden hätte ich den Türken schon vergönnt, da dann das letzte Gruppenspiel gegen die USA ein „alles oder nichts“-Sturmlauf gewesen wäre. Aber es ist, wie es ist. Die Türkei eliminiert. Und Paraguay drücke ich die Daumen.
Gruppe E
Deutschland : Elfenbeinküste 2:1 Haben die Deutschen schlussendlich doch noch zu ihrer alten Tugend zurückgefunden? „Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen die Deutschen“, sagte einst Englands Gary Lineker, und die Begegnung mit der Elfenbeinküste gibt ihm recht: Die Afrikaner gehen bereits nach einer halben Stunde in Führung, und es brauchte Einwechselspieler Undav, um in der 68. Minute den Ausgleich zu machen. Dann ein Spiel auf Messers Schneide. Chancen hüben wie drüben. Aber erneut ist es Phänomen Undav, der in der Nachspielzeit den Siegestreffer schießt. Beeindruckend. Damit ist Deutschland der erste Gruppenplatz nicht mehr zu nehmen, da Ecuador sein Spiel gegen Curaçao in den Sand setzte. Nach dem Spiel dämmerte es mir, welche Spielphilosophie Nagelsmann umsetzen will. Ich nenne sie „fluider Ballbesitz“, und sie ist der argentinischen Taktik ziemlich ähnlich: spielerisch durch die Mitte kombinieren. Im Gegensatz zum amtierenden Weltmeister hat Deutschland freilich keinen Messi in seinen Reihen. Wirtz und Musiala hätten es werden können, aber irgendwie wollte es bis dato nicht so recht klappen. Verletzungspech der eine, schlechte Saison der andere. Und Lennart Karl, Jungspund bei Bayern München und Zukunftshoffnung des deutschen Fußballs, verpasst genauso wie Urgestein Serge Gnabry die WM wegen Verletzung. Das Match gegen die Elfenbeinküste hat eine deutsche Dominanz gezeigt. Natürlich ist nicht alles eitel Wonne, es gibt Licht und Schatten, aber die neu ins Team geholten Spieler Brown als Flügelmann und im Besonderen Nmecha als Box-to-Box-Spieler bringen die dringend benötigte Dynamik aufs Feld. Und Phänomen Undav – als Einwechselspieler – ist die personifizierte Torgefahr. Mich hat die deutsche Elf jedenfalls beeindruckt, und da Nagelsmann im letzten Gruppenspiel gegen ein enttäuschtes Ecuador einerseits das wichtigste Stammpersonal schonen, gleichzeitig aber auch neue Spieler ausprobieren kann, könnte es diesmal vielleicht sogar ein zweites Sommermärchen werden. Zugegeben, die Elfenbeinküste hätte das Spiel auch gewinnen können – die Chancen hatten sie. Aber man merkte, dass die Afrikaner einfach überfordert und nicht abgebrüht genug waren. Der hochgepriesene Diomande war viel zu blauäugig. Man stelle sich vor, ein Vinícius Jr., Gakpo oder Doué würde gegen Kimmich aufgestellt werden. Dann heißt es: eine Kerze in der Kirche anzünden und beten, dass die deutsche Offensive ordentlich wirbelt.
Ecuador : Curaçao 0:0 Das Unentschieden hatte wohl keiner auf der Rechnung. Dabei wusste man von Anfang an, dass die Südamerikaner das Defensivspiel zur Perfektion erhoben haben, aber wenn es ums Toreschießen geht, nun, da hapert es beträchtlich. Der in die Jahre gekommene Stürmer Enner Valencia ist ein Chancentod. Entsetzlich, wie er gute Chancen fahrlässig vergibt. Die beste hatte er nach wenigen Minuten, als er alleine auf Torhüter Room (Marktwert: €84.000) zuläuft und den Schuss zu lässig ansetzt. Room, der nach 90 Minuten mehr Saves als jeder andere Torhüter bei einer WM gemacht hat, kann parieren.Und so mühen sich die trägen Ecuadorianer, das Spiel zu entscheiden, und erinnern dabei an die kläglichen Türken. Da wie dort fehlte es an spielerischen Ideen – und so wurde oftmals einfach nur draufgehalten. Curaçao gelingt neben Kap Verde und der DR Kongo die nächste Sensation. Respekt. Noch dazu, das sollte man anmerken, hatte die ehemalige holländische Kolonie in der Karibik ziemlich gute Chancen, ein Tor zu machen. Beinahe ist man versucht zu sagen, hier spielte die C-Elf der niederländischen Nationalmannschaft.Gegen Deutschland muss Ecuador gewinnen, um noch aufsteigen zu können. Vielleicht ist ja die Nagelsmann-Truppe gnädig und stellt nur eine B-Mannschaft auf den Rasen.
Gruppe F
Niederlande : Schweden 5:1 Eine Viertelstunde auf der Uhr und die Niederländer führen bereits mit zwei Toren von neu in die Elf gekommenen Stürmers Brian Brobbey (What a name!). Die Schweden machen im eigenen Strafraum Schwimmübungen, während die Oranjes nach Belieben kombinieren und Chance um Chance herausspielen. Die Skandinavier bedanken sich bei der FIFA für die Hydration Break, denn dadurch können sie sich sammeln und mit neuen Instruktionen von Trainer Potter die Aufholjagd starten. Einmal landet der Ball im niederländischen Tor. Abseits. Hauchdünn. Die Schweden haben plötzlich mehr vom Spiel und erarbeiten sich gute Chancen. Aber der Anschlusstreffer will vor der Pause nicht gelingen. Schade. Man spürt, die Niederländer lassen sich viel zu leicht beeindrucken. Andererseits, das schwedische Stürmerduo Isaak und Gyökeres und dahinter der junge quirlige Ayari – alle drei verdienen ihre Brötchen in der englischen Liga – kann jeder Defensivabteilung den Angstschweiß ins Gesicht treiben. In der zweiten Hälfte versuchen die Schweden das Heft in die Hand zu nehmen und werden eiskalt erwischt. Gakpo macht seinen üblichen „Robben“-Move: von links entlang der Strafraumgrenze laufen und den Abschluss suchen. Kurzes Eck. Acht Minuten später schießt er auch noch das 4:0, aber die Schweden, seltsam, wollen nicht zurückstecken und schaffen durch den eingewechselten Elanga einen Kontertreffer. Da sah die Hintermannschaft der Niederländer nicht gut aus. Der Anschlusstreffer gibt den Schweden Auftrieb, aber oftmals versanden gefährlich vorgetragene Angriffe, weil die Konzentration nachlässt und der letzte Pass einfach nicht gelingen will. Liebend gerne hätte man einen Schlagabtausch der beiden Mannschaften gesehen, kein Schaulaufen der Oranjes. Den Schlusspunkt setzt der pfeilschnelle Summerville zum 5:1. Sein Gesicht kollidierte wenig später mit einem schwedischen Knie. Man kann nur hoffen, dass er sich davon erholen wird. Die niederländische Mannschaft unter einem Trainer, der sein modernes Handwerk versteht, wäre sicherlich als Mitfavorit für den WM-Titel im Gespräch. Aber Koeman ist genauso wie Martinez (Portugal) viel zu konservativ und lebt noch immer in der althergebrachten Vorstellung der defensiven Absicherung. Dabei zeigt sich immer mehr, wenn du starke Offensivkräfte hast sowie ein starkes Mittelfeld, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Würde man die Oranjes von der Leine lassen, sie könnten es weit bringen. Übrigens zeigte sich auch hier wieder, dass europäischen Mannschaften oftmals diese besondere Intensität fehlt, die vor allem südamerikanische an den Tag legen können. Alles in allem, ein unterhaltsames Match, aber die Dramatik, die gab’s nicht.
Tunesien : Japan 0:4 Das war wohl zu erwarten. Tunesien ist trotz neuen Trainers einfach in allen Bereichen zu schwach für diese WM. Somit heißt es, Koffer packen und sich gegen die Niederländer nicht auch noch abschießen lassen. Ein wenig hat man mit den Nordafrikanern Mitleid, denn wenn die Oranjes einmal Blut lecken, hören sie mit dem Toreschießen einfach nicht mehr auf. Schlag nach beim Schwedenspiel.Die Japaner konnten sich endlich spielerisch entfalten. Gegen die Niederländer waren sie taktisch gehemmt, und es brauchte schon das Glücksvogerl, um mit einem Unentschieden davonzukommen. Ob die Japaner gegenüber starken Teams zu ihren Tugenden zurückfinden werden und selbstbewusst und unerschrocken ihr schnelles Kurzpassspiel aufziehen können, bleibt abzuwarten.Schweden wird es ihnen womöglich nicht so leicht wie Tunesien machen. Andererseits ist es auch nicht völlig ausgeschlossen, dass sich beide Mannschaften auf ein Unentschieden einigen.
Gruppe G
Belgien : Iran 0:0 Bei den Belgiern gibt’s immer Spektakel. Bei der letzten WM wurden die Lukaku-Chancentod-Festspiele aufgeführt, die das frühzeitige Ausscheiden besiegelten. Belgien war zur Lachnummer geworden. Dieses Mal sollte es anders sein. Ist es? Zwei Gruppenspiele. Zwei Remis. Zwei Punkte. Es braucht demnach einen Sieg gegen Außenseiter Neuseeland. Dabei hat alles wie gewohnt in die richtige Richtung gezeigt. Die Belgier bestimmen von Beginn an das Spiel, flüssige Kombinationen die von De Bruyne und Trossard orchestriert werden und in der Mitte rumort Lukaku wie ein wilder Stier. Aber die Iraner – wir dürfen nicht vergessen, dass sie sich durch die amerikanische Auflagen nur 24 Stunden in den USA aufhalten dürfen – verstehen ihr defensives Handwerk wie keine andere Mannschaft. Im Vergleich dazu, sieht mir die Elf von Saudi-Arabien, die sich ebenfalls am selben Tag gegen Favoriten Spanien zu verteidigen hatte, wie eine Schülertruppe aus. Und im Umschaltspiel waren die Iraner brandgefährlich. Courtois musste das eine oder andere Mal in höchster Not retten. Und dann war da noch dieser Freistoßtrick, der zum Tor führte. Aber der VAR entschied auf Abseits. Da hat nicht viel gefehlt und die Iraner wären in Führung gegangen. Und so ging es über eine Stunde dahin. Die Belgier druckvoll nach vorne spielend, sich Chancen erarbeitend, und die Iraner, die sich in jeden Schuss werfen, die im Strafraum aufräumen. Beeindruckend auch die Leistung des iranischen Torhüters Alireza Beiranvand, der einmal mit einer unglaublichen Abwehr das Tor verhinderte. Ja, und dann kam die Stunde des jungen belgischen Innenverteidigers Nathan Ngoy, der einen Rückpass verschluderte und den durchbrechenden Taremi regelwidrig zu Fall brachte. Torraub. Rote Karte. Vorzeitige Dusche. Die Belgier nur noch mit zehn Mann am Feld. Die Iraner sind genauso geschockt wie ihr Gegner. Ihr Matchplan bestand darin, im tiefen Block alles wegzuverteidigen und im Konter Torchancen zu erspielen. Plötzlich sollten sie das Spiel machen. Taten sie auch. Gezwungenermaßen. Weil sich die Belgier zurückzogen und ihrerseits den Strafraum absicherten. Die Iraner versuchten sogar ein offensives Ballbesitzspiel vor dem Strafraum der Belgier aufzuziehen. Die eine oder andere Chance gab es. Aber in der Nachspielzeit hatten die Iraner keine Lust mehr und zogen sich zurück. Also nehmen die Belgier mit einem Mann weniger das Heft in die Hand und gehen in die Offensive. Wahrlich seltsam. Aber es blieb beim torlosen Remis. Ein unterhaltsames Spektakel. Da muss man direkt den Belgiern die Daumen drücken, dass sie weiterkommen. Wer möchte nicht den großen Zirkus bestaunen? Oder werden sie am Ende wieder zur Lachnummer? Mon Dieu. Und die Iraner? Sie werden es gegen bissige Ägypter im letzten Gruppenspiel nicht leicht haben. Da werden sicherlich die Fetzen fliegen.
Neuseeland : Ägypten 1:3 Die Zusammenfassung zeigt zwei Seiten einer Medaille. In der ersten Hälfte haben die Neuseeländer das Spiel im Griff, erzielen den Führungstreffer und überraschen die Ägypter mit spielfreudigem Zug zum Tor. Ich vermisste die Intensität von Salah & Co, die sie gegen Belgien an den Tag und auf den Rasen legten. War es das Nervenkostüm? Erst gegen Ende der ersten Halbzeit und schließlich in der zweiten Hälfte werden die Pharaonen gefährlicher, beginnen die Kiwis ernsthaft zu wanken. Aber es braucht Superstar Salah, der die Wende bringt. Er schießt ein Tor und legt ein zweites auf. Allerhand. Noch haben die Neuseeländer die Chance, in die Finalrunde zu kommen. Dafür braucht es freilich einen Sieg gegen bis dato enttäuschende Belgier. Eine Alles-oder-nichts-Partie. Die Ägypter wiederum, so viel kann man sagen, sind in der WM angekommen. Mir gefallen sie. Weiter so.
Gruppe H
Spanien : Saudi-Arabien 4:0 Die Fußballwelt atmet auf, weil Europameister Spanien endlich in die Weltmeisterschaft gestartet ist. Ein Kantersieg, würde man sagen. Aber ehrlich gesagt: weltmeisterlich war das Ganze ganz und gar nicht. Mehr Stückwerk als Gesamtkunstwerk. Die Saudis machten es den Spaniern viel zu leicht. Deckungsfehler führen zu drei Toren, und ein Olmo-Weitschuss (der Richtung Eckfahne ging, also recht peinlich für ihn) wird zum Abpraller, den Oyarzabal abstaubt. Ansonsten viel Ballherumgeschiebe rund um den Strafraum. Lamine Yamal trägt mit seinem Führungstreffer zur großen Erleichterung bei. Aber wie man den weltbesten Flügelspieler an der zweiten Stange ignorieren kann, ist mir schleierhaft, war er im Strafraum doch die einzige Anspielstation. Die Saudis in der Offensive bemüht, aber zu zurückhaltend, zu vorsichtig und damit verpufft auch die leiseste Torchance. Trotzdem scheint mir die Hintermannschaft der Spanier viel zu nervös zu sein. Das Innenverteidigerduo hat Vater-Sohn-Charakter: Laporte ist 32 Jahre alt und Cubarsí gerade einmal 19 Jahre jung. Mir fehlt bei den Spaniern die Intensität, die Dynamik, das schnelle Reagieren. Alles wirkt auf mich behäbig und träge. Es ist der Ballbesitzfußball alter Tage, der abwartend agiert und eine Lücke sucht. Schrecklich für jeden neutralen Zuschauer. So schön können die Tore gar nicht sein, wenn das Hin- und Hergeschiebe wie ein Trainingsmatch ohne Gegnerschaft wirkt. Man wünschte sich bei den Saudis eine Einstellung, wie sie die Spieler von Paraguay gegen die Türkei an den Tag legten. Wirklich, die Südamerikaner würden eher am Rasen sterben, als ein Spiel aufzugeben. Sehr löblich. Das gefällt mir. Warum sich die Saudis – wie Kap Verde – nicht mit einem Low Block verteidigen wollten, ist mir ein Rätsel. Dachten sie wirklich, sie könnten Pedri & Co. auf Augenhöhe begegnen? Beim Stand von 4:0 pressen sie die Spanier in deren Hälfte an. Was natürlich dazu führt, dass die Offensivkräfte der Iberer viel zu viel freien Raum vor sich haben. Das verstehe, wer will. Im letzten Gruppenspiel geht es für die Spanier gegen zähe Urus, die intensiv zu Werke gehen können. Wird Trainer Bielsa die Spanier überraschen? Anzumerken ist, dass ein Unentschieden für beide Mannschaften gut genug ist, um auf Platz 1 und 2 in die Finalrunde einzuziehen. Also wozu sich abmühen?
Uruguay : Cape Verde 2: 2 Ich wollte mir nur die ersten Minuten des Spiels angucken. Immerhin war der Anpfiff um Mitternacht und ich sehnte mich bereits nach dem Bett. Aber dann sah ich, wie die Mannschaft aus Cape Verde wie aufgezogen das Spiel zu den Urus bringen wollte. Allerhand. Kein Lowblock wie im Match gegen Spanien, sondern offenes Visier gegen Uruguay? Ist das möglich? Ich traute meinen Augen nicht. Und die schnell vorgetragenen Spielzüge der Insulaner begeisterten mich so sehr, dass ich dranblieb. In der 21. Minute ist die Fußballwelt ein Tollhaus. Kevin Pina von Cape Verde knallt den Freistoß durch die Zweimannmauer und ins Tor. Gibt’s nicht, denkt man sich. Reibt seine Augen. Ist aber so. Die Insulaner führen gegen den haushohen Favoriten aus Südamerika. Diese mühen sich redlich. Laufen. Kämpfen. Spucken. Viele Chancen, aber keine zwingende dabei. Kurz vor Ende der Halbzeit werden die Festspiele der Urus eröffnet: einmal staubt Maxi Araújo einen Pfostenabpraller ab, das andere Mal nur wenige Minuten später steht Agustín Canobbio (sein Zwillingsbruder muss der Italiener Calafiori sein, die Ähnlichkeit der beiden ist verblüffend) goldrichtig und schiebt den Ball ins Tor. Als schließlich der Halbzeitpfiff ertönte, war die Fußballwelt wieder in Ordnung. In der zweiten Halbzeit ein offener Schlagabtausch. Ein Fehler in der halben Hintermannschaft der Urus, die 40-jährige Torhüterlegende Muslera schaut da gar nicht gut aus, führt zum Ausgleich. Man fasst es nicht. Von da an geht es drunter und drüber. Was man hier sieht, ist Fußball, wie er gespielt gehörte. Keine Taktik-Tändelei, sondern einfach der Zug zum Tor. Es ist unfassbar, welche Sprints die Spieler noch in der Nachspielzeit abliefern. Das Sliding Tackling von Betancur Minuten vor dem Schlusspfiff, im Sprint grätscht er von hinten einem Insulaner den Ball weg, ist atemberaubend. Auf der anderen Seite läuft Canobbio allein aufs Tor von Cape Verde zu, aber ein gegnerischer Spieler sprintet ihm hinterher und hindert ihn am Abschluss. Nicht zu glauben, was sich da abspielt, abgespielt hat. Mir fehlen die Worte. Wahrlich. Man sollte dieses Match einrahmen und übers Bett hängen. Jetzt hat Cape Verde tatsächlich noch gute Chancen, in die Finalrunde zu kommen. Mit solch einer Leistung sollten sie Saudi-Arabien vom Platz fegen. Aber wir können davon ausgehen, dass Trainer Donis nicht blauäugig in das Spiel gehen wird. Gibt’s wieder großen Zirkus? Die Urus stehen mit dem Rücken zur Wand. Zumindest ein Unentschieden gegen Spanien muss her. Ob es reicht, steht in den Sternen. Heute werde ich sicherlich gut schlafen.
Gruppe I
Frankreich : Irak 3:0 Und wieder einmal ist es Ausnahmekönner Mbappé, der die Franzosen mit einem herrlichen Weitschuss bereits nach einer Viertelstunde in Führung bringt. Die Iraker, überraschend, halten aber dagegen und spielen sich sogar hie und da in den Strafraum der Franzosen. Erneut braucht es Mbappé, der in der 54. Minute mit dem 2:0 alles klarmacht. Der im Nationalteam zumeist neben dem Superstar verblassende Démbélé legt nach und schießt sein erstes Tor bei einer WM-Runde. Im letzten Gruppenspiel gegen Dark Horse Norwegen geht es um Gruppenplatz 1. Aber einen Schlagabtausch erwarte ich mir nicht. Trainer Deschamps wird vermutlich eine defensive B-Elf auflaufen lassen. Ein Unentschieden reicht den Franzosen. Und die Norweger wollen sicherlich nicht die Grande Nation herausfordern und ebenfalls ihren Stars eine Verschnaufpause gönnen. Ironie: Der zweite Platz in der Gruppe scheint mir in einen leichteren Zweig zu führen. Die Franzosen würden bereits im Achtelfinale auf die Deutschen treffen, die Norweger hingegen auf ein enttäuschendes Brasilien bzw. auf ein mit Verletzungssorgen geplagtes Japan. Ach ja, es gab auch eine mehrstündige Pause, da ein Unwetter über das Stadion niederging. Ich habe das freilich verschlafen..
Norwegen : Senegal 3:2 Die Norweger zeigen, dass man mit ihnen rechnen muss. Superstürmer Haaland schreibt erneut mit zwei Toren an. Respekt. Wird er mit Bällen gefüttert, gibt es kaum Torchancen, die er auslässt. Wobei ihm der gegnerische Torhüter ein Geschenk machte und sich den Ball von ihm abluchsen ließ. Aber diesmal ist Haaland zu überhastet und schiebt den Ball nicht ins Tor, sondern an die Stange. Das hätte sich rächen können. Weil die Afrikaner am Ende doch noch einmal Feuer fingen und die Hintermannschaft der Norweger zugegebenermaßen nicht auf der Höhe der Offensivspieler ist. Die Unerfahrenheit bezüglich WM-Turnieren spielt hier natürlich auch eine Rolle. Aber wenn die Norweger im Flow sind, dann können sie jeder Mannschaft ein Tor machen. Entsteht hier vor unseren Augen eine goldene Generation? Senegal muss um den Einzug in die Finalrunde zittern. Sie hatten auch eine schwierige Ausgangsposition. Bitter für die Senegalesen, die mit Talenten und erfahrenen Routiniers gesegnet sind, aber es fehlt ihnen jene Abgebrühtheit, die europäische Teams auszeichnet. Und dann vergeben sie auch noch fahrlässig die besten Torchancen.
Gruppe J
Argentinien : Österreich 2:0 Das Fußballfest war angerichtet. Die ganze Welt schaute nach Dallas und auf die Füße von Lionel Messi. Das Spiel begann beschaulich, abwartend. Bereits nach 3 Minuten stehen die Österreicher zwar kompakt, aber leider auf der falschen Seite. Die Argentinier spielen aus dem Pressing heraus, Messi verlagert auf die Seite, ein Steilpass und Lautaro Martínez zieht aufs Tor. Posch und Schlager holen Martínez ein und grätschen ihn gemeinsam weg. Es wird weitergespielt. Aber man ahnt Böses, weil Martínez einfach im Strafraum liegen bleibt. Natürlich schaltet sich der VAR ein. Aber es brauchte seine Zeit, bis der recht zurückhaltende Schiedsrichter auf den Elferpunkt zeigt. Bravo. Meine Stimmung im Keller. Aber wie ein kleines Wunder verschießt ausgerechnet Messi den Penalty, vielleicht, weil Torhüter Schlager lange stehenbleibt und sogar die richtige Ecke errät. Die nächsten 10 Minuten gehören den Österreichern. Die Argentinier sind in einer Schockstarre. Messi ist unkonzentriert und macht sogar einen Abspielfehler. All das ist Zeichen dafür, dass die Argentinier doch nicht so frei und unbelastet aufspielen, weil es heißt, sie hätten ja bereits 2022 den WM-Titel geholt. Aber der Druck ist trotzdem vorhanden, vor allem für Messi, der ein Barometer der ganzen Mannschaft, gar einer ganzen Nation ist. Lässt Messi – wie nach dem vergebenen Elfmeter – den Kopf hängen, zieht das auch die Mannschaft selbst mit runter. Aber nach 10 Minuten fängt sich Messi und seine Kumpanen, sie beginnen wieder, sich gefährlich vors Tor zu kombinieren. In der 18. Minute dann die Riesenschance von Messi, die Alaba gerade noch entschärfen kann. In der 31. Minute fällt der Ball glücklich vor Messis Füße, der Torhüter geschlagen, aber sein Schuss wird von einem Verteidiger geblockt. Bis dahin haben wir Österreicher immer wieder gute Szenen, freilich nicht torgefährlich, aber trotzdem beschäftigen wir die Hintermannschaft, die vermutlich als Schwachpunkt der Argentinier auszumachen ist. Aber dann kommt die 38. Minute und das Tor von Messi, auf das die ganze Fußballwelt gewartet hat. Dadurch setzt er sich an die Spitze der ewigen Torschützenliste bei Weltmeisterschaften, die mit 16 Toren Miroslav Klose angeführt hatte. Messi the GOAT. Ein schön herausgespieltes und klassisches Messi-Goal, aber dass Paul Wanner hinter Messi hertrabte und keine Anstalten machte, ihn zu stellen, trübt Wanners Aufstellung. Nach dem Tor waren die Argentinier Herr der Lage, hatten auch sehr gute Torchancen, konnten sie aber nicht verwerten. Etwa ab der 80. Minute zeigten wir mehr Zug nach vorne, gab es immer wieder Szenen im gegnerischen Strafraum. Die Argentinier verteidigten nur noch im tiefen Block, wollten das Ergebnis absichern. Und dann, ja, dann war nur noch eine Minute der Nachspielzeit zu spielen. Die Österreicher im Vorwärtsgang. Seiwald will den Ball in den Strafraum flanken, aber ein Argentinier blockt die Flanke und – wie von Zauberhand geführt – der Ball fällt einem gelangweilten Messi im Rückraum vor die Füße, der sofort hellwach das Konterspiel einleitet. Zwei Argentinier sprinten in den leeren Raum, Messi bedient perfekt, aber der Abschluss von Álvarez ist kläglich. Torhüter Schlager wirft sich ihm entgegen. Der Ball prallt ab und fällt vor die Füße eines Argentiniers, dessen Pass zu Messi leicht abgefälscht wird. Er nimmt sich den Ball trotzdem mustergültig mit, lässt einen unserer Verteidiger aussteigen, schießt – aber der Schuss wird geblockt. Wohin prallt der Ball ab? Praktisch in den Lauf von Messi, der diesmal einfach den Ball ins Tor spitzelt, an zwei Abwehrspielern hindurch. Absurd. Ich hätte ja mit der knappen Niederlage leben können. Aber das zweite Tor, nein, das geht gar nicht. Einerseits Slapstick, andererseits schicksalshafte Zufälle, die in hundert Jahren nicht zusammenkommen können. Aber das ist Fußball. Alles möglich, nichts unmöglich. Die englischen Podcasts, die ich mir nach den Matches anhöre, hatten für die Österreicher nicht viel übrig – das Einzige, was für die Experten zählte, waren Messis zwei Tore und der neue Rekord. Im Stillen sage ich mir, dass es kein Finalspiel, sondern eben nur ein Gruppenspiel war, das man nicht gewinnen musste. So gesehen, das will ich glauben, hätten wir noch einen Gang höher schalten und die Intensität steigern können. Die Argentinier, sie brauchten einen Sieg, wollten sie im dritten Gruppenspiel Messi schonen und Spanien aus dem Weg gehen. Das ist vielleicht auch wieder schicksalhaft für uns Österreicher. Wir spielen gegen den amtierenden Weltmeister in der Gruppenphase und in der Finalrunde der letzten 32 Mannschaften geht es (wahrscheinlich) gegen den amtierenden Europameister. Was sagt man dazu?
Jordanien : Algerien 1:2 Zum Frühstück guckte ich mir die zweite Hälfte an und war vom Spielstand überrascht. Die Jordanier führten 1:0. Allerhand. Wie gegen Österreich zeigt sich Jordanien im schnellen Umschaltspiel beeindruckend solide. Dass am Ende die Algerier verdient als Sieger vom Platz gingen, scheint mir an der Kondition der Jordanier zu liegen, die gegen Ende des Spiels merklich nachließ. Dabei gab es die eine oder andere Konterchance, aber Kräfte und Konzentration reichten nicht aus, um noch einmal ein Tor draufzulegen. Die Algerier wirkten nervös und völlig von der Rolle. Erst mit dem Ausgleich in der 69. Minute ging ein Ruck durch die Mannschaft. Der Führungstreffer knapp vor dem Ende von Gouiri erlöste ganz Algerien. Ehrlich gesagt habe ich ein wenig mit den Algeriern mitgezittert. Weil ein Sieg in die Karten der österreichischen Mannschaft spielt. Dadurch würden beide Teams mit einem Unentschieden in die Finalrunde einziehen. Die Ironie ist, dass 44 Jahre zuvor Algerien durch die Schande von Gijón aus dem WM-Turnier ausschied. Damals akzeptierten die österreichischen und deutschen Spieler am Rasen den Spielstand von 1:0 für Deutschland. Jenes Ergebnis, das beiden Mannschaften den Aufstieg auf Kosten von Algerien sicherte. Ich frage mich, was geschehen würde, falls die Rangnick-Elf mit einem Sieg die Algerier ein weiteres Mal vor die Tür setzen. Kaum vorstellbar. Und so wie die Algerier sich gegen bereits kraftlose Jordanier zum Sieg gezittert haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie in die Offensive gehen werden. Könnte ein müder Ballkick werden.
Gruppe K
Portugal : Usbekistan 5:0 Die erste Hälfte hat der Welt gezeigt, dass Cristiano Ronaldo oder CR7 noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Während er im ersten Spiel nur Statist war, erzielte er in den ersten 45 Minuten zwei Tore und hatte den Hattrick am Fuß. Allerhand. Die Fans von CR7 müssen jetzt völlig aus dem Häuschen sein. Nach den beiden Galavorstellungen von Lionel Messi sah es zappenduster für ihren portugiesischen Liebling aus. Er hätte in diesem Turnier eine Witzfigur werden können. Aber die Fußballgötter – sowie die perfekten Zuspiele von Cancelo und Bruno Fernandes – würfelten für den 41-jährigen Ronaldo, der sich auch in der Schauspielkunst verstand, als er bei einem Freistoß den usbekischen Torhüter so gut ablenkte, dass Nuno Mendes ohne Probleme direkt verwandelte. Respekt. Freilich, alles ist bei weitem nicht eitel Wonne. Usbekistan, auf Platz 50 der Weltrangliste, hatte sogar eine gute offensive Phase, erzielte den Anschlusstreffer mit einem herrlichen Weitschuss, der nach VAR-Intervention wegen eines vorangegangenen Foulspiels nicht gegeben wurde. Schade. Das Tor war wirklich sehenswert. Wie zu erwarten, kontrollierte Portugal das Spiel, ohne sich großartig anzustrengen. Die Zuschauer im Stadion und vor den TV-Geräten hofften, doch noch den Hattrick von Ronaldo miterleben zu dürfen. Aber es sollte nicht sein. Dabei überließ ihm der gegnerische Torhüter sogar einmal den Ball, aber sein Schuss fiel zu unplatziert aus. Besser machte es da Rafael Leão, der den Ball aus 15 Metern mit 100 km/h ins Kreuzeck knallt. Im ersten Gruppenspiel hatte der Ausnahmeflügelspieler keine rechte Lust und wirkte wie ein Fremdkörper. Diesmal schien er in Spiellaune zu sein. Überhaupt ist Portugal eine Mannschaft, die von Emotionen lebt. Nach dem blamablen Remis gegen die DR Kongo hat der heutige Kantersieg den immensen Druck fortgeblasen – jedenfalls bis zum nächsten Match. Aber überzeugen kann mich das Spiel der Portugiesen noch immer nicht – irgendwie fehlt mir der rote Faden. Usbekistan ist eindeutig eine der schwächeren Teams des Turniers. Im letzten Gruppenspiel geht es für die Portugiesen gegen Kolumbianer, die südamerikanische Konsequenz auf den Rasen bringen und sich nicht verstecken werden, geht es um den Gruppensieg. Dieses Aufeinandertreffen wird zeigen, ob Trainer Martinez in der Lage ist, die beste Mannschaft aufzustellen. Auswahl an Topspielern hat er genug. Aber wird die Zusammensetzung spielerisch harmonieren und für Tore sorgen können?
Kolumbien : DR Kongo 1:0 Wie schon gegen Portugal verteidigte die DR Kongo in einem tiefen Block und verteidigte alles weg. Die Kolumbianer bemühten sich, mit Intensität das Tor zu erzwingen, aber erst in der 76. Minute wurde der Bann gebrochen. Erneut ist es Crystal-Palace-Spieler Daniel Muñoz, der die Entscheidung herbeiführt, sein Schuss wird unglücklich unhaltbar abgelenkt. Die Afrikaner schalteten einen Gang höher, hatten sogar noch die eine oder andere Torchance, aber es sollte nicht reichen. Man wünschte sich, Kolumbien hätte früher getroffen, um einen hübschen Schlagabtausch zu sehen. DR Kongo hat alle Chancen, gegen Usbekistan in die Finalrunde aufzusteigen. Und Kolumbien gegen Portugal im letzten Gruppenspiel ist auf dem Papier ein Kracher. Aber wie viel Energie möchten Ronaldo & Co für den Gruppensieg verschwenden? Kolumbien hat mich im Offensivspiel noch nicht überzeugt. Zu viel hängt von ihren beiden Stars Luis Díaz und Daniel Muñoz ab. Aber südamerikanische Mannschaften mit ihrer Physis und Willensstärke sollte man nie unterschätzen.
Gruppe L
England : Ghana 0:0 Nanu? Im zweiten Gruppenspiel der Engländer scheint der Geist von Southgate auf der Trainerbank gesessen zu sein. Nach dem fulminanten Eröffnungsspiel gegen Kroatien, zeigen die Engländer gegen defensivstarke Ghanaer herzlich wenig. Man hätte es wissen müssen, dass Trainerfuchs Carlos Queiroz alles aufbietet, um Räume eng zu machen und keinerlei Räume an den Seiten anzubieten. Ghana stand ziemlich tief im Block, vergleichbar vielleicht mit Cape Verde (Spanien), DR Kongo (Portugal) und Australien (Türkei). Dadurch ließen sie die Ausnahmespieler Englands nicht zum Zug kommen. Trainer Tuchels Aufstellung verwunderte mich dann doch sehr. Warum mit zwei Sechsern im Mittelfeld beginnen, wenn man annehmen konnte, dass Ghana die Offensive vollkommen zugunsten der Absicherung aufgeben wird. Hier rächt sich wiederum die Taktik des schnellen Flügelspiels, wenn deine Flügelspieler nicht in die Trickkiste greifen können. Lamine Yamal oder Doku sind nicht nur Antrittsstark, sondern auch trickreich. Die Engländer haben am ehesten noch mit Saka solch einen Spieler – aber er ist noch nicht für 90 Minuten fit. Das Spiel der Engländer somit ein ermüdendes Ballherumgeschiebe vor dem Strafraum. Schrecklich anzuschauen. Eine große Torchance von Kane gab es dann doch, aber weil er den Ball mit dem schwachen Linken nehmen musste, drosch er den Ball übers Tor und irgendwo aufs Stadiondach. Peinlich. Eine Sache hingegen schmeckt nach Parteinahme der FIFA-Verantwortlichen. Nach einem Konterspiel sprintet Prince Adu mit dem Ball am Fuß in den gegnerischen Strafraum, wird aber vom englischen Verteidiger am Schuss gehindert, in dem dieser den Afrikaner mit einer Grätsche einen halben Meter über Bodenhöhe umreißt, ohne jemals auch nur annähernd in der Nähe des Balles gewesen zu sein. A blatant foul, würde man dazu sagen. Der Schiedsrichter pfeift die Szene ab. Gibt Abseits. Aha, denken sich vermutlich auch die Afrikaner und akzeptieren die Sache. Tatsächlich erfolgte die Abseitsstellung NACH dem Foulspiel. Warum sich der VAR nicht einschaltete, ist eines der größten Rätsel dieser WM. Hatte „man“ die Befürchtung, die Engländer könnten den Aufstieg mit der Niederlage noch verbocken? Tatsächlich hätte es dann nämlich im letzten Gruppenspiel ein Finalspiel gegen Panama gegeben. Das wollte vermutlich keiner bei der FIFA sehen: das kleine Panama kickt die große Fußballmacht England aus dem so prestigeträchtigen Turnier. Fehler geschehen. Natürlich.
Panama : Kroatien 0:1 Eigentlich dachte ich ja, dass die Kroaten kein Problem haben würden, das kleine Panama in die Schranken zu weisen. Deshalb gönnte ich mir endlich einmal wieder ein wenig Schlaf. Die Zusammenfassung zeigt hingegen ein verstörendes Bild. Panama ist lange Zeit die gefährlichere Mannschaft, erarbeitet sich Chancen, die aber schlussendlich nicht zum Ziel führen. Die Kroaten sind da effizienter, erzielen aus ihren wenigen Chancen in der 54. Minute den Führungs- und späteren Siegestreffer und verteidigen mit Hilfe ihres exzellenten Torhüters Livakovic bis zum Ende alles weg. Minuten nach dem Treffer hätte es 2:0 stehen müssen, da Pasalic alleine auf das gegnerische Tor zulief und nur einen Querpass auf den mitlaufenden Baturina machen hätte müssen. Aber das Ego oder die Nerven bevorzugten den schwierigeren Abschluss, und so vergab er die Chance recht stümperhaft. Ganz ungewöhnlich für eine sonst so geschlossene Mannschaft wie Kroatien. Aber ja, the times they are a-changin‘, seufzte die 40-jährige Legende Luka Modric, der sein 200. Spiel für Kroatien bestreiten durfte. Respekt. Für Panama heißt es leider Koffer packen. Wie gerne hätte ich sie im letzten Gruppenspiel gegen England in einem „all or nothing“-Game gesehen. Ja, das wär was gewesen. Die Kroaten nur noch mit einer durchschnittlichen Leistung im Halbgas unterwegs. Können sie sich steigern? Abschreiben würde ich sie jedenfalls nicht. Die Niederlage gegen England und der Sieg gegen Panama haben sie in die Spur gebracht.

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